Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 27-28 (11.4.1904)
- Date
- 1904-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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591 vorgekommen ist. als ob der Arzt mehr der Schonung bedürfe, die er der Patientin verordnet."! »Das kann hin und wieder schon Vorkommen/ versetzte Keßler lächelnd. »Ich habe die Ehre, Herr Graf —" »Adieu, lieber Doktor. Verbringen Sie Ihre Erholungszeit recht angenehm und kommen Sie erfrischt und gekräftigt wieder zu uns/ Der Arzt entfernte sich grüßend und begab sich in das ihm bezeichnete Zimmer, in dem die Dame des Hauses ihn bereits erwartete. Mit ausgestreckter Hand kam sie ihm entgegen, sprach ihm ihre Freude aus, daß er sich einige Wochen ausruhen werde, aber, wie der Graf vorausgesehen, erbat sie sich für alle Fälle die Vorschriften des jungen Arztes. - „Das thue ich nur um Ihretwillen, Herr Doktor/, versicherte sie, „ich möchte Sie ungerne stören in Ihrer Erholnngszeit, aber Vertrauen habe ich zu keinem andern als zu Ihnen, und wenn ich erkranken würde, würde ich Ihnen sofort depeschiren lassen, da müssen Sie sofort kommen, da gibt's keinen Pardon/ «Ich hoffe mit Zuversicht, die gnädige Frau Gräfin tverden sich des besten Wohlseins erfreuen." „Des besten Wohlseins —" sie schüttelte den Kopf und athmete schwer auf, während sie mit seltsamem Ausdruck zu ihm hinüber blickte, der eben aus seinem Portefeuille ein mit seinem Namen versehenes Blanlett nahm, um darauf ein Rezept zu schreiben. „Wie heißt das O da?, das da zwischen Dr. und Keßler fleht?" „Das O bedeutet mein Vornahme. Otto." „Otto." wiederholte sie mit Innigkeit, „Sie heißen Otto — das ist ein schöner Name, der schönste, den ichlenne, Sie wissen, der Taufname meines armen Papas war auch Otto/ „Ich glaubte, der Taufname des seligen Herrn Barons wäre Ottokar gewesen." „Mein lieber Papa hat sich allerdings Ottokar geschrieben. aber meine liebe Mama und die alten Freunde des Papas haben ihn immer Otto gerufen, darum ist mir dieser Name ganz besonders theuer. Otto! Otto! wie das klingt! .Ich glaube, nur ein ganz besonders hervorragender Mann kann Otto heißen." „Ich fühle mich durch die besondere Vorliebe der gnädigen Frau für den Vornamen, den ich zufällig führe, sehr geschmeichelt." sagte Keßler lächelnd, „aber daß nur hervorragende Männer so heißen können, das muß ich doch bestreiten: abgesehen davon, daß ich mich nicht zu den hervorragenden Männern rechnen kann, führt auch der Nachtwächter meines Heimathsortes denselben Namen und soll dabei ein großer Lump sein." „Ausnahmen bestätigen die Regel." versetzte die Gräfin, gleichfalls lächelnd. „Otto ist doch ein schöner Name, für mich der schönste — Otto! — Otto? — Sagen Sie mir. Herr Doktor, reisen Sie gern fort? —- wird es Ihnen gar nicht schwer, mehrere Wochen nicht hier zu sein?" „Ich fühle das Bedürfniß, einige Wochen nichts zu denken, nichts zu thun —" „Ja, ja. das weiß ich, das habe ich'gewußt und habe es auch zu meinem Manne gesagt, noch bevor Sie selbst es zugeben wollten, daß Sie ausruhen müssen. Aber ich meine, ob Sie sich in der Fremde nicht trotzdem nach hier sehnen werden?" „Das dürfte wohl der Fall sein — obgleich ich hier keine Angehörigen habe." „Sic haben hier keine Angehörigen? — Das sollten Sie nicht sagen. Giebt es denn nur Blutsverwandte? — giebt es nicht auch Seelenverwandte. Herzensoerwandte. mit einem Worte. Wahlverwandtschaften? —" „Das will ich nicht bestreiten." „Wenn Sie das nicht bestreiten wollen, dürfen Sie auch nicht sagen, daß Sie hier keine Angehörigen haben. Sie haben doch hier so viele Freunde. Herren und Damen. die Ihre mehrwöchentliche Abwesenheit schwer empfinden werden. — Sollten Sie sich nach diesen gar nicht sehnen?" „O, gewiß werde ich mich nach meinen Freunden sehnen —" „Und ich glaub's doch nicht!" rief sie in plötzlich ausbrechender Heftigkeit. „Sie sagen das so ruhig, so kalt, so als ob Sie von Eis wären. — Und — es ist mir ja auch recht, daß Sie fort gehen. — Sie müssen fort. — Aber wenn ich dann bedenke, daß ich Sie mehrere Wochen lang nicht sehen werde — wie werde ich das aushalten? —" „Frau Gräfin belieben zu scherzen —" „Nein, nein, ich scherze nicht — und Sie glauben auch nicht, daß ich scherze — ich sehe es ja. Sie wechseln unablässig die Farbe — es wäre ja,auch undenkbar, wenn ich Ihnen gleichgiltig sein sollte —" „Freilich, das wäre undenkbar. Ein Arzt, dem seine Patienten gleichgiltig sein konnten. dürfte nicht Arzt sein —" „Also nur weil ich Ihre Patientin bin. nur deßhalb bin ich Ihnen nicht gleichgiltig? — Doktor, das war hart." „Verzeihung, gnädige Gräfin! — ich durfte mir doch nicht erlauben —" „Alles dürfen Sie sich erlauben! — Alles! — alles! — Nur mich nicht zu verstehen, das dürfen Sie sich nicht erlauben! —" Ihre sonst so bleichen Wangen glühten, "ihre Augen flamm en. ihr rascher Athem hob keuchend ihre Brust — Ke ler befand sich in peinlichster Verlegenheit. „Gnädi zc Gräfin, ich bitte inständigst — ich darf es nicht zr geben, daß Sie.sich dermaßen aufregen. — Ich werde n ir erlauben. Ihnen durch einen Ihrer Leute ein beruhig, ndes Medikament besorgen zu lassen."