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Der Israelit · 1904-05-16 · Heft 38 (16.5.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 38 (16.5.1904)
Date
1904-05-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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819 Fenster und winkte den jungen Mädchen zu. so lange er sie sehen konnte, dann lehnte er zurück in die Ecke des Coup^es und schloß die Augen, während ein glückliches Lächeln seine Lippen umspielte. Wie war seine Frieda doch so lieb, und wie sie an ihm hing, kaum weniger als er an ihr. — Freilich vermuthete er. daß ihre Thränen nicht nur dem abreisenden Vater, sondern auch dem Freunde gegolten, den sie während der Abwesenheit des Vaters nicht sehen würde. Mar Müller hatte nämlich vor einem Jahre sein Doktor-Examen gemacht und arbeitete seitdem in der Kanzlei eines Advokaten, am Freitag Abend und am Sabbat war er aber noch immer Grünwalds Gast, der den jungen Mann hochschähte und mit inniger Genugthuung gewahrte, daß seine Tochter demselben ihr Herz geschenkt hatte, vielleicht ohne daß sie selbst es ahnte. Daß Max die keusche Zuneigung des jungen Mädchens erwiderte, daran konnte er nicht zweifeln, man brauchte nur die jungen Leute zusammen zu sehen, wie die feurigen Blicke des jungen Mannes den anmuthigen Bewegungen des jungen Mädchens folgten, wenn er sich auch während dessen mit dem Vater desselben unterhielt. Grünwald hatte es oft mit stiller Freude beobachtet. denn er wußte niemanden, dem er seinen Liebling lieber anvertraut hätte. Aber vorläufig war es ihm angenehm, daß Max noch schwieg, noch schweigen mußte, weil sein Einkommen noch nicht hinreichte, eine Familie zu ernähren. Das wäre für Grünwald bei der Mitgift, die er seiner Tochter bestimmt hatte, zwar nicht in Frage gekommen, aber er wollte seine Tochter noch einige Jahre für sich behalten. Es war gegen Abend, Grünwald mußte die Nacht durch fahren und konnte erst am Nachmittag des fof-; genden Tages sein Ziel erreichen. Er befand sich bereits tief in Ungarn, hin und wieder hatte er sich mit Reisegefährten in angenehmer Weise unterhalten, da wurden zur Mittagszeit die Flammen oben am Vlafond des Coup^es entzündet. „Paffen Sie auf," sagte sein Nachbar, der diese Strecke schon oft gefahren war. „jetzt kommen wir gleich zu einem großen Tunnel in dcm wir länger als zehn Minuten fahren werden." „Zehn Minuten?" wiederholte Grünwald staunend. ..Länger als zehn Minuten, sage ich." entgegnet« der Andere. ..Und dabei muß die Lokomotive mit vollem Damvf fahren, weil das Terrain hier aufwärts geht. Fährt sie nicht mit voller Damvfeskraft. so könnte der Zug, Gott behüte! mitten im Tunnel stecken bleiben." ..Davor wolle uns des 5»errn Gnade bewahren!" sagte ein gegenüber sitzender Geistlicher, „ein Zug, der zu dieser Zeit in diesem Tunnel stecken bliebe, wäre unrettbar verloren. Die Bahn hat hier nur ein Geleise und vor halb Eins kommt der Schnellzug, der von P . . . . nach CH.geht, hier durch. Bedenken Sie, welch' grauenvolle Katastrophe —" „Ach bitte, reden Sie nicht davon!" rief eine Dame, die in einer Ecke des Coupoes zurllckgelehnt saß, „mir wird nicht gut, wenn ich dergleichen höre, und überdies, man soll den Teufel nicht an die Wand malen." „Seien Sie unbesorgt, meine Gnädige," entgegncte der Geistliche lächelnd, „der Tunnel hier besieht bereits seit fünfzehn Jahren, Tag für Tag verkehren hier ein: Anzahl Züge, aber noch nie ist auch nur die geringste Unregelmäßigkeit vorgekommen." „Das läßt sich denken," bemerkte ein anderer Mitreisender. „je gefährlicher ein Punkt ist, desto größere Vorsicht wird demselben zugewendet, und ich möchte beinahe behaupten, daß man nirgends sicherer ist, als an derartig gefährdeten Stellen." „Ueberall sind wir in der Hand des Herrn," versetzte der Geistliche salbungsvoll. Gleich darauf ertönte ein langgedehntes Pfeifen, es ward Nacht ringsum, nur die Flammen oben am Plafond warfen ihr zitterndes Licht auf die Reisenden, der Zug war brausend in den Tunnel eingefahren. Ob mit vollem Dampf? — Grünwald wußte selbst nicht, warum er daran zweifelte, warum es ihm schien, daß der Zug sich nicht mit der erforderlichen Schnelligkeit fortbewege; bei der herrschenden Dunkelheit war er doch kaum im Stande, dieses zu beurtheilen; es war vermutlich nur die Folge der eben geführten Unterhaltung,, die es ihn fürchten ließ. Aber die Dame dort in der Ecke äußerte dieselbe Wahrnehmung. ..Finden Sie nickt, daß der Zug sehr langsam gebt?" Ihr Nachbar beruhigte sie lachend. „Liebe gnädige Frau, ich bitte Sie. sehen Sie keine Gespenster. Ich kann nur wiederholen —" In diesem Augenblick erfolgte ein furchtbarer Stoß, der alle Passagiere in die Höhe fahren machte, gleichzeitig hielt der Zug mitten im Tunnel. Im ersten Moment starrten alle einander an, sprachlos vor Entsetzen, gleich darauf aber erhob sich ein wildes verzweiflungsvolles Schreien und Jammern der Passagiere in sämmtlichen Waggons. Manche wollten in sinnloser Verzweiflung die Thüren aufreiben und hinaus springen, andere hielten diese mit Gewalt zurück und behaupteten, das hieße dem sicheren Tode entgegen gehen. — Hier lag eine Frau in Zuckungen, schien bewußtlos, ihr war sicherlich am wohlsten. Neben ihr kniete ein junges Mädchen, die gefalteten Hände emporgestreckt stammelte sie unablässig katholische Gebete. .

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