Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1904)
- Date
- 1904-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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45. Jahrgang.' M 54. « IsrisM «» AenLrat-Hrgan für das orthodore IudenLHum. Begründet von Dt* ÄEhrnsn« in Odins» Donnerstag, den Denkschrift über öie Lage des gesetzestrenen Iuüenthums in Vaöen. In der auf unseren Aufruf erfolgten Kundgebung des Gr. Oberraths vom 29. Oktober 1903 wurde uns entgegengehalten, daß wir in diesem Aufruf zwar eine Anzahl schwerwiegender Vorwürfe gegen den Gr. Oberrath ausgesprochen, aber keine Thatsachen zur Begründung und keine Vorschläge zur Besserung vorgebracht hatten. Wir antworteten darauf in unserem zweiten Flugblatt, indem wir einzelne Thatsachen zur Begründung unseres Vorgehens anführten, im übrigen aber uns vorbehielten, auf denr Wege der Petition unsere Wünsche und Beschwerden an der geeigneten Stelle vorzutragen.' Indem wir uns nun gestatten, dem Gr. Oberrath die gegenwärtige Denkschrift ergebenst zu unterbreiten, hoffen wir damit einerseits den Beweis zu erbringen, daß die in der Landessynagoge bestehen den Verhältnisse dem streng konservativen Theile der badischen Judenheit in vieler Beziehung verbesserungsbedürftig erscheinen müssen, und andererseits die Richtung anzugeben, in welcher die Verbesserungen nach unserem Ermessen sich zu bewegen hätten. Zur Präzisirung unseres Standpunktes halten wir es für zweckmäßig, die historische Entstehung der Gegensätze im Judenthum, welche man durch die Begriffe Orthodoxie und Reform auszudrückcn pflegt, kurz darzulegen und die wesentlichen prinzipiellen Unterschiede hervorzuheben, welche die Anhänger der beiden Richtungen von einander trennen. Die Reformbestrebungen der Gegenwart datiren aus dem zweiten Dezennium des 19. Jahrhunderts; Israel Jakobson, der von dem König Jerüme von Westfalen zum Präsidenten des jüdisch-westfälischen Konsistoriums ernannt wurde, suchte zuerst den sogenannten Reformideen Aus- 24. Thamus 5064. 7. Juli 1804. druck und Geltung zu verschaffen. (S. auch Grätz, Gesch. d. I. Bd. XI. S. 412). Seine Reformen, die meistens der Kirche entlehnt waren und zum Theil gewaltsam durchgeführt wurden, waren das Vorbild für ähnliche Bestrebungen an anderen Orten, z. B. für den Reformtempel in Hamburg. Der Widerstand, der von Seiten der Anhänger des traditionellen Judenthums diesen Neuerungen entgegengesetzt wurde, galt nicht nur den Reformen selbst, sondern noch mehr dem Prinzip, das sich in ihnen aussprach und das mit dem ganzen historisch überlieferten Judenthum kollidirte. Es hatte allerdings auch schon in früheren Zeiten im Schoße der Judenheit, abgesehen von den Sekten der Karäer und Sabbatianer, einzelne gegeben, welche in ihrem Privatleben ihre religiösen Pflichten verletzten; aber im Gemeindeleben, in der Vertretung des Judenthums nach innen und nach außen, konnte die prinzipielle Uebertretung, die Abrogation irgend einer religiösen Vorschrift sich keine Geltung verschaffen. Das jüdische Gemeindeleben in der Zerstreuung war bis zu der eben erwähnten Zeit eine Verwirklichung der im Talmud und den auf denselben beruhenden religionsgesetzlichen Schriften enthaltenen Normen. Mit der offiziellen Negirung dieser Autorität trat im Judenthum eine Spaltung ein; den Anhängern des historisch überlieferten Judenthums standen diejenigen gegenüber, die, wie Heß bemerkt, bei Auslegung der heiligen Schrift „nur der von Wissenschaft und redlichem Forschungsgeiste geleiteten Vernunft" folgen. Von Seiten des Reformjudenthums wurden die der Ueberlieferung Treugebliebenen mit einer gewissen Verächtlichkeit ^Orthodoxe" genannt; eine Bezeichnung, die sie indessen selbst akzeptirten. insofern sie die Rechtgläubigkeit im Gegensatz zum prinzipiellen oder gedankenlosen Abfall vom Judenthum ausdrückt. In dem Rundschreiben des Gr. Oberraths vom Oktober 1897 heißt es'nun: „Der Unterschied zwischen den Orthodoxen und der fortschrittlichen Richtung im Judenthum tritt am deut-