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Der Israelit · 1904-06-23 · Heft 50 (23.6.1904) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 50 (23.6.1904)
Date
1904-06-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1568 Wendung gebracht werden, oder ihre Ausführung wird ein ganzes Heer von kostspieligen Beamten erfordern. Er könne aber der Regierung keinen Blancochek auf Hunderttausende ausstellen. Mr. Galloway: Die Beaniten werden einen kehr schweren und verantwortungsvollen Dienst haben, für den ste sehr gut werden bezahlt werden müssen. Außerdem werden große Baulichkeiten für die provisorische Aufnahme der Einwanderer, wie der Durchreisenden errichtet werden muffen. Die vermutblichen Kosten find wahrhaft beängstigend. Mr. Lloyd-George macht der Regierung dm Vorwurf, die ganze Angelegenheit der Bill ebenso leichtsinnig wie kopflos betrieben zu haben. Die ganze Bill ist wesentlich eine Geldfrage und die Ausjührung derselben dürfte weit mehr als 100,000 Pfund kosten. Es handelt sich doch nicht allein um die 8000 Einwanderer, sondern um die 80,000 Transmigranten, welche alljährlich Englands Boden betreten. Er beantrage die Kosten mit 6000 Pfund zu limitiren. Nach einigen weiteren Reden wird ein Antrag der Regierung auf Schluß der Debatte mit einer Majorität von 66 Stimmen angenommen. Darauf wird das Amendement des Mr. Lloyd-George mit einer Majorität von 64 Stimmen abgelehnt, worauf die Resolution der Regierung mit 192 gegen 140 Stimmen angenommen wurde. Durch die lleberweisung der Bill an das Gesetzeskomitee, das in der Wirklichkeit gar nicht einmal berechtigt ist. wichtige und tiefeinschneidende Bestimmungen zu berathen oder gar zu beschließen, hat die Negierung bekundet, daß sie allem Anscheine nach entschlossen ist, alle tiefeinschneidende Bestimmungen der Bill, wie die Stellung der Einwanderer unter Polizeraufstcht, die Schaffung des verbotenen Rayons u. a. m. fallen zu lassen. Es wäre wenigstens unfair und in den Annalen des englischen Parlaments unerhört, daß eine Gesetzeskommission, zu der andere dieser Kommission nicht angehörende Mitglieder des Unterhauses keinen Zutritt haben, wichtige Beschlüsse fassen soll. Man darf aber andererseits nicht außer Acht lassen, daß man es diesmal mit Antialienisten, wenn nicht gar mit Antisemiten zu thun hat. Wer hat es aber je gehört, daß Antisemiten, wenn ste das Heft in Händen hätten, irgendwie fair gewesen sind. Korea. Aus. Föngivantfchong, 2. Mai. veröffentlicht die „Welt" den Brief eines jüdischen Infanteristen im 13. sibirischen Regiment, dem wir folgende Stelle entnehmen: Nun will ich Ihnen über unsere Peßachfeier genau Bericht erstatten. Chomez haben wir nicht gegessen. OS wir am 30. März (Erew Peßach) in Chardin um 2 Uhr mittags einirafen. müßten "wir noch Chomez essen und glaubten nicht einmal Mazzos vor Augen zu sehen. Woher denn auch? Um die wenigen Mußestunden an diesem Tage nicht unbenützt vorübergehen zu lassen, nahm ich mein Thillimbuch zur Hand und begann inbrünstig darin zu lesen. Da hörte ich plötzlich die Stimme unseres Hauptmannes rufen: Juden, Juden! Erschreckt sprang ich von meinem Platze auf. steckte mein Thillim in die Tasche und lief aus Leibeskräften zum Hauptmann. Siehe, eine angenehme Ueberraschung! Derselbe übergab mir eine Kiste Mazzos von etwa 4 Pud mit der Bemerkung, diese fei für die in unserer Kompagnie befindlichen Inden bestimmt. Wir waren unser 13. begaben uns dann auf die Such? nach einem Platz, wo wir ungestört die Sederfeier abhalten könnten. Im Personenwagen war es unmöglich, da unsere christlichen Kameraden dort überall ihr Brod hatten. Nach langem Bitten und Ersuchen wies uns der Hauptmann einen Platz im Pferdewagen an, stellte uns Heu und Stroh zur Verfügung, und so begannen wir uns einzurichten. Die Mazzoskiste diente uns als Tisch, wir deckten Handtücher darüber, legten unser Mazzes und Gebetbücher darauf und der Seder begann. Schade, daß wir dort keinen Photographen hatten, der diese eigenartige Feier auf der Platte hätte fixiren können. Einige weinten, andere lachten: ich selbst hätte zu den ersteren gehört, wenn mir nicht gerade die Beschäftigung mit der Feier einige Zerstreuung geboten hätte. Am nächsten Morgen hielten wir das Pesach-Gebet mit Minjan ab. Nach dem Beten machten wir uns daran, unsere Kochgeschirre zu kaschern (für Pesach brauchbar zu machen). In Ermangelung eines großen Kessels, worin wir diese Gefäße hätten hineinthun können, mußten wir uns einen anderen Rath schaffen. Wir legten drei Steine in den Ofen und warteten, bis sie glühend wurden, worauf wir ste in unsere Theetöpfe legten und Wasser darüber gossen. In diesen Töpfen haben wir Pesach unsere Speisen bereitet. Das köstliche Sedermahl bestand aus folgenden Speisen: Mazzes, Thee. Zucker, Eier, Wasser. Aepfel. Birnen. Nüsse, Pistazien und Apfelsinen, zusammen 10 Gänge. Um 4 Uhr Mittags erreichten wir Liaojang, wo die Juden des 23. Regiments 30 Puds Mazzes erhielten. Wir haben alle Gott sei Dank kein Cbomez gegessen. Der Mangel an Lebensmitteln ist hier sehr stark, wir zahlen für Thee 1.20 Rub. pro Pfund, für Zucker 80 Kop. Branntwein ist hier eine Seltenheit. Der gewöhnliche Preis ist 2V. Rub. die Flasche. Sehr oft geschieht es. daß die Lebensmittel gänzlich zu Ende gehen: wir haben schon zwei Tage hintereinander nichts zu essen bekommen. Herzlichen Gruß Ihr A. M. B.

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