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Der Israelit · 1904-06-01 · Heft 44 (1.6.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 44 (1.6.1904)
Date
1904-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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911 ihnen empor. Beide neigten sich zu ihm und wahrend Frieda des Vaters Antlitz küßte, ihm Dankesworte zuflüsterte, küßte Max seine Hand. Er aber schlang den Arm um den Hals des jungen Mannes und zog ihn an sich, um ihn zu küssen. «Meine Kinder!" flüsterte er. «meine Kinder! — Gott segne Euch! — Gott segne Euch! — Gott segne Euch! —" Die Äugen waren ihm wieder zugefallen. Frieda hatte sich leise aufgcrichtet, sie stand zurückgelehnt gegen ihren Aerlobten, wahrend ihr Blick an dem Angesicht des anscheinend Schlummernden heftete, das ein unaussprechlich glückliches Lächeln verklärte. — Plötzlich schien es ihr, als erhalte das theure Angesicht einen seltsamen Glanz, als huschten Engelsfittige darüber hin und löschten Jahre und Jahre aus. — War's ihr Vater, der dort lag? — es schien ein Jüngling in der ersten Blüthe. — Max hatte den Arm um sie geschlungen und suchte sie leise zurück zu ziehen. Sie wollte widerstreben, aber eine seltsame Schwere in allen Gliedern machte sich geltend, ihr Kopf sank zurück gegen seine Brust, nur mit übergroßer Anstrengung hielt sie die Augen offen, sie sah noch, wie der Arzt sich über ihren Vater beugte, wie er seine Hand nahm und — sie sah nichts mehr — die Augen waren ihr zugesallen — Bald daraus aber war's ihr, als vernehme sie mehrere Männerstimmen, die das Glaubensbekenntniß Israels laut sprachen: «Höre Israel, Gott unser Gott, ist Gott der einzig Eine!" Dann horte sie nichts mehr, tiefe Ohnmacht hielt ihre Sinne umfangen. Als sie die Augen wieder mit Bewußtsein aufschlug waren Stunden vergangen, sie fand sich auf einem Ruhebett in einem anderen Zimmer. Max sah neben ihr und hielt ihre Hand, während Selma sich um sic bemühte, Sttrne und Schläfen ihr mit kölnischem Wasser befeuchtete und ihr solches auch zum Einathmen vorhielt. — Im Kopfe war es ihr nicht klar, sie konnte sich lange nicht besinnen, wo sie sich befand. War sie in ihrem Heim? — oder in Selmas Heim? — oder war sie unterwegs mit Selma im Eisenbahn-Waggon? — oder? — llnb wie seltsam Max beständig ihre Hand hielt und sie streichelte — das hatte er noch nie gethan. — Aber sie ließ sie ihm gern, sie fühlte sich so wohl, so sicher an seiner Seite, tlnd — war er denn nicht ihr Verlobter? — oder hatte sie das nur geträumt? — Rein, nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit, ihr lieber, guter Papa hatte sie mit dem Geliebten verlobt und sie war nun seine Braut! — Das Blut schoß ihr in die Wangen, wie ein Glückesstrahl leuchtete es aus ihren Augen. «Max?" flüsterte sie, «schlaft der Papa noch?" Max druckte ihre Hand'und neigte wie bejahend das Haupt, der Hals war ihm wie zugeschnürt, er brachte keinen Laut hervor. Wieder lag sie wie träumend da, blickte bald auf den Verlobten, bald auf die Freundin — wie seltsam, daß beide so gar kein Wort sprachen. Da ging die Thür auf. eine große stattliche Frau,■ es war die Wirthin, mit überaus freundlichen Zügen, trat in das Zimmer. Leise trat sie zum Ruhebett und beugte sich über das auf deniselben liegende junge Mädchen. «Ist Ihnen jetzt besser, liebes Fräulein?" fragte sie im Tone aufrichtigster Theilnahme. «Danke Ihnen," erwiderte Frieda, freundlich zu der Freundlichen emporbliüend, «ich fühle mich ganz wohl." «Das freut mich zu hören," versetzte die Wirthin, «aber Sie sollte» doch etwas nehmen. Sie haben doch noch gar nichts gegessen, da könnte Ihnen wieder schlecht werden. Darf ich Ihnen eine Schale Hühnersuppe bringen. Fräulein? Sie dürfen bei uns essen, wir haben streng koscher, unser Herr Rabbi ißt auch bei uns und Ihr seliger Vater —" «Was sagen Sie?" stammelte Frieda, indem sie sich hastig aufrichtete. «Daß Ihr seliger Vater auch bei uns gegessen hat." Ein Schrei des Entsetzens entrang sich der Brust des jungen Mädchens, sie war aufgesprungen, mit weit aufgerissenen Augen starrte sic die erschreckte Frau an. „Papa!" stammelte sie, «Papa!" — wo ist mein Papa?" Max schlang den Arm um sie, sie aufrecht zu halten. «Frieda, liebe, liebe Frieda, weißt Du's denn nicht?" «Was soll ich wissen?" flüsterte sie. wie sinnlos zu ihm aufblickend. «Papa! — Papa! — wo ist Papa?" „Aber weißt Du's denn nicht? — erinnerst Du Dich nicht? — daß der Papa uns verlobt hat, daß Du meine Braut bist? —" «Das weiß ich." flüsterte sie errothend, indem sie den Kopf an ihn lehnte, «aber dann? — wo ist Papa?" «Erinnerst Du Dich nicht, daß der Papa gesagt hat, Gott segne euch, meine Kinder! — Gott segne euch! — Gott segne euch! —" «Und dann? — dann? —" «Dann — dann —" seine Stimme sank züm Flüstern, kaum hörbar brachte er die Worte über die; Lippen, «dann hat Gott Deinen Papa zu sich gerufen.". .; «Was? — was? — gerufen? — Rein! — nein! ' das ist nicht wahr! — das ist nicht wahr! --„Papa! Papa! —" . .. - < .* «Frieda. Frieda, ich bitte Dich um's Himmelswillen! — Du mußt es glauben — denn leider! — -- leider! — es ist Wahrheit. —"

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