Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1904)
- Date
- 1904-03-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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463 Gotteshäusern. Kommt man als fremder Freitags Abend oder Samstag Morgen in eine solche Synagoge, da läßt man zuerst den Blick über die Reihen ergehen, ob man nicht zufällig einen Bekannten erspäht, der sich unserer Hilfslosen Lage erbarmt, aber nein, im i .egen» heil, man wird von der» Andächtigen angeschani. als wollten sie alle fragen: .was willst Du hier?" Man stellt sich nun auf den zunächst liegenden freien Platz hin und kaum hat man sich seines „Besitzes" gefreut, dann kommt auch schm der eigentliche „Besitzer" und man ruckt an andere Stelle. Aber auch da ist des Bleibens nicht lange, so daß es mir vorgekommen ist, daß ich vier oder fünf mal meinen Platz aufgeben mußte, um mich schließlich ganz in den Hintergrund zu drucken, wo ich wenigstens meinen „Standpunkt behaupten durfte. Die Zeiten sind vorüber, wo ein Fremder in einer solchen Kiloh mit Ehren einmaligen wurde und sogar beim Parnes zu Tisch geladen wurde, das war damals zur Zeit der Postkutsche, heute bei dem Massenverkehr ist das nicht mehr möglich und selbst wenn alle Synagogenvorstände sich in Bezug am Gastfreundschaft Lberbieten wurden. Aber die Worte in Jeschajoh: „Mein Haus ist ein Bethaus für alle Völker" sollten doch gerade jetzt in unserer Zeit, wo die Völker oder Theile derselben viel, sehr viel auf Reiser, sind, an maßgebender Stelle Beachtung finden, damit sich der tiefe Sinn dieses Spruches auch in Thcten umsetzen läßt. Man wird sagen, die Gotteshäuser dieser Richtung, sowie deren der sog. Relizionsgesellschaften, die identisch hiermit sind, sind leider so klein und eng. daß sie kaum ihren wirklichen Mitgliedern Raum gewähren, geschrveige denn. Fremden Platz schaffen. Ich antworte, das ist nicht zutreffend. Auch in diesen Gotteshäusern bleibt allsabbatlich so mancher Platz unausgefüllt, daß man eine ganze Menge Fremde unterbringen könnte. Man muß es nur wissen, wer durch Abwesenheit häufig glänzt, sei es. daß die betr. Herren auf Reisen, sei es, daß solche Lberhauvt selten erscheinen; beide Spezies kommen in allen Gemeinden vor! Und wer anders, als der Herr Schammes kann das am besten wissen, wer anders als dieser kann den Fremden gleich bei seinem Rundblick besser mit Gebetbuch etc. einen Platz anweisen, wo er Niemanden inkommodirt. Ja leider, den Gemeinden sei's geklagt, den Schamosim von heute wohnt nicht mehr die Intelligenz inne, wie in früheren Zeiten, weil sse nicht mehr ein Rad an der Gemeindemaschine sind, sondern ihr selbstständiges Denken und Handeln aufgeben mußten, um nur noch die Maschine zu sein, die in Bewegung gesetzt wird. Wer kennt nicht die eigenartigen Charaktergroßen der Synagogendiener, die uns der Begründer dieser Blätter in seinen herrlichen Erzählungen so oft vorgeführt. und -wem wären wohl die Hauptpersonen in S. Kohn's „Ghetto-Geschichten" unbekannt geblieben? Das waren Männer, die uns da vorgefuhrt werden, mit Geist und Witz, die ihren Posten wahrlich nickt so niedrig anschlugen, wie er häufig im Volksmund behandelt wird. Neben den vielen Lichtern, die so ein Schammes ansteckt, sollte er nicht vergessen, sein eigenes auch etwas leuchten zu lassen, und ihm sollte vom Vorsteher mehr Selbstständigkeit in Nebenfächern gegeben werden. Dann norden diese Mißstände, die Jeder, dessen Beruf „Reisen" heißt, mit mir unangenehm empfindet, leicht abzustellen sein, und wenn diese Kritik dazu beitragen würde, hätte sie ihren Zweck voll und ganz erreicht. E.«. Rußland. Kischiuclv, 6. März. <Der zweite Prozeß.) Zeuge Kutscherswskr gibt an. seine Wohnung sei in Gegenwart eines Offiziers und eines Detachements von 20 Soldaten ausgeplündert worden; er habe auch die Ermordung Abr. Kahans durch Iwan und Georgi Pavuschi gesehen. Samuel Rasende r g erzählt, er habe dem Bandenführer Rosnjak und Tirotjan o00 Rubel für Schonung seines Lebens gegeben. Dies sei bereits in der Voruntersuchung gemeldet und auch dem Staatsanwalt Anzeige erstattet worden, jedoch ohne Erfolg. Marie Pjatniha. Leiterin eines der behördlichen Branntweinmonopol- Verwaltung unterstehenden Ausschankes, erscheint als Entlastungszeugin zu Gunsten des bei der Blendung Weißmanns betheiligten Sofronij. Dieser sei am Ostermontag den ganzen Tag in der Nähe seiner Wohnung und an den Exzessen nnbetheiligt gewesen; dagegen schildert die Pjatnitza genau die Betheiligung zweier anscheinend höheren Kreisen angehöriger junger Herren an der Aufreizung des Volkes. Jene Männer, vermuthlich Gendarmerie-Agenten, kamen in einem Fiaker gefahren, hielten bei den Plünderer-Gruvpen und vertbeilten Geldbelohn ungen. Rechtsanwalt K u p e r n i k rollt aus Grund dieser mit der früheren Aussage des Pristaws Lutschinski übereinstimmenden Aussage, welche die sicher stattgefundene Aufreizung lonstatirt, nochmals die Frage der Heranziehung der intellektuellen ^Hintermänner auf, die bekanntlich im ersten Prozeß zum Rücktritt der Anwälte geführt har. ttischincw. 7. März. In der gestrigen Schlußverhandlung erklärte gegenüber dem Antrag von Kupernik auf eine ergänzende Untersuchung behufs Eruirung der Svur von zwei nach übereinstimmenden Aussagen als Anstifter zu betrachtenden Gendarmer«genten, der Vertreter der Staatsanwaltschaft Dsckibelli, dies liege außerhalb der Kompetenz des Gerichtshofes, da die betreffenden Agenten nicht als Angeklagte erschienen. Ter antisemitische Vertheidiger ist ebenfalls gegen die Ausdehnung der Untersuchung. Der Advokat S a r u d n v replizirt, den Beschädigten liege nichts an einer gerichtlichen Verfolgung und Bestrafung von Polizeiorganen, sondern daran, den Beweis z« er-