Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-07-14 · Heft 56 (14.7.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 56 (14.7.1904)
Date
1904-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450038--61016-2522052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45* Jahrgang. Kentrat-Hrgan für M 56. das orthodoxe IudenLßum Begründet von Id», in Oaittf. Dorrnerstag, de« Zum 9. Aw. Bon Dr. Hermann Klein. IL Mainz, im Aw. Es waren gekommen die Tage der Ahndung, gekommen die Tage der Vergeltung! Wie es Gott ven kündet -hatte durch 'den' Münd Seiner Propheten, so hat sich Alles erfüllt in schrecklich grauenvoller Wahrheit. Sie waren gekommen die Boten Gottes zu dem sündigen Volke, zu dem Bolle, das mit offenen Augen nicht sehen und mit offenen Ohren nicht hören wollte. Sie hatten geredet', zuerst bittend und beschwörend, mahnend und warnend und dann drohend und züchtigend. aber sie fanden kein Gehör, denn das Herz war krank, dcr Geist umstrickt von dem Trugnetze des Wahnes und Dünkels, das Auge blind, geblendet von dem Schimmer, den die Lüge verbreitet und das Ohr taub de»» Worte der Wahrheit und des Heiles gegenüber. Und so schüttete Gott die Schale seines Zornes über JisroiU aus und Sein Strafgericht erging furchtbar über das Volk und seine Führer, die es verführten, über Könige und Priester, die Gott untreu geworden waren und der Untreue Eingang verschafften in die Zelte Jacobs, über das Heiligthum und die heilige Stadt. Die Gottesstadt sank in Trümmer, die Stadt, die vollendet war an Schönheit, die eine Lust der ganzen Erde war, wurde einsam und verlassen, der heilige Tempek, die erste Stätte Gottes auf Erden, der Ort, an dem früher als irgendwo auf Erden der einzig einige, lebendige und mächtige Gott angebetet wurde, war in Staub dahingesunken. Nichts als Trümmer blieben zurück von aller Pracht, von allem Glanz und aller Herrlichkeit, nichts als Ruinen von den mächtigen 2. Aw 5664. 14. Juli 1904._. Bauten und bei den Ruinen steht der Prophet Jeremias, der mit der Todesbotschaft an das Volk gesandt wurde, der es in den Zuckungen des Todeskampfes gesehen. der sein Volk unter^hen sah — er steht am Grabe seines Volkes und singt ihm aus verwundeter, schmerzdurchwühlter und in tausend Wehen zuckender Seele den tiefergreifenden Grabgesang nar» na»* m Und das Volk wurde hinausgeschleudert in die Wüste der Völker, damit es sich in der Fremde auf sich selbst besinne. Und nun wandert Jisroöl schon seit fast zwei Jahrtausenden unter den Völkern umher, es klagt und jammert um die verlorene Herrlichkeit, Freude und Frohsinn sind aus seinen Reihen verschwunden, es benetzt den fremden Boden mit Thränen, die die Sehnsucht nach der alten Heimath erpreßt und alljährlich, wenn die Tage des Aw kommen, setzt es sich zur Erde nieder und klagt blutenden Herzens in den Lauten, die der Prophet des Schmerzes für seinen Schmerz gefunden, es weint in den Klageliedern des unglücklichen Propheten die Volksseele der Juden. — Doch nicht zu thatenloser Trauer allein soll uns die Erinnerung hinführen. — Die Thränen sollen als Thau auf fruchtbaren Boden rieseln und Blüthen und Früchte ihm entlocken. Sie sollen uns zum Nachdenken anregen, zum Nachdenken über den Grund unseres Elends, sie sollen uns die Quellen unseres Unglücks erkennen lassen, damit wir sie zum Verstechen bringen können; je tiefer wir erfüllt sind von dem Schmerzgefühle über das Verlorene, desto lebhafter mutz es uns hindrängen, zu thun, was in unserer Kraft steht, das Verlorene zurückzugcwinnen. den Verlust wieder einzubringen; je klarer und offener die Quellen vor uns aufgedeckt liegen, die unser UngEck verschuldet, desto leichter dürfte es uns werden, mit den Quellen das Unglück, mit der Ursache die Wirkung zu beseitigen. Und was war der Grund, daß wir unser Land, unsere Heimath, unser Heiligthum und unsere nationale Selbstständigkeit verlieren mußten?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.