Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 30 (18.4.1904)
- Date
- 1904-04-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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45« Jchrgang. Tn lktztc ÄzUch jA Sdnltonrr KM«). Ich will Ihnen also in aller Kürze erzählen, was ich Alles an diesem Tage gesehen und gethan. Zuerst mußten wir 1*4 Stunden laufen, von Norden, wo wir wohnten, bis zur großen Synagoge (Synagoge Dukes Place), welcher der Chief-Rabbi Dr. Adler vorsteht. Es war so voll, wie bei uns am höchsten Jomtof und kaum konnten wir in's Innere gelangen. Als wir ankamen, begann man gerade das Ausheben und wunderbar klang die Stimme des alten ehrwürdigen Chassan Rev. Hast; ihm sekundirte der zweite Chassan Rev. G o r d o n, sowie der gut eingeschulte Knabenchor. Einen bleibenden Eindruck hinterließen gerade diese Chorknaben; alle in schwarzen Talaren, wie wir sie bei uns nur beim Rabbiner u. Cantor sehen und alle mit Tallesim; überhaupt sieht man keinen ohne Tallis. selbst die kleinsten Knaben nicht. Die Funktion des Rabbiners versah an diesem Tage der Dajan von London, Rev. H y a m s o n. Natürlich finden wir hier keine Orgel, ich glaube, nur 3 von 25 Synagogen haben eine solche. Viel leerer war es in der portugiesischen Synagoge, dessen geistliches Oberhaupt der Rev. Dr. G a st e r ist. Auch hier wieder der eigenartige Knabenchor mit den jugendlichen Stimmchen, die im Rahmen all der vielen Wachslichter eine echte Jomtof-Stimmuno hervorriefen. Fort gebannt aus dem Herzen der „Ghetto-Juden" all das Elend des Werktags und aus tiefer Brust klangen die Gebete der Andächtigen und ihre Bitten zu ihrem Vater im Himmel. Weiter ging» jetzt in das Herzen des Ostens. Vorbei am großen Fischmarkt, der natürlich leerer als sonst war, vorbei an vielen geschlossenen Läden, vorbei an offenen, die nichts zu thun hatten, weil die Juden nichts kauften. Sie waren zunleist in der großen öffentlichen Bibliothek, und lasen dort die Bücher oder Zeitungen, von denen eine große Anzahl in jüdisch aufliegt und überhaupt in der Auswahl den Bewohnern des Ostens Rechnung trägt. Schräg gegenüber eine große Kirche; in meterhohen Buchstaben stand angeschrieben, daß um 3 Uhr eine große „Droscho" gehalten würde. Mein erster Gedanke war an eine Missionskirche — ich hatte mich nicht getauscht. Gerade'schlug es 3 Uhr, doch nicht i n der Kirche wird gepredigt, nein, direkt an der Straße im Hofe der Kirche; außen eine Kanzel, außen steht das Harmonium, im Freien geht alles vor sich. Ein Jude mit einer großen Nase schlägt das Lied an. von welchem man die ersten zwei Strophen iy . Begleitung des Harmoniums singt, welch' letzteres von einer Dome gespielt wird. Dann besteigt ein christlicher Priester die Kanzel; er beginnt — dankt zuerst Gott für das schöne Wetter, und die Sonne, die er an diesem Feiertag (?) scheinen läßt und für die Gnade, daß er das Herz so vieler Gläubigen geöffnet, daß diese zu ihm kommen, um den Worten des neuen Messias, des Jeschua, zu lauschen. Obwohl es ein englischer Prediger war. sprach er fließend deutsch, und indem er dann eine Stelle des Gebotes der Freilassung der Sklaven herausgriff, suchte er sie für seine Zwecke zu gebrauchen. Als er geendigt und nochmals gesungen worden war. sollte das Oberhaupt der Miffionskirche i n der Kirche sprechen und zwar englisch. Doch als wir schon das mit Blumen ausgeschmückte Innere besichtigt, machten wir uns wieder auf den Weg zuerst nach einem warmen Jmbis. Die meisten Restaurants, die wir fanden, waren am Nachmittag geschlossen, schließlich fanden wir eines, seinen Namen will ich nicht nennen, denn es verdient nicht, genannt zu werden. Da Essen eigentlich Nebensache sein soll, will ich auch hiervon nichts weiter berichten, sondern nur noch eines Besuches erwähnen. Meine Begleiterin, die den Osten gut kennt, besuchte einen „Kunden", einen alten Greis in einem dieser Judenhäuser und so konnten wir hier, wie in vielen anderen Häusern, das ganze Elend dieser Leute sehen. Doch hatten sie auf Pesach alles geputzt und das Chomez aus den Ecken herausgeschafft. Ich bezweifle es. denn es sah nirgends danach aus. Nicht weit von ihm sahen wir die alten Ghetto- Thore. wie sie das Juden-Biertel vor der Außenwelt abschlossen und ganz in der Nähe die „Kolonie" des Baron Rothschild, ein philanthropisches Werk, welches um billige Miethe Hunderten von Familien als Wohnstätte dient und welches Nachahmung verdient. Kaum waren wir mehrere Straßen gegangen, als man uns ein Billet in die Hand drückte zum Besuch einer uns gegenüber liegenden Missionskirche, wo im Jargon ein echter Jid die Lehre des neuen Messias verkündete. Laut mußte ich auflachen, als er sagte: „Gehet weiter in Eure Synagogen, legt weiter Eure Tefillin, zieht weiter Euer Tallis um, und wenn dort Euer Gottesdienst zu Ende, dann kommt zu uns und hört weiter, was der neue Prophet zu Euch spricht, denn auch an ihn könnt Ihr glauben, selbst wenn Ihr auf dem Boden des alten, Testamentes steht." Und als er die Kanzel verließ, begrüßte er uns mit einem liebenswürdigen Kopfnicken, als wenn er sagen wollte: Gut Jomtof. auf Wiedersehen. Um Absolution zü erhalten, halten wir die Ehre, zu tea zu dem Dajen Hyamson eingeladen zu sein; ein vorzüglicher Herr; zu bewundern in seiner Gelehrsamkeit, die trotz seiner großen Bescheidenheit, ans jeder seiner Fragen hervortritt. zu