Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-04-14 · Heft 29 (14.4.1904) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 29 (14.4.1904)
Date
1904-04-14
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450013--60473-2521423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

647 gehen lassen mußten, gehört auch diejenige, daß sie zwar eine weitgehende Wohlthätigkeit ausübten, dieselbe jedoch wesentlich nur wieder Glaubensgenossen zu Gute kommen ließen. Die vorliegenden Blätter sollen im Gegensatz hierzu darlegen, einen wie warmen Antheil die Juden an dem Wohlergehen ihrer christlichen Mitbürger nehmen, in wie hohem Grade sie immer bereit sind, ihnen in Bedrangniß beizustehen, Ursachen von Noth und Elend ihnen aus dem Wege zu räumen. Es soll gezeigt werden, wie wenig der Wohlthätigkeitssinn der Juden an der engeren Stammesgenossenschaft oder der Glaubenszusammengehörigkeit eine Schranke findet. Zu diesem Zwecke wurden zusammengestellt und statistisch verarbeitet: 1. Mitgliederstand, Mitgliederbeiträge und Gabeneingänge bei 182 Vereinen in Süddeutschland und im R.-Bez. Wiesbaden (meist die Jahre 1889—1893 betreffend); 2, Ergebnisse der Sammlungen für die im Jahre 1897 durch Hochwasser Beschädigten in Deutschland,' 3. Verschiedene Sammlungen innerhalb der Jahre 1895—1902 (Frankfurt o. M.): 4. Ergebnisse der Sammlungen des „Figaro" und des „Rappel" in Paris für die bei dem Brande des Wohlthätigkeits-Bazars im Mai 1897 Verunglückten und für die Rettungsmannschaften. Daß die Statistik völlig objektiv durchgeführt wurde, dafür bürgt der Name desjenigen, unter dessen Leitung die Arbeit gemacht worden ist. Es ist, wie wir mittheilen können, der kürzlich verstorbene Nationalökonom und Statistiker Schnapper-Arndt. Wer die wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit dieses Mannes gekannt hat> zweifelt nicht daran, daß die vorliegende Arbeit in Aufbau und Ergebnissen einwandfrei ist. Von den Ergebnissen sei nun folgendes mitgetheilt: In 138 Wohlthätigkeitsvereinen (darunter 41 in Frankfurt) 24 verschiedener Städte mit zusammen 1,651,106 Einwohnern, wovon 3,49 pCI. Juden, machte die Zahl der christlichen Mitglieder 83,7 pCt. aus, die der jüdischen 16 pCt. Nur 33 dieser Vereine führen die Beiträge der Mitglieder im Einzelnen auf. In den Städten, wo sich diese 33 Vereine befinden, machen die Juden 3,82 pCt. der Bevölkerung aus, dagegen die Vereinsbeiträge von christlicher Seite 75,5 pÄ., von jüdischer 23,6 pCt. In vier neueren Vereinen in Frankfurt a. M. (Juden 8,5 pCt., der Einwohner) bilden die christlichen Mitglieder 58,6 pCt., die jüdischen 41,3 pCt. Bei fünf verschiedenen neueren Sammlungen in Frankfurt a. M. kamen 14,2 pCt. der Beträge (45,1 pCt. der Gaben) von christlicher Seite, 81,8 pCt. der Beträge (34,3 pCt. der Gaben) von jüdischer, der Rest von unbestimmter Seite. Aehnlich ist das statistische Verhältniß bei den andern Sammlungen. Sie alle thun dar, daß die Juden an der Wohlthätigkeitspflege erheblich stärker betheiligt sind, als ihrem prozentualen Antheil an der Bevölkerungszahl entsprechen würde. Dabei ist zu berücksichtigen, daß unter den erstgenannten 138 Vereinen spezifisch israelitische Vereine nur in geringer Zahl sind, unter den vier neueren Vereinen in Frankfurt kein jüdischer, und daß von den erwähnten Frankfurter Sammlungen keine einen konfessionellen Charakter hatte (es waren die Sammlungen für die Armenier, die Hinterbliebenen der „Jltis"-Mannschaften, für Weihnachtsbescheerung der Armen-Pflegekinder, für die Unterstützungskasse der Feuerwehr und für die Jdiotenanstatt in Idstein). Es unterliegt also keinem Zweifel, daß die vorliegende statistische Arbeit den Beweis, den sie angetreten hat, in vollem Maße erbrachtes Indem wir dies feststellen, wollen wir aber zur Wahrung deS grundsätzlichen Standpunktes nicht unterlassen, zu bemerken, daß konfessionelle Statistiken nur unter dem Gesichtspunkte der Defensive Berechtigung haben. Dieser Gesichtspunkt war ja auch hier maßgebend. Aber im Allgemeinen ist es eine Konsequenz des liberalen Prinzips, nach der Konfession überhaupt nicht zu fragen. Deßhalb müßte die Rubrik „Religion" eigentlich auch aus der Volkszählung verschwinden, denn daS Glaubensbekenntniß soll keinen Unterschied unter den- Menschen machen. ‘ * .i, v: Sprechfaal. Nicht unter Bezugnahme auf das deutsche Reichspreßgesetz, § 11, sondern unter Berufung auf die' Thora, Sepher Schemoth, Kap. 20, 16, bitte ich um Aufnahme folgender Berichtigung, bezw. Erwiderung auf den „Litterarischen Brief" meines verehrten Gönners, des Dr. Bamberger, im „Israelit" vom 21. März. I. 1. Die Annullirung meiner Kirchentause ist nicht eref simchas thora 1903, sondern ebenda 1902 erfolgst 2. Ich habe meine Schrift gegen daS Ostafrikaprojekt nicht publizirt „nachdem" das, inzwischen als falsch erwiesene Gerücht bekannt wurde, England wolle seine Anregungen zurückziehen, sondern vorher. Dieses Gerücht tauchte erst Ende Dezember auf, wahrend meine Schrift vom 3. November datirt und nachweisbar am 9. Dezember im Buchhandel erschienen ist. 3. Die Konstruktion eines Kausalzusammenhanges zwischen meiner im März 1891 erfolgten Kirchentaufe und meiner angeblichen Absicht, „den Eingang in die Gnadenpforte des preußischen Beamtenthums zu finden," scheitert an der Thatsache, daß ich schon im Jahre 1889 unter erheblicher Abkürzung meiner Referendarzeit aus dem preußischen Justizdicnfi ausgeschieden war, um unabhängiger Schriftsteller zu werden. Meine Kirchentaufe hatte viel tiefere Ursachen, unter denen der fast gänzliche Mangel jüdischen Religionsunterrichts in meiner Jugend vielleicht am stärksten mitwirkte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.