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Der Israelit · 1904-04-14 · Heft 29 (14.4.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 29 (14.4.1904)
Date
1904-04-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
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635 mit ihnen hatte sich der Hausbesorger des Hauses, wo Frau Orange gewohnt hatte, wegen Vorschubleistnng zu verantworten. Die Verhandlung, bei welcher 140 Zeugen vernommen wurden, währte eine volle Woche. In der Einleitung der viele Bogen starken Anklageschrift wurde folgendes ausgeführt: Die Judenverfolgungen in Kischinew sind durch verschiedene Berichte auch ln Lemberg bekannt geworden und haben in den besseren Kreisen „Empörung und Abscheu", in der Plebs über „Befriedigung" hervorgerufen und zu dem Schlagwortc Anlaß gegeben, „man solle auch in Galizien die fetten Juden abschlachten". Durch solche Schlagworte wurden zweifellos auch die Angeklagten zu dem Verbrechen veranlaßt. Die Geschworenen bejahten die ihnen vorgelegte Frage auf Mord oder Mitwirkung am Mord mit Ausschluß der Mitwirkung, worauf Wierzcholek zum Tod durch den Strang, der minderjährige Czerweny zu zwanzig Jahren schweren Kerkers verurtheilt wurden. Ersterer nahm die Strafe an, für letzteren erhob dessen Mutter die Nichtigkeitsbeschwerde, welche heute vor dem Kassationshof unter Borsitz des Senatspräsidenttn Uhle verhandelt wurde. Bertheidiger Dr. Hönigsmann stützt die Beschwerde auf die Behauptung einer unrichtigen Fragestellung. Nach den Gegenausführungen des Generalvertreters Hofrathes Siegler erkannte der Kassationshof auf Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde und beriet sodann in geheimer Sitzung über die gegen das Strafausmaß von zwanzig Jahren erhobene Berufung. Wien. (Die Bestrebungen der Zio - n i st e n und die Kurie.) Das Zionistenorgan „Welt" veröffentlicht eine Unterredung des Schriftstellers Hort Steiner mit dem Staatssekretär Mery del Val, welcher sich über die Bestrebungen der Zionisten, Palästina wieder für die Juden zu erwerben, äußerte. Er sagt es offen heraus, daß die Kurie unmöglich dem Plan zustimmen kann, das Land des Erlösers einem andersgläubigen Volk auszuliefern. Auf die Bemerkung Steiners, daß die geheiligten Stätten ja exterritorial erklärt werden könnten und außerdem jetzt ebensowenig in christlichen, sondern in mohammedanischen Händen seien, erwiderte der Staatssekretär: „Ja leider; die christlichen Mächte glauben aus Eifersucht, aus rein politischen Gründen diesen Zustand erhalten zu sollen." Im weiteren Verlauf erklärte der Staatssekretär, gegen die Besiedlung Palästinas durch die Juden hätte die Kurie durchaus keine Einwendung. Wenn die Juden ihr das erleichtern können, dann sei es für die Kurie blos eine Frage der Humanität. Bezüglich der christlichsozialen Bewegung, die doch als Werk des kathoschen Klerus angesehen werden müsse, erwiderte der Staatssekretär: „Vergessen Sie nicht, daß sich viele aus Neid, Eigennutz, politischen und anderen weltlichen Gründen an uns klammern. Andererseits seien die Juden stets im Lager der Gegner der Kirche. Wo ein I schlechtes Buch oder eine Zeitung die Kirche verhöhne, stecke immer ein Israelit dahinter. Das sollte anders werden. Selbstverständlich, Verfolgungen der Juden, toie sie aus Rußland gemeldet werden, halte die Kurie stets für ungerecht und verwerflich!" Süd-Afrika. Johannesburg. Ueber jüdische Zustände in Transvaal entnehmen wir dem Jargon-Tageblatt „Fraind" folgende interessante Schilderungen: Johannesburg hat die größte jüdische Gemeinde in Afrika. Trotzdem befindet sich dort weder eine Schule, noch ein Kranken-, Armenverein oder eine sonstige Wohlthatigkeitsanstalt, wie solche Institute nicht im kleinsten russischen Städtchen fehlen. Wird ein armer Jude oder Einwanderer krank, so bringt man ihn in das städtische Krankenhaus, und dort liegt er einsam, kein Verwandter, kein Freund, kein Glaubensgenosse kümmert sich um ihn, man läßt Besuche nur einmal wöchentlich zu, und angewiesen einzig auf den Verkehr mit den barmherzigen Schwestern, die seine Sprache nicht verstehen, ihm ist jede Möglichkeit benommen, sich zu verständigen, seine kleinen Wünsche und Anliegen zu befriedigen, sein einziger Gesellschafter sind seine Krankheit. seine Schmerzen. Sehr schwierig gestaltet sich das Leben für den Neuzugewanderten. Solange er sich nicht, mit den Sitten und Verhältnissen des Landes vertraut gemacht hat, steht er ohne jede Hilfe da, kein Mensch räth ihm, niemand ist da, um ihm auch nur die geringste Anleitung zu geben. Die reichen eingeborenen Juden ziehen sich vollständig von ihren Glaubensgenossen zurück. und die Mittelschichten, die noch Herz und Hand für ihre Brüder haben, leben zerstreut auf den Dörfern und Werken. Konform diesen traurigen Zuständen geht das religiöse Leben. Dieses ist grenzenlos verwahrlost. Zwar gibt es große Synagogen, doch diese sind das ganze Jahr geschlossen, es verirrt sich niemand hinein. Samstag ist der wichtigste Geschäftstag — und Geschäft heißt in Transvaal alles. — Geschäft ist wichtiger als das ganze Judenthum, man ist so in seine materiellen Sorgen und Interessen versunken, daß man keine Zeit hat, Mensch und Jude zu sein. Nur Noschhaschono und Jomkippur erinnern sich die Juden Transvaals an ihre religiösen Pflichten, und da reichen die Svnagogen nicht aus, man miethet Konzertsäle und Tanzetabliffements. und auf dem Ort, wo man tanzt und sich vergnügt ein ganzes Jahr, stehen drei Tage die Juden und beten um ein gutes, glückliches Jahr, und geschieht es dann manchmal, daß aus dem geschäft- und gewinnverhärteten Herzen sich die Vergangenheit loslöst, und der Herzensschrei aus jüdischer Seele verliert sich, wie verschämt, in den großen, dem Vergnügen gewidmeten Sälen, die angesogen sind mit der sinnberückenden Luft frivoler Lieder — lockender Stimmen." In diesem Milieu wächst das junge Geschlecht heran, bar

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