Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 63 (8.8.1904)
- Date
- 1904-08-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1849 je mehr er daheim gekrankt wurde, desto stolzer zeigte et sick nach außen. Er hatte die lebhaften Hauptstraßen durchschritten und bog jeht in eine der stilleren Nebenstraßen ein, um durch diese hinaus in's Freie zu gelangen. Träumerisch sinnend schritt er einher, plötzlich fuhr er zusammen und mit ungehaltenem Athen, blieb er lauschend stehen. Er batte einen T"n vernommen, wie solcher seit Jahren nicht an sein Ohr gedrungen. Es war der grade langgedehnte Ton eines Widderhornes. dem ein gebrochen zitternder folgte und dann wieder grade, lang gedehnte Töne und dann wieder ein gebrochen zitternder Ton — und so ging's wechselnd fort. — wie lange das wußte er nicht. — O, er kannte diese Töne. Hatte er sie auch seit Jahren nicht vernommen, vergessen hatte er sie dennoch nicht. Diese graden, lang gedehnten Töne, ihm war's, als wäre es die Gottesstimme, die ihn rief: Komm! komm! zu mir! und die gebrochen zitternden Töne, ihm erschienen sie wie Klagetöne über sein gebrochenes, verfehltes, elendes Leben. — Doch dann der letzte lang gedehnte Ton. — Das war wieder die Gottesstimme, die ihm rief. — Er athmete hoch aus. unwillkürlich hob er die Arme, wie das Kind sie hebt, das dem Vater entgegen eilen will. Er stand ja vor dem Hause seines Vaters, es w?r das israclüische Gotteshaus, aus dem die Töne zu ihm gedrungen, die Gottesstimme. die ihm gerufen hatte. Und er wollte ibr folgen, dieser Stimme, wollte hineineilen in das Haus, in dem er die ganze Gottesgemeinde zu dieser Stunde versammelt wußte. Doch noch bevor er die Schwelle des Gotteshauses erreicht hatte, 'blieb er in sich erschauernd stehen, denn in seinem Innern war eine Stimme laut geworden, die höhnend rief: „Acher! Acher!" Er wandte sich um und eilte davon als säßen die Furien ihm auf den Fersen. Bald batte er das Freie erreicht und rannte nun planlos dahin, kreuz und quer, durch Wiesen und Felder, wie lange? — das wußte er selbst nicht. Instinktiv batte er endlich den Heimweg angetreten. doch als er zu Hause angelangt war, war die Dämmerung bereits hereingebrochen. Er begab sich in sein Arbeitszimmer und schloß die Thür ab. Vald darauf klopfte es. „Wer ist da?" fragte Keßler ohne aufzuschlicßen. „Die gnädige Frau läßt bitten, der Herr Professor möge zum Speisen kommen." Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Sagen Sie der gnädigen Frau, daß ich mich nicht ganz wohl fühle und nicht essen werde." Gleich daraus kam die Frau Professor selbst. Sie versuchte die Thür zu öffnen, doch auch sie fand dieselbe verschlossen. „Mach' auf. Otto, ich bin's — ich möchte sehen, wie es Dir geht." „Danke, es ist nichts von Bedeutung — ich möchte jetzt schlafen." Seine Stimme war vollständig verändert, sie ward mehr und mehr beunruhigt, doch gelang es ihr nicht, ihn zu bewegen, die Thür zu öffnen. Kaum hatte sie sich entfernt, als er sich von dem Sopha. auf das er sich ausgestrcckt hatte, erhob, die elektrische Flamme aufleuchten ließ und den Sekretär aufschloß. Längere Zeit verbrachte er mit dem Ordnen von Manuskripten. Werthpapieren u. dergl. Er hatte sich in den verflossenen sieben Jahren ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben, das er getrennt von dem seiner Frau verwaltete. Er ordnete die Werthpapiere in verschiedene große Eouverte. auf die er einige Worte schrieb, dann schob er sie in die Brusttaschen seines Ueberrockes. Nun schloß er ein seitwärts gelegenes Schublädchen auf und entnahm demselben ein kleines, goldgestirttes Säckchen von rothem Sammt, die letzte Handarbeit seiner Mutter; es enthielt die sogenannten Gebetriemen. Mit übersirömenden Augen betrachtete er es und drückte es an seine Lippen, dann schob er es gleichfalls in seine Tasche. Jetzt fehlte ihm nur noch ein Gegenstand. Er entnahm denselben einem Kästchen, hielt ihn prüfend gegen das Licht und schob ihn in die innere Brusttasche. Noch einmal ließ er seinen Blick durch den schönen, trauten Raum schweifen, wie hatte sein Herz so stolz geschlagen, als er zum erstenmal in demselben gearbeitet hatte. Und nun — wie elend, wie vollständig gebroch n fühlte er sich. Er sah auf die Uhr. wenn er den Nachtzug erreichen wollte, war es höchste Zeit. Er zog den wärmeren Rock über, knüpfte ihn bis hoch hinauf zu. drückte den Hut in die Stirn und verließ das Zimmer. Es war ihm willkommen, daß er tveder seiner Frau noch einem seiner Leute weder auf der Stiege noch in der Halle begegnete, so daß keiner ahnen konnte, wohin er seine Schritte gewandt. In der Nähe seines Hauses hielten Droschken, er benützte eine derselben und hatte den Bahnhof bald erreicht. Er nahm ein Billct erster Klaffe, heim so peinigend seine Gedanken auch waren, er wollte doch in denselben nicht gestört werden und vor Störung fühlte er sich in der ersten Klasse am sichersten. Er war auch allein im Coupee. lehnte zurück in die Ecke und wollte, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, die Augen schließen. Doch gegen seinen Willen öffneten sie sich wieder und er starrte hinaus in die dunkle, schwarze Nacht, die kein Stern erhellte. Hin und wieder flogen feurige Funken in dem Dampf, der der Lokomotive entströmte. an seinem Fenster vorüber, er schob den grünen Vorhang vor das Fenster, er wollte nichts sehen, absolut nichts. Und er sah nichts, er hatte die Augen weit offen, aber sein Blick war nach innen gerichtet, er sah