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Der Israelit · 1904-06-16 · Heft 48 (16.6.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 48 (16.6.1904)
Date
1904-06-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1004 Kritik Zeit zu eingehender Stellungnahme bleibt. Der interessanteste Theil des genannten Artikels aber sind die Auslassungen über das „neue Gebetbuch". «Denjenigen, die das Erscheinen des neuen Gebetbuches ersehnen, kann die Erfüllung ihres Wunsches nicht in nahe Aussicht gestellt werden." Dies ist der Beginn einer sauersüßen Auslassung über die Tefillo, deren beabsichtigte Einfühlung in jüdischen Kreisen Badens schon so vielen Staub aufgewirbelt hat. Begründet wird diese hinausgeschobene Geburt des Gebetbuches mit den Schwierigkeiten des neuen Werkes, dessen erster Band nun seit zwei Jahren im Drucke und doch erst zur Hälfte gediehen sei. Jedenfalls werde die Herstellung des ersten Bandes noch ein weiteres Jahr dauern. Dann erst soll der Entwurf zu billigem Preise der Oeffentlichleit übergeben werden, um den weitesten Kreisen — insbesondere auch in Norddeutschland, wo man üch sehr für das oberräthliche Unternehmen interessire — die Prüfung und Beurtheilung zu ermög- . lichen. Hierfür sei wiederum ein Jahr vorgesehen, sodaß günstigenfalls die übernächste ordentliche Synode mit dem Entwürfe des e r st e n Bandes befaßt werden könnte. „Bei dieser Sachlage wäre es durchaus verfrüht, wenn diejenigen, denen die Schaffung eines neuen Gebetbuches am Herzen liegt, durch die Herausforderungen einiger kampfeslustiger Gegner sich verleiten lassen würden, aus ihrer besonnenen Zurückhaltung herauszutreten." Soweit der Oberrath bezw. Herr Regierungsrath Mayer? Wer außer diesem Herrn und einigen Genossen im Gr. Bad. Oberrath der Israeliten das neue Gebetbuch ersehnt, ist schwer zu errathen. Wie aber gar das große Interesse in Norddeutschland Veranlassung zur Herausgabe einer neuen Tefillo in Baden durch die badische Oberbehörde geben mag, ist uns unerfindlich, es sei denn, daß man überzeugt ist von dem tiefen Einfluß, den die badische Oberbehörde in religiösen Dingen in ganz Deutschland ausübt und die daraus resultierende Verpflichtung anerkennt, diese geistige Führerschaft absolut nicht aus der Hand zu geben. Was die lebende Generation nicht versteht und begreift, wird eine folgende um so dankbarer anerkennen. Jedenfalls sind es aber auch gegenwärtig nur „einige in weiteren Kreisen' unbekannte Persönlichkeiten". die die Kampfeslust zum Widerstande veranlaßt hat und denen jedes Verständniß für das in seiner tiefen Bedeutung für die Förderung wahrer Religiosität einzig dastehende Werk abgeht. Das neue Gebetbuch wird sehr wohl mit und neben dem alten benützt werden können. Der Oberrath wird im Gegentheil selbst Mehrheitsbeschlüssen auf Aenderung des altherkömmlichen Gottesdienstes umso eher die Berücksichtigung versagen können.. wenn es den modern Gesinnten ermöglicht ist, durch Benützung des neuen Gebetbuches ihr religiöses Bedürfniß auch im alten Gottesdienste zu befriedigen. Dersteh's, wer's kann! Das gibt also einen Gottesdienst, der ungefähr so aussieht, wie jener des verstorbenen Bezirksrabbiners Dr. Sondheimer von Heidelberg am achten Tage Pesach. Dieser Herr erklärte diesen Tag für einen Werktag, wie jeden anderen, gleichwohl sollte aber selbst einerMinderheit das Recht geivahrt bleiben, nach ihrer Fa^on selig werden zu können. Die Mehrheit betet werktäglich, die Minderheit festtäglich. Man denke sich eine kleine Gemeinde mit nur einem Vorbeter und male sich das Andere nach Belieben aus. So kann es auch nach Einführung der neuen Tefillo werden. Der Vorbeter betet die Brochaus in „altherkömmlicher Weises und die „Modernen" sagen nicht „Amen" darauf, sondern beten jene des Bezirks¬ und Konferenzrabbiners Dr. Steckelmacher und umgekehrt etc. etc* Schade, daß die Sache noch für Jahre hinaus ein „frommer Wunsch" bleibt! Den kampfeslustigen Gegnern des oberräthlichen Gebetbuches ist aber mit dem Hinausschieven des .Erscheinens desselben ein böser Streich gespielt worden. Ihnen ist ja aller Agitationsstoff danrit genommen worden und — der Verein zur Wahrung des gesehestreuen Judenthums in Baden mag sich schlafen legen oder sollte doch noch Manches für ihn zu thun übrig bleiben?! Belgien. Spa, IS. Juni. Spa ist ein internationales Bad. das sämmtliche Einrichtungen eines modernen Kurortes besitzt. Es hat großartige Promenaden, prachtvolle Badeeinrichtungen, heilkräftiges Mineralwasser u. s. w. aufzuweisen. Diese Vorzüge locken alljährlich Tausende von Gästen hierher, doch war es orthodoxen Juden bis vor Kurzem noch unmöglich, sich wegen des Mangels an ritueller Kost hier aufzuhalten. Dieses Jahr nun ward ein Gottesdienst eingerichtet in einem schön ausgestatteten Lokale, zu dem die Stadt selbst ' größtentheils die Einrichtungsstücke, wie Aron hakkodesch. menorah und schulchan gestiftet hat. Der Mangel an einem jüdischen Restaurant wird dadurch erseht, daß Herr H. L e h m a n n. 16, place St. Michel Liege, sich bereit erklärt .hat, rituelle Kost gegen vorherige Anmeldung abzugeben. Wir hoffen, daß durch diese Einrichtung der schöne Badeplatz auch in den Kreisen unserer Glaubensgenossen Anhänger findet. Rußland. Petersburg. Wie der „Fraind" meldet, hat der Minister des Innern dem Senat einen Gesetzentwurf, betreffs Aenderung der Bestimmung, die den Juden verbietet innerhalb 50 Werst d<r Grenze, zu wohnen, vorgelegt. '

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