Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1904)
- Date
- 1904-04-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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700 Nationen der Welt gemischte Volksmenge um zwei Rednertribünen auf einem offenen Platze in Whitechapel. Es wurden hebräische Flugblätter vertheilt; die Redner sprachen deutsch und jüdisch. Die Hauptbeschwerde war die, daß englische Arbeiter weit höhere Löhne und weit kürzere Arbeitsstunden hätten als die Ausländer. Die Bäckerläden waren durch Polizisten besetzt, denen es mit Leichtigkeit gelang, die stellenweise einen erregten Eindruck machende Volksmenge zu zert heilen. Dreschgraf Mckler—verhaftet. Die Ueberraschunz im Hotel. Im Zimmer 32 der zweiten Etage des Hotels Bristol Unter den Linden schlief morgens Graf Pückler den Schlaf des Gerechten, als urplötzlich kräftig an seine Stubenthüre geklopft wurde. Der Graf fluchte so etwas wie «Bande" und öffnete. Herein traten der Zimmerkellner und zwei Herren, die sich als Kriminalbeamte vorstellten. „Nanu, was is denn schon wieder los?" schrie Pückler, der sich nur nothdürftig angezogen hatte, die Herren an. Der eine Kriminalbeamte trat vor, legte seine Hand auf Pückler's Schulter und sagte: „Herr Graf, im Namen des Königs erkläre ich Sie für verhaftet!" „Was, mich, einen deutschen Reichsgrafen, wollen Sie verhaften? Da hört ja alles auf," erwiderte der Graf. Der Kriminalbeamte, der keine Lust hatte, sich mit dem Verhafteten in Diskussion einzulassen, machte ihn darauf aufmerksam, . daß sie sich nicht in lange Verhandlungen mit ihm einlassen könnten. Kurz und bündig, ihrer Pflicht gemäß, erwiderten die Beamten: „Herr Graf, wir haben nichts zu erklären und nichts zu verhandeln, bitte, folgen Sie uns." Graf Pückler, der noch immer im tiefsten Negligee dastand, rief den Beamten zu, indem er seine Arme mit den aufgekrempten Hemdsärmeln in die Hüfte stützte: „Nanu, Sie werden doch jütigst jestatten, daß ich mir erst die Zähne putze!" Mit Murren und Knurren stieg Pückler in seine gräflichen Beinkleider, und als er mit seiner Toilette fertig war, fragte er die Beamten, ob sie auch einen Wagen unten stehen hätten. Die Kriminalbeamten bejahten dies, und Pückler bat: „Nur recht leise und vorsichtig, nur um Gottes willen keinen Krach und keinen Tumult." Langsam stieg der Zug die Treppen hinunter. Vorweg der Zimmerkellner, dann ein Kriminalbeamter. dann der Graf, der. die Hände in den Hosentaschen, mürrisch vor sich hinsprach, zum Schluß wieder ein Kriminalbeamter. Hieran schlossen sich mehrere Kellner und Zimmermädchen, die dem unfreiwillig Scheidenden das letzte Geleit gaben. Unten im Korridor angelangt, nahmen die Beamten Pückler in die Mitte und führten ihn zur Droschke. Sie stiegen ein. Pückler knurrte, wie dir Kellner hörten, laut vor sich hin: „Meschngge ist Trumpf," und die Equipage fuhr mit ihm davon durch die Linden nach dem Polizeigefängniß. Die Verhaftung erfolgte auf Veranlassung der Strafkammer in Glogau. Gegen Graf Pückler, der gestern den zum dritten Male wegen Beleidigung des Stationsvorstehers in Klein-Tschirne anberaumten Termin versäumt hatte, wurde ein Haftbefehl erlassen. Pückler hatte beantragt, ihn wegen „weiter Entfernnnng" vom Erscheinen zu entbinden. Dieser Antrag wurde aber abgelehnt, weil der Wohnort des Angeklagten Klein-Tschirne sei. Daß der Angeklagte sich in Berlin aufhält, um dort „politische" Reden (notabene gegen 20 Pfennig Entree) zu halten, könne auf das Gericht in keiner Weise bestimmend sein. Die Verhaftung Pückler's wurde auf telegraphischem Wege angeordnet. Pückler wurde nach Glogau in das Gerichtsgefängniß transportirt. Letzte Nachrichten. Angermünde, 21. April. Nachdem die hiesige Synagogengemeinde auf dem Wege des Verwaltungsstreitverfahrens die Aufhebung des Verbotes der rituellen Schächtung im städtischen Schlachthause nicht hat erlangen können, hat sie am 8. Oktober 1903 beschlossen, ein eigenes Schlachthaus zu errichten, und bittet die städtischen Behörden, dem Gemeindebeschluß von 1903, der die Einführung des Schlachtzwanges in Angermünde anordnet, folgenden Zusatz zu geben: Das Verbot der Benutzung anderer als der in dem städtischen Schlachthause befindlichen Schlachtstätten findet keine Anwendung auf das von der Synagogengemcinde Angermünde im hiesigen Gemeindebezirk zu errichtende Schlachthaus. Der Magistrat hat von der Petition Kenntniß. aber keine Veranlassung genommen, eine Aenderung des betreffenden Gemeindebeschlusses vorzunehmen, da kein Bedürfniß zur Errichtung des Schlachthauses vorliege. Die Versammlung schloß sich einstimmig der Ansicht des Magistrats an. Amsterdam, 21. April. Gestern Abend hat unser Kirchenrath Herrn Joi l Vredenburg zum Rabbiner (Dajan) ernannt. Die Frau des Gewählten ist die Tochter R. Seckel Bamberger. Ihre Großväter waren der Würzburger Rav und Rabb. S. W. Klein aus Colmar. Vredenburg ist ein hochgebildeter Mann, ein Lamdon, und sehr beliebt, weil er für das orthodoxe Iudenthum viel wirkte, ganz im Sinne seines Lehrers, unseres Oberrabbiners Dr. Dünner. Aus seinen Reden und Vorträgen ist erkenntlich, daß er ein großer Verehrer von Rabbi Hirsch ist. Er gründete hier den jüdischen litterarischen Club, welcher viele Mitglieder zählt. Man erwartet viel von ihm, da er sehr energisch ist. Er ist auch der Verfasser von dem Ehumesch: Josef Lekach. Das Amsterdamer Rabbinat besteht aus dem Oberrabbiner und drei Dajaniim Briefkasten der Redaction. Pragso: Erzählung wie Rezension werden in Kurzem erscheinen.