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Der Israelit · 1904-06-30 · Heft 52 (30.6.1904) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 52 (30.6.1904)
Date
1904-06-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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45. Jahrgang. Lin Schatzkastlein altjüöischer Tunst. Inmitten des württembergischen Frankenlandes liegt die alte Bäder-, Salz- und Reichsstadt Hall. Wie ein Stück Schweiz muthet es einen an, wenn man mit der Eisenbahn über überbrückte Schluchten und durch Tunnele sich der Stadt nähert. Drunten im Thalkessel breitet sie sich malerisch aus, umrahmt von prächtigen, waldreichen Bergkuppen, die auf ihren Scheiteln altersgraue Burgen tragen, so die Johanniterordensfeste Comburg mit ihren einzigartigen frühgotischen Baudcnkmalen, die sagenumwobene Limburg, das Stammschloß des vom Dichter verewigten „Schenken von Limburg." Und erst die Stadt selbst! Eine Perle mittelalterlicher Baukunst, ein in pietätvoller Ursprünglichkeit erhaltenes Anschauungsmittel alter, deutscher Städtegeschichte. Noch sind nicht alle Schätze der formenreichen, farbenprächtigen Glanzzeit der alten Reichsstadt gehoben. Verdeckt von Schutt und Staub, vernagelt, verschalt, verriegelt und übertüncht von der alles nivellirenden Neuzeit harrt noch manches alte Kunstdenkmal der Auferstehung zu neuem Glanz und zu neuer Pracht. Auch für die jüdische Geschichte ist Hall höchst interessant, und ich will, um die Neugierde des Lesers nicht auf die Folter zu spannen, es sofort sagen, auch für den jüdischen Kunst- und Alterthumsfrcund birgt diese Stadt ein seltenes, altes Kunstdenkmal, das mir durch die Liebenswürdigkeit meines Kollegen und Freundes Hähnlein zugänglich gemacht wurde. Hall hat schon zu Ende des 13. Jahrhunderts eine größere Judengemeinde gehabt. In dem Erlaß des Kaisers Ludwig an den Burggrafen Johann von Nürnberg d. d. Scherdingen, den 5. Febr. 1343, werden schon angesehene Haller Juden als Gläubiger des Burggrafen aufgeführt. Allein in den Wirren des Jahres 134? verschwand die isr. Gemeinde der Reichsstadt Hall spurlos. Aber draußen vor den Thoren der alten Reichsstadt, in Eomburg-Steinbach nnd in Unterlimburg, wurden die Juden von den Johannitern und von den Schenken von Limburg geduldet und um gutes Geld geschützt. Als 1540 die Reichsstadt das Dorf Unterlimburg erwarb und mit dem Stadtbesitz verband, wurde das Privilegium der Juden nicht aufgehoben. Im nunmehrigen Stadttheil Unterlimburg hielt sich fortwährend eine kleine Judengemeinde, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zu der fünf Minuten entfernten Gemeinde Steinbach-Comburg hielt. Und nun hat Herr Lehrer Hahnlein-Hall die alte, schon seit Jahrhunderten aüfgegebene und vergessene^ Synagoge von ' Unterlimbura entdeckt. Das Gebäude ist s’52 des.Zsrsrkil." z. Zt. eine Scheune, der man von außen nicht ansieht, daß sie früher anderen Zwecken gedient hat. Im Innern aber birgt das unansehnliche Gebäude ein Denkmal mittelalterlicher, jüdischer Kunst, ein wahres Schahkästlein antiker Schnitzerei und Malerei, wie ich'S noch in keiner Synagoge getroffen habe.' Wie betroffen blieb ich stehen, als ich über alte, holprige Stiegen kletternd, durch enge Winkel schlupfend, oben unter dem Dach in einen etwa vier Meter breiten, sechs Meter langen, zwei Meter hohen, durchaus holzgetäfelten, reich bemalten Raum von meinem liebenswürdigen Führer geleitet wurde. Ich staunte die bunte Herrlichkeit wie ein Gebilde aus dem fernen Märchenlande sprachlos an. Wie ein Zauber lag's auf mir. Meine Feder kann nicht schildern, was rnein Auge sah. Diese Pracht muß man selbst gesehen habe»:; diese farbenprächtigen Alterthümer, umgeben von profaner Alltäglichkeit, mußmau auf sich wirken lassen! Und Freude und Schauer, Hochgenuß und Wehmuth ziehen und zittern blitzartig durch die Seele. Aus dem Staunen wird Andacht, aus der Bewunderung heischendes Verlangen. Die ganze Holzvertäfelung an Decke und Wand weist reiche künstlerische Berzierungen in Malerei und Schnitzerei auf. Ornamente. wie wir sie in den Vignetten und Holzschnitten alter Talmndexemplaren, Machsorim und Haggados so häufig sehen und bewundern, sind auf grünem Grunde in herrlichen Farbentönen und mit großartiger, künstlerischer Auffassung und Ausführung vorzüglich erhalten. Die Ornamente an den Seitenwänden dienen als Einrahmung von Gebetsstücken, wie Av horachamin, al Hakaul, Kaddisch, Jekum Purkon, Hanausen teschuoh u. a. Die Gebetstücke sind in sehr schöner, schwarzer Schrift, in wunderbaren Typen ausgeführt nnd durchaus gut leserlich. Nur das „hanausen teschuoh" ist in weißen, etwas verblaßten und theilweise unleserlichen Zeichen erhalten. Das Wort ,/Slädtemeinster" war gut zu entziffern. Der Name des „Städtemeinsters" war aber leider verwischt. In der Deckenmalerei treten uns das Reeim mit phantastischem Geweih, ein Elephant mit einem Thurmchen aus dem Rücken. Störche, Eulen u. a. Thiere, umrankt von stilisierten Blättern und Blüten, von Schnörkeln und Bogen entgegen. Mosestafeln und Thorarollen sind von schlanken, leichtfüßigen Hirschen getragen, zlvei prächtige Löwen hallen ein Mögen Dawid. Am der Ostwand ist ein zinnengekröntes von minaretartigen Thürmen flankirtes Gebäude übgebildet, vermuthlich eine Darstellung dem Tempels zu Jerusalem. An diesem Gemälde vermißt unser an zeitgenössische Kunstgebilde gewöhntes Auge die perspektivische Darstellung. Wir schließen daraus auf das hohe Alter des Gemäldes. Wir gehen nicht fehl, wenn wir die Entstehung der

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