Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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§15 geliebte Tobte eine Sefer Thora schreiben, die' sie der hiesigen Israelitischen Religionsgesellschaft schentte. So wird die schlichte, giitevolle Frau stets in der Erinnerung aller, die sie kannten, als ein hehres Vorbild der 7, ra«* fortleben. rrrttn ftottitf, im Mai. (Die Mordaffaire vor ihrem Schlußakt.) Von hier schreibt ein Mitarbeiter der „Ostsee-Zrituyg*: „Ich muß es mir für heute noch versagen, im Zusammenhang auf die der Oeffentlichkeit bisher noch nicht bekannten Resultate der Ermittlungen in der Affaire Winter einzugehen. Einstweilen nur die nachstehenden Thatsachen, die einem engeren Kreise bereits seit längerer Zeit kein Geheimniss mehr sind. Als seiner Zeit die Pappbülle der im Mönchsee gefundenen Le!-, chentheile durch den Berliner Gerichtschemiker Dr. Bischofs einer Untersuchung unterzogen wurde, entdeckte dieser an ihr einige merkwürdige kurze, gelbe, borsten - artige Haare. Die Wahrnehmung des Berliner Sachverständigen ist in einem der im Zusammenhang mit dem Verbrechen angestrengten Prozesse öffentlich erwähnt worden, ohne dass damals nähere Aufklärung über die eigentliche Beschaffenheit dieser Haare gegeben wurde; in Wirklichkeit wusste man bereits zu jener Zeit, dass sie vom Fell einer gelblich gefleckten Katze stammten. Nachträglich iss dann zur Kenntmss der Behörden gekommen, dass bald nach dem Tode Winters eine junge Koni her Arbeiterfrau mit einem verdeckten Kinderwagen in einer entlegenen Gegend des Stadtwaldes nabe der späteren Fundstelle des Kopfes gesehen worden war. Auf Befragen erklärte die Frau, sie habe sich damals auf dem Wege nach dem Nachbarorte Klein - Könitz befunden, wohin sie in dem Wagen irgend einen ' aleickmültiaen Gegenstand transportirt habe. Darüber, wesshalb sie trotz der ungünstigen Jahreszeit und trotz des nasien Wetters sich zu dem Umweg durch den Wald veranlasst aeseben. konnte sie eine befriedigende Aufklärung nicht aeben. Es wurde nunmehr zu einer Haussucknma in ihrer Wohnung geschritten; dabei fanden sich in dem Kinderwagen dieselben gelben Haare vor. wie sie an der aus dem Mönchsee gezogenen Papvr entdeckt worden waren. Es ergab sich ferner, dass die Frau von ihrem Manne am Tage des Verschwindens Winters, und zwar in den Nachmittagsstunden, aus unbekanntem Anlass körperlich schwer gemisshandelt worden war. Auffällig war. dass eine Verwandte der Fran bald nach dem Tode Ernst Winters eine detaillirte und zutreffende Beschreibung der Uhrkette des Gerieten. die ste im Levi'schen. Hause gesehen baben wollte, neben konnte: noch auffälliaer war. dass die gelammten Mitalieder ihrer Familie sich gleichzeitig nach Kräften bemühten, den Verdacht. Winter ermordet zu haben, auf die Inden in. Allgemeinen und Levv im gWnntymi zu lenken. Die Beobachtungen, die in dieser Richtung von den Verwandten der Arbeiterfrau ge-: macht worden sein sollten, haben viel zur Erhöhung der Aufregung in Könitz beigetragen, obgleich es außer- . ordentlich leicht war. sie als unhaltbar und als Erfin- . düng darzuthun. Es dauerte indessen lange, bis das j Publikum begann, sich über den wahren Werth dieser Aussagen klar zu werden; und auch heute noch führt es : sie ausschliesslich auf Selbsttäuschung und Wichtig- - thnerei. vielleicht auch auf den Wunsch, sich die aus Aufj klärnng des Verbrechens ausgesetzte Prämie zu ver- > dienen, und nicht auf das Bedürfniß zurück, das eignen Angehörigen drohende Verhängniß auf Freunde abzulcnken. Bei allen ihren Bekundungen vergaßen die Leute zu erwähnen, daß. wie sich später ergab, Winter in ihrem eigenen Hause ein- und ausgegangen war. Die an den Erhebungen betheiligten, polizeilichen und richterlichen Organe hatten von vornherein ihre besonderen Gedanken angesichts der Fülle von Bekundungen, die von diesem einen Hause ausgingen. Doch fehlte es, wie schon erwähnt, lange Zeit an einer Bestätigung der Vermuthungen, die man hegte. Erst nach und nach gelang es, die vorstehend erwähnten Thatsachen zu erkunden. Sie bilden einen Theil des bereits erwähnten eventuell zu führenden Jndicienbeweises. Wesentlich ist auch, dass zum Mindesten ein Mitglied der Familie Gelegenheit hatte, sich völlig unauffällig zu dem Plathschen Hause, aus dem. wie erinnerlich, die als Hülle der Leichentheile verwandte Pappe stammte, zu bewegen.* Marokko. Eaza-Fcz. Da streiten seit Monaten die Truppen des Sultans und des Thronbewerbers, sie haben die Stadt verheert und geplündert; die Lage der Juden ist immer mißlich. Äom Schuldirektor in Fez erhielt die Allianz folgenden Brief: Fez. den 11. März 1904, Gestern Abend kamen in Fez 57 unglückliche Juden aus Taza. Drei von diesen elenden Flüchtlingen sind unterwegs gestorben, ein anderer erlag bei seiner Ankunft. Die übrigen sind so schwach und abgemattet, daß ihr Anblick das Herz zerreißt; sie kamen wörtlich vor Hunger sterbend hierher, und verzehrten gierig das Brod. das wir ihnen entgegenbrachten. Wir haben sie in drei Zimmern untergebracht: die Zahl der bisher aus Taza eingetroffenen Flüchtlinge beläuft sich jetzt auf mehr als 175; es sollen noch etwa 30 Familien im Laufe des Monats ankommen. Die Ankunft dieser Unglücklichen, die die Zahl der hier schon so zahlreichen armen Leute vermehren, bereitet den Verwaltern unserer Gemeinde um so größere Besoranisse, weil seit einiger Zeit von allen Gegenden Marokkos her unglückliche Glaubensgenossen herbeiströmen, die sich im jüdischen Stadtviertel zusammenpferchcn, sogar von der Gegend der Chleuhs. wo sie von der wirthschaftlichen Krisis bisher noch nicht zu leiden chatten, kommen sie zu Hunderten herbei. Fez bezaubert