Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1904)
- Date
- 1904-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1225 »Ich glaube, Vater," bemerkte darauf der Zunge Graf, »wir können auf den Geometer verzichten. Von jeher habe ich mich mit geometrischen Arbeiten mit Vorliebe beschäftigt, ich mochte, wenn Du es gestattest, einmal versuchen, diese Arbeit selbst zu übernehmen." Der Vater, hocherfreut über dieses Anerbieten, klopfte Ignatius auf die Schulter und sagte: »Wenn Du das Geld verdienen willst, ist mir's um so lieber. Was verlangst Du dafür?" »Zunächst mutz ich mir die Oertlichkeit einmal ansehen, das kann sofort morgen ftüh geschehen. Ich verlangte nur zum Transport der Stangen, Winkel und Scheiben einen Arbeiter, und zwar womöglich einen solchen, der schreiben und lesen kann, damit er sofort das Erforderliche aufschreiben kann." Der Graf lachte und meinte, datz sich ein Arbeiter, der schreiben und lesen kann, auf dem ganzen Schlotzgute und auch sonst wohl kaum findet. Wer die Kunst des Schreibens und LesenS versteht, unterzieht sich nicht den schweren körperlichen Arbeiten, und wer sich ihnen unterzieht, sei gewöhnlich des Schreibens und Lesens unkundig. »Da sieht man wieder den Theoretiker, der sich in Gedanken seine Sachen ganz schön zurechtlegt, und den es nicht stark stört, datz in der Praxis nichts damit anzufangen ist." bemerkte der Graf. »So war es nicht gemeint, Vater." entgcgnete Ignatius. »Es ist mir nicht fremd, datz Arbeiter nicht lesen und schreiben können. Ich meinte nur. wenn sich zufällig ein solcher Arbeiter fände, so wurde ich ihn vorziehen. Gibt's keinen, was wahrscheinlich der Fell ist, so muß ich mich mit einem anderen begnügen. Der Arendar wird's wohl wissen, wenn sich ein solcher Arbeiter hier vorfinden sollte. Ich werde ihn nachher fragen." »Soll ich Euere gräfliche Durchlaucht morgen ftüh abholen um Hochderselben Ort und Stelle zu zeigen?" fragte der Oberförster. »Es ist unnöthig, datz Sie den weiten Weg vom Forsthaus hierher und wieder zurück machen; ich bin morgen früh zwischen neun und zehn mit dem Arbeiter und den Meßwerkzeugen zur Stelle, oder lasse die letzteren vielleicht heute Abend noch in's Forsthaus schaffen." »Ich glaube nicht, datz wir dieselben schon am ersten Tage gebrauchen. Bei dem großen Umfang des Waldes werden wir morgen wohl kaum mit der Besichtigung des ganzen Areals zu Ende kommen." erwiderte der Oberförster. Da der Arendar gerade über den Schlotzhof ging, rief ihn der Graf hinauf. »Haben wir unter unseren Arbeitern vielleicht zufällig einen, der lesen und schreiben kann?" fragte der Graf den eintretenden Arendar. »Bedauere sehr. Euere Durchlaucht, nicht dienen zu können, emen Arbeiter, deö lesen und schreiben kann. haben wir nicht. Doch, doch! Ein Alter. Namen- Armin, der erst seit einem halben Jahre hier ist, der kann schreiben und wird auch wohl lesen können." »Dann lassen Sie ihn in Ihre Wohnung kommen und ihn dort auf mich warten," sagte Ignatius dem Arendar. »Ich will mir den Mann einmal ansehen, ob ich ihn gebrauchen kann." Eine halbe Stunde später trafen sich der junge Graf und der alte Arbeiter in der Wohnung des Arendars, wie zwei Leute, die sich noch nie in ihrem Leben gesehen, haben. »Wie heißt Er?" fragte der junge Graf.. »Armin, Durchlaucht!" »Er kann lesen und schreiben?" »So komm Er einmal mit mir, ob Er für meinen Dienst zu gebrauchen ist." Der Arbeiter folgte einige Schritte hinter dem Grafen her und dieser führte ihn direkt auf sein Zimmer. Dort erst reichte er seinem treuen Berather die Hand und hieß ihn niedersitzen. »Ich habe bewirkt." sagte der Jüngling, »datz ich die Abmessung für eine Wegeanlage im Bekony-Wald selber vornehmen kann und habe mir dafür einen Hilfsarbeiter, der Ksen und schreiben kann, ausbedungen, da ich wußte, datz Sie der Einzige unter all unseren Arbeitern sind, der sich darauf versteht. . Jetzt können wir ungestört viele Stunden des Tages beisammen sein. In den ersten Tagen werden wir zwar den Oberförster als lästigen Begleiter haben, aber ich werde darauf bedacht sein, ihn .sobald als möglich loszubekommen. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir morgen früh schon um sechs Nhr von hier fort. Wir können dann bis gegen zehn Uhr allein zusammen sein. Aber heute mutz ich mich in die theoretische und praktische Feldmetzkunst noch ein wenig vertiefen, da ich davon wenig verstehe und Sie gewiß auch niemals Gelegenheit gehabt haben, auf diesem Gebiet thätig zu lein." „Als ich einige Jahre älter war, als Sie jetzt sind," erwiderte Hirsch Pappenheim, »hatte ich wohl Veranlassung, mir bei einer ähnlichen Angelegenheit einige praktische Erfahrungen anzueignen." »Doch nicht auf der Peschiba oder Jeschiba, wie beißt die Schule doch, die Sie besuchten?" kragte der Graf. »Allerdings nicht auf der Jeschiba selbst, aber während der 3«it, in welcher ich sie besuchte. Es war dies in Wallersdorf, wo ein großer Brand ausbrach, der die ganze Judengasse und noch andere Straßen 5es Orts so vollständig verbrannte, daß es nach dem Feuer schwer war, den Umfang und die genauen Grenzen eines jeden einzelnen Hauses festzustellen. Das drohte eine Quelle von endloser Zwietracht zu werden. Aber «ein Lehrer nahm die Sache selber in seine gesegnete. Hand. Er nahm die Ausmessung und' Abgrenzung eines jeden einzelnen HäuseS vor. und ich leistete ihm