Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 29 (14.4.1904)
- Date
- 1904-04-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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627 gendes: In Folge seiner geographischen Lage hat unser Städtchen in den letzten Jahren einen hervorragenden Platz im jüdischen Ansiedelungsrayon eingenommen. Die bedauerlichen Vorgänge in den achtziger Jahren, die eine kontinuirliche Ansiedelung der Juden aus den Dörfern mit sich brachten, bewirkten es, daß Belaja Zerkow das Centrum wurde, wohin sich aus den Dörfern ein Strom obdachloser und abgerissener blutarmer Juden ergötz. Trotzdem das Städtchen einige hundert steinerne Häuser, zahlreiche glanzende Läden und grohe, wohlgepflegte Straßen besitzt, empfängt der Besucher den Eindruck, datz.der Ort von Bettlern bewohnt sei. Und thatsächlich sind auch die meisten Bewohner bettelarm: die Aerzte und Wohlthätigkeitsanstalten konstatiren einmuthig. daß mit jedem Jahre die Zahl derjenigen größer wird, die sich durch die bitterste Noth gezwungen sehen, an die Wohlthätigkeit zu appelliren. Da die meisten Bewohner des Ortes Juden und dabei Handwerker sind, so ist die Konkurrenz mangels eines zahlkräftigen Publikums außerordentlich groß. Man gehe einmal durch die abgelegenen Gäßchen des Ortes; zu beiden Seiten dieser Gäßchen sieben Hütten, so klein, elend, schmutzig und zerfallen, daß man an ihrer Bewohnheit zweifeln muß. Und doch wird jeder Winkel dieser engen, stickigen, niedrigen und finsteren Räume von Menschen bewohnt. Diese stets hungernden, mit einander den Kampf um's Dasein führenden Menschen sind fast alle Handwerker. Es gibt fast kein Fenster — wenn die kleinen Luftlöcher diese Bezeichnung verdienen — in dem nicht ein Zettel hinge, auf dem ein Flickschneider, ein Klempner oder ein Galoschenflicker seine Dienste an&ieteti Verirrt sich einmal ein Zahlungsfähiger in diese elenden Gäßchen, so macht er von den angebotenen Diensten keinen Gebrauch, sondern hält sich an die großen Magazine; die armen Juden aber, die so gern arbeiten möchten-, hungern. Doch die Leiden und Entbehrungen der Juden in Belaja Zerkow sind so alltägliche Erscheinungen, daß man sich an sie gewöhnt hat und ihnen keine weitere Beachtung schenkt. England. Belfast. (Grundsteinlegung.) Hier ist der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt worden. Die Gemahlin des jüdischen Lord-Mayors Jafsi' hat den feierlichen Akt vollzogen und in einem dabei gesprochenen Gebet den Segen Gottes für das neue Gotteshaus erbeten. Als die jetzige Synagoge vor 40 Jahren in Belfast erbaut wurde, gab es hier nur 10 jüdische Familien; jetzt zahlt die Gemeinde 700 Seelen und die Svnagoge ist langst zu klein geworden. Das neue Gotteshaus soll im Schiff Raum für 360 Sitzplätze bieten, die Frauengallerie enthält 300 Sitzplätze. Anschließend an die neue Synagoge wird eine rituelle Badeanstalt erbaut. Amerika. Nelv-?)ork, 9. April. Der frühere Gesandte Oscar Straus erklärt, eine Privat-Jnformation zu haben, wonach in Kiew und Odessa viele Flugblätter gegen die Juden vertheilt worden seien, worauf die amerikanische und englische Regierung bei Rußland erfolgreich vorstellig geworden sei. NltMuuse» aus deu lüd. Ameuuneiuku Md sSr dieselbe«. (Sümmtttche jüd. Wanderbettelvereine tttt» «asten für Durchreisende find gebeten, «ns MittheUungen über Erfahrungen, die sie auf dem Gebiete ihrer THLtigkeit machen, -«kommen r« taffen.) Furth (Bay.). 10. April. Roth, Gedalje aus Prznwsl in Galizien, 41 Jahre, schlanke Statur, schwarzen Schnurrbart, wurde am 19. Februar dss. I. durch unsere Kasse unterstützt. Am 16. März c. er-, schien derselbe unter dem Namen „Gustav Roth" und ersuchte um wiederholte Unterstützung. Bei dieser Gelegenheit wurde Roth als ein ganz raffinirter Schwindler entdeckt, der es fast nur darauf absieht, jüdische Kaffen zu plündern. Bor allem sei darauf hingewiesen, daß sein richtiger Name heute „Gustav Roth" ist, und daß er bereits vor sechs Jahren in der Nikolaikirche zu Leipzig protestantisch getauft wurde. Er wurde verhaftet; bei seiner Durchsuchung fanden sich noch weitere Papiere auf den Namen Gedalje R. lautend. Wir warnen dringend vor diesem Schwindler, da er nach seiner eigenen Aussage sich überall auch heute noch als Jude gerirt. Schenklengsfeld, 4. April. (Warnung vor einem'polnischen Schwindler.) Am 3. dss. Mts. kam eine polnische Frau mit einem etwa zweimonatlichen Kinde an die hiesige Kasse. Sie zeigte einen Schein von einem Münchener Krankenhaus« vor, auf dem sie mit dem Namen Liba Warniak bezeichnet ist. Die Frau gab an, daß ihr Mann in Frankfurt a. M. sei. Tags darauf erschien der Mann mit einem sechsjährigen Mädchen und zeigte einen Paß vor auf den Namen Chaim Gutmann Lomza mit Frau Bela. Er will auch Unterstützung für seine Frau, die sich angeblich in eines der nächsten Häuser begeben habe und später selbst erscheinen werde. Es stellte sich sofort heraus, daß Frau Liba mit Frau Bela identisch ist. In die Enge getrieben, gesteht der Mann den Schwindel ein, um aber in demselben Athemzuge wieder zu leugnen, daß Liba nicht seine Frau, sondern seine Schwester sei. Die Kaffe wollen auf der Hut sein und sich nicht prellen lassen. I. Grünwald.