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Der Israelit · 1904-03-24 · Heft 24 (24.3.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 24 (24.3.1904)
Date
1904-03-24
Page
– (sequence 19)
Language
German
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«nt Ausnahme bilden und darum ein Sittenstück, VaS nicht die herrschmden Sitten geißelt, sondern künstlich erfundene. Der Herzog von Barfleur, ruinirter Lebemann, von dem es höchst unwahrscheinlich klingt, daß er jemals «Botschafter in SBien* war, verkauft seine Tochter Jeaunine an den jungen Nathan Strohmann, der ihm dafür zwei Millionen Schulden bezahlt. Jeaunine liebt einen andern, den Marquis de Ch6ranc-, der zu arm oder vielmehr zu verschuldet ist, um sie zu heirathen; sie wird Nathans Gattin, und sie macht sich, in Gemeinschaft mit ihren prmzlichen und gräflichen Gästen, über ihn, seine Familie und die Juden lustig: der Auftritt, wo im Strohmann'schen Hause die Judenfrage erörtert wird, ist völlig unmöglich. Die Takt- und Schamlosigkeit Jeaunines und ihrer Gäste wird nur durch Jeaunines Dummhett ubertroffen. Denn es ist doch schlechthin dumm von ihr, vor Nathans Augen mit Cherance anzubändeln. Die Brutalität NathanS, der ihr Vorhaltungen macht, treibt sie in Cherances Arme. «Ich habe mich durch die Ehe erniedrigt, ich erhebe mich wieder durch den Ehebruch!" Aber Nathan läßt sie nicht los. Er sucht sie in Cheranccs Wohnung auf. stellt ihr vor, daß sie, wollte sie mit Cherance durchgehen, mtt ihm verhungern würde, und daß sie Luxus und Toiletten braucht. Jeaunine ist ernüchtert, sie kehrt in das Palais Strohmann zurück. Wir haben die beruhigende Gewißheit, daß, wenn sie ihren Mann das nächste Mal betrugt, sie es geschickter und heimlicher anfangen wird. Das ist in Kürze der Inhalt. Trotz der unleugbaren großen Schwächen deZ Stücks — sie liegen gerade in der «Starke" der Szenen — trotz der offenbaren Uebertreibungen und Plumpheiten, ist «Decadence" nicht etwa ein unbedeutendes Werk, das sich mit einem Achselzucken abthun läßt. Aufbau und Szenenführung zeigen eine sichere Hand, und die Sprache ist knapp, fein, eindrucksvoll. Jnteressirt hat es von Anfang bis zu Ende, und neben manchen Augenblicken des Unbehagens gab es doch auch manche einer wahren Freude — in litterarischem Sinn. Der Erfolg ist verbürgt nicht nur durch das Auftreten der Juden und die Neugier, die das Verbot erweckt hat. Guinon ist ein ernster Schriftsteller von herbem, fast schroffem Temperament, und es war ihm ernst auch bei der Darstellung des Rassengegensatzes. Rußland. Petersburg, im Marz. (Die Juden in der Landwirthschaft.) Wir haben vor einiger Zeü berichtet, daß die russische Regierung an die Gouverneure der fünfzehn Provinz«», in denen die Juden wohnen dürfen, ei» Schreiben gerichtet hat, in dem sie die Gouverneure um Mittheilung ihrer Ansichten über die auf die Juden bezüglichen Gesetze ersucht. Die Antworten find nun eingegangeu und der Inhalt derselben läßt sich nach der «Times" folgendermaßen zufammenfaffenr Einige Gouverneure verlangen die vollständige Vertreibung der Juden, andere, wie z. B. der neue Gouverneur von Beffarabien, Fürst Uruffow, wünscht die vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Raffen, da nur die beschränkenden Gesetze einige Juden veranlaßt haben, sich mit Politik zu befassen. Der Gouverneur von Wilna setzt in einem langen Memorandum auseinander, welche schlimmen Folge« das Zusammenpreffen der Juden in bestimmten Bezirken hat und er empfiehlt, nicht weiter die Hebung der allgemeinen Bildung der Juden zu hindern. Es sei denselben verboten, eigene Schulen zu haben und die Rabbiner, die durch den Staat bestätigt wurden, hätten keine theologische Bildung und übten daher nur geringenn Einfluß aus. Die nicht offiziell anerkannten Rabbiner dürften nicht öffentlich handeln und haben keine Möglichkeit, sich selbst zu bilden. Der Gouverneur schlägt daher die Errichtung theologischer Institute vor, in denen eine Klaffe gelehrter Rabbiner herangezogen werden könnte. Von den sieben Berichten, die sich mit der landwirthschaftlichen Frage beschäftigen, sind drei gegen die Verwendung von Juden in der Landwirthschaft. Der Gouverneur von Mohilew begnügt sich damit, statistische Daten zu geben, während der Gouverneur von Podolien behauptet, daß die Juden nur im Herbst bei der Einbringung des Getreides und der Gemüse helfen, das übrige aber den christlichen Bauern überlassen; 60 Prozent der Juden hätten bereits die Kolonie verlassen und widmeten sich ausschließlich dem Handel und der Industrie, der Versuch, aus den Juden Landbebauer zu machen, sei daher ein vergeblicher. Der Gouverneur von Wilna drückt sich ähnlich aus, er scheint aber die Verhältnisse nicht genau zu kennen, denn er spricht von 72 jüdischen Kolonien, während es derer nicht mehr als 30 gibt. Andererseits erklärt der Gouverneur von Minsk, daß sich der jüdische Landarbeiter von dem christlichen nur durch die Religion unterscheide. Der Gouverneur von Jekaterinoslaw meint, daß die Juden als Landwirthe nur deßhalb nicht prosperirt hätten, weil man ihnen zu wenig Land gegeben habe, in Folge dessen die Juden andere Beschäftigungen suchen mußten. Er habe verschiedene jüdische Kolonien besucht und alles war so gut, wie man es nur erwarten konnte. Die Judenfrage könnte daher leichter gelöst werden, wenn man das System der landwirthschaftlichen Kolonien besser organisire und erweitere. Nach dem Gouverneur von Cherson mieden die Juden zuerst die Kolonien, aber nachdem die Methoden verbessert worden waren, wurde der Plan populär. Im Jahre 1889 waren 68 Prozent und 1898 schon 73 Prozent der jüdischen Bevölkerung nur in der Landwirthschaft beschäftigt; 19 Prozent vereinigte mit

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