Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1904)
- Date
- 1904-06-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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d»6 2000 Gemeinden Deutschlands auch der geistige und religiöse Führer der Gemeinde sein mutz, sei es dringend erforderlich, entsprechend den erweiterten Anforderungen in den allgemeinen Fachern auch eine Erweiterung des Lehrziels auf dem Spezialgebiete zu fordern. Im Seminar dürfen Mischna. Talmud und Codices keinesfalls fehlen. Das Wissen im „Jüdischen" tragt zur Hebung des Standes unendlich viel bei und umgekehrt schadet nichts der Stellung und der Autorität des Lehrers mehr, als Unwissenheit auf einem Gebiete, auf dem man gerade vom Lehrer so viel erwartet. Der Vortragende stellte das Lehrziel für Präparandenschule und Seminar auf, verlangte aber noch ausdrücklich die Behandlung der Methodik der einzelnen Religionsfacher, insbesondere des Uebersetzungsunterrichts. Was die Fortbildung der jüdischen Lehrer betrifft, so fei die von Rektor Dr. Gutmann vorgeschlagene Art vollkommen verfehlt. Der Lehrer soll kein Gelehrter werden; er soll sich aber so praktisch fort bilden, daß er in allen vorkommenden Dingen beschlagen und wenigstens im Stande ist. einen „Din" im Ritualkodex selbst aufzufinden und zu erfassen. Auch „sprachwissenschaftliche Studien" und Bibelkritik brauche der Lehrer nicht zu treiben. Redner fand in der von Dr. Gntmann gemachten Aufstellung der Hilfsmittel für die Fortbildung eine Anzahl Werke von Verfassern mit radikalem Standpunkte, vermißte aber die vorzüglichen Samson Raphael Hirsch'schen Schriften. Die einseitige Behandlung der Frage vom religiös-freisinnigen Standpunkte aus sei bei Dr. Gutmann nicht zu verkennen, aber unter allen Umständen zu verwerfen. In der Debatte machte Herr Rabb. Dr. L o e v y - Graudenz den Vorschlag, in unserer Provinz Fortbildungskurse im Hebräischen einzurichten. Redner stellte sich im allgemeinen auf den Standpunkt des Referenten. war aber der Meinung, daß der „Onkelos" aus dem Lehrstoff ausscheiden könne. Darauf wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Verein jüd. Religionslehrer Westp.reußens erklärt üch nicht einverstanden mit dem einseitigen Vorgehen des Verbandsvorstandes betreffend die Ausarbeitung eines Exposees über die Fortbildung des jüdischen Lehrers auf dem Gebiete der Religionswissenschaften. Die jüdischen Lehrer sollen sich möglichst für's praktische Leben und nicht zu Gelehrten fortbilden. Die Auswahl der von Rektor Dr. Gutmann zur Fortbildung empfohlenen Werke halten wir für verfehlt, weil die letzteren fast durchweg von liberal-religiöser Anschauung durchzogen sind/ Zweiter Tag. Die Verhandlungen wurden in den Raumen des Casper Lachmann'schen Provinzial-Waisenhauses begonnen, woselbst Herr D. Wolfs- Thorn namens des Kuratoriums die Lehrer begrüßte und dieselben bat, in ihren Gemeinden für das Waisenhaus propagandistisch thätig zu sein. 5) Sodann hielt Herr Waisenhaus-Direktor Abraham -Graudenz seinen Vortrag: „Der Anfangsunterricht im Gebetübersetzen, ein methodischer Versuch." Der Referent führte aus: „Die Methode des Hebräischen müsse zugleich den Gesetzen der Pädagogik und der Eigenart des Stoffes gerecht werden. Er empfehle: 1. Vermeidung alles rein mechanischen Verfahrens (kein bloßes Vor- und Nachübersetzen, keine beigegrbene gedruckte Uebersetzung. dagegen: Vokabeln und die nothwendigsten grammatischen Regeln.) 2. Beobachtung vor allem des Grundsatzes: Vom Leichten zum Schweren (daher Anordnung des Gesammtstoffes für den Anfangsunterricht nach grammatischer Schwierigkeit unter möglichster Berücksichtigung des inneren und äußeren Zusammenhangs; Uebungssctze zur Vertiefung des Inhalts und Befestigung der Vokabeln). 3. Besprechung des religiösen Inhalts und der liturgischen Bedeutung des Textes. Eine durchaus gelungene Lehrprobe über den Segeusspruch beim Brodgenuß mit den Kindern des Waisenhauses veranschaulichte die vorgcschlagene Methode. Hochinteressant gestaltete sich die Diskussion, welche mehrere Stunden in Anspruch nahm. Während die Kollegen Schreiber -Danzig und Rynarzewsk i - Pr. Stargard die bisherige Methode vertheidigten, weil man dabei schneller vorwärts komme, stellten sich Friedländer - Danzig, Rabb. Dr. Levy und Mannheim- Graudenz mehr oder weniger auf den Standpunkt des Referenten. Ein langsameres Vorwärtsschreiten im Anfänge gewährleiste größere Sicherheit und besseren Erfolg auch für die späteren Schuljahre. In seinem Schlußwort meinte Referent, ein endgültiges Urtheil über die vorgeschlagene Methode wäre wohl nur möglich, lvenn ein nach diesen Grundsätzen bearbeiteter Leitfaden für den Anfangsunterricht vorliegen würde. Ein solcher sei auch gegenwärtig von ihm und Kollegen Mannheim in Vorbereitung. 6) Hierauf folgte die Besichtigung des jüdischen Waisenhauses und ein Einblick in den Handfertigkeitsunterricht der Kleinen. Die vorzügliche Einrichtung des Waisenhauses und die innere Ordnung, sowie die bereits erworbene Handfertigkeit der Kinder fanden allgemeine freudige Anerkennung. 7) Nach einer halbstündigen Frühstückspause behandelte Kollege Süßkind -Schoeneck das Verbandsthema: „Welche Gebiete aus der nachbiblischen Geschichte sind für die verschiedenen Schulsysteme vornehmlich auszuwählen?" Der Bortrag fand den verdienten Beifall der Versammlung. Ueber das vom Referenten aufgestellte, ins Einzelne gehende Lehrziel wurde nicht diskutirt, weil die Verhältnisse in den ver- 'schiedenen Landestheilen und Schulen zu sehr ausein-