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Der Israelit · 1904-07-18 · Heft 57 (18.7.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 57 (18.7.1904)
Date
1904-07-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1209 „Was wünschen Sie von mir?" fragte das junge Mädchen, unwillkürlich zuruckweichend. Die. Dame schlug den Schleier zurück, Frieda erkannte ihre Mutter. Sie hatten einander seit einer Reihe von Jahren nicht gesehen, in denen Frieda sehr gewachsen, aus dem Kinde zur Jungfrau herangereift war. es war daher begreiflich, daß die Mutter ihrer Sache nicht sofort sicher gewesen. „Mama." sagte Frieda, indem sie der Mutter die Hand reichte, „wie geht es Dir?" „Nicht gut, liebes Kind," erwiderte die Mutter, mit gut geheuchelter Trauer tief seufzend, „gar nicht gut geht es mir, der Hintritt Deines theuren Vaters bat mich tief ergriffen und seitdem befinde ich mich auch in materieller Beziehung in Noth. Dieses ist Dein Wagen? Wenn Du gestattest, begleite ich Dich nach Hause, denn ich möchte über Verschiedenes mit Dir reden. Wo wohnst Du?" „Wo ich hier immer gewohnt habe, bei den Eltern meiner lieben Selma." „Bei den Verwaltersleuten? Aber das ist ja unerhört, ein Mädchen Deines Standes." „Vergiß nicht, liebe Mama, daß Selma's Eltern auch die Eltern meines Verlobten sind." „Deines Verlobten? — sprich nicht solchen Unsinn. — Aber wenn Du bei den Leuten wohnst, kann ich Dich nicht begleiten. Laß uns die Straße aufwärts gehen, ich habe mit Dir zu sprechen. Deine Freundin wird Dich hier im Wagen erwarten." „Willst Du, Selma?" „Gern, nur darfst Du nicht lange ausbleiben. Du weißt, die Abendluft ist Dir schädlich, Professor Keßler hat ausdrücklich davor gewarnt." „Sorge nicht, ich komme gleich zurück." „Also Frieda", begann Frau Grünwald, während sie neben der Tochter einherschritt, „ick setze voraus, daß Dir das Testament Deines Vaters bekannt ist." „Nein", erwiderte Frieda, „ich kenne es nicht. Es hätte doch vorläufig auch kein Interesse für mich, da ich noch nicht mündig bin." „Jntereffiren wird es Dich darum doch, daß Du eine reiche Erbin bist, da Dein Vater Dich zur Universalerbin seines Vermögens eingesetzt, während er mir eine überaus geringe Summe bestimmt hat, für die ich kaum trockenes Brod anschaffen kann, und Deinen Brüdern, den armen lieben Jungen, hat er noch weniger Hintersassen. Alle Welt spricht darüber, es ist geradezu ein Skandal. Junge Leute, wenn sie nicht genügend zu leben haben, gerathen gar leicht auf Abwege, und man findet es allgemein himmelschreiend, daß. ein Vater gegen seine Kinder so handeln kann. Um seinen Liebling, seinen Abgott, in Gold zu Hullen, läßt er die Mutter darben und die Söhne verkommen." Frieda wechselte wiederholt die Farbe. „Verzeih' Mama, ich kann mir nicht denken, daß der Papa so gehandelt haben sollte." „Was?" fuhr die Mutter auf, „Du mißtrauest meinen Worten? Du glaubst daß ich Dich belüge?" „Keineswegs traue ich Dir eine Lüge zu, aber ebensowenig kann ich von meinem theueren, unvergeßlichen Papa Schlechtes glauben. Es muß da irgendwo ein Jrrthum sein." ..Nun ja, freilich, das meine ich auch, Dein theurer, unvergeßlicher Papa bat sicher nichts Schlechtes thun wollen, aber er ist irre geleitet worden, vielleicht von Deinem Vormund, der mir von jeher feindlich gesinnt war oder von dem Rechtsanwalt, der das Testament entworfen Hai. der mich längere Zeit mit Liebesomräyen verfolgt hat. die ich selbstverständlich zurückgewiesen habe, wofür er sich durch das Testament gerächt hat. Aber ick bin überzeugt. Du wirst aus der Rache des Elenden keinen Nutzen ziehen wollen." „Gewiß nicht. Aber Du weißt doch, Mama, daß ich vor meiner Volljährigkeit in Geldangelegenheiten nichts machen kann. Mein Vormund ist überaus gütig und fürsorglich mir gegenüber, aber er hat mir ausdrücklich gesagt, ohne seine Zustimmung könnte ich nicht über hundert Kronen verfügen. Aber ich werde ihm schreiben." „Das nützt nichts, ich habe ihm doch schon geschrieben, aber seine Antwort —schweigen wir davon." „Das thut mir sehr, sehr leid," flüsterte Frieda, „aber ohne meinen'Vormund kann ich absolut nichts thun — wir müssen warten bis zu meiner Volljährigkeit." „Vis dahin ist Deine Mutter längst Hungers gestorben und Deine Brüder sind ärger als todt." . „Das wolle Gott verhüten!" stammelte das aufgeregte Mädchen. «Gott soll's verhüten?" spöttelte die Mutter, „das ist eine sehr bequeme Redensart, wenn wir selbst nicht Lust haben dem Unglück vorzubeugen, das Ändere bedroht." „Aber Mama, um's Himmelswillen, so sage mir doch, was ick thun kann!" „Was Du thun kannst?" Frau Grünwald blieb einen Augenblick stehen, lüftete ihren dickten Schleier, ein wenig in das ibr zugewandte zarte Mädchenangesickt. in dem die Farbe wechselnd stieg und schwand. „Was Du thun kannst? Ja. Kind, eine schwere Verantwortung lastet auf Deinen jungen Schultern." „Aber Mama!" „Man muß-Mes beim richtigen Namen nenntn, sonst täuscht man sich selbst. Während Du in Wohl-, leben und. Ueberflutz schwelgen wirst, werden Deine nächsten Angehörigen aus Mangel zu Grunde gehen."' „Mama, um Gotteswillen!" „Liebes Kind, ich kann Dir nicht helfen, so ist eS."

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