Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1904)
- Date
- 1904-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Auch auf anderen Gebieten läßt sich dieses erfreuliche Zusammenarbeiten von Palästinafreunden und Zionisten beobachten. Große Bedeutung für die Entwickelung des Kolonisationswerkes dürfte die „Ausstellung von Erzeugnissen der jüdischen Kolonien in Palästina* erlangen, welche zunächst im März in Wien veranstaltet wird und hierauf nach mehreren anderen Städten transportirt werden soll. Das Wiener Ausstellungs-Komitee besteht aus einer Reihe der angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Wiens, darunter Oberrabbiner Güdemann, Dr. Alfred Stern. Dr. Gustav Kohn. Baurath Stiaßny, Rudolf Ausspitz, Dr. Edmund Kohn. Auch drei Mitglieder des zionistischen Aktions-Komitees. Dr. Her.zl. Architekt Marmorek und Fabrikant Kremenetzky haben sich demselben angeschlossen. Im Einklänge damit fleht die Thalsache, daß das Wiener Aktions-Komitee dem Vertreter einer Gruppe von Palästinafreunden, welche die Gründung eines Kolonisationsvereins in Oesterreich vorbereiten, die Zusage ertheilte, dem Vereine gegenüber eine wohlwollende Stellung einzunchmeu. Diese Umstände beweisen wohl zur Genüge, daß die Idee der systematischen Kolonisation heute in allen Kreisen gewürdigt wird und daß die parteiversöhnende Tendenz der Palästinabewegung Anerkennung findet. Der zweite Aischinewer j)rozeß. K i s ch i n e w, 29. Februar. Heute wurde als Zeuge der Thierarzt Dr. S t e i n vernommen, der am städtischen Schlachthause als amtlicher Fleischkommissär bestellt ist und in der Nähe dieser Anstalt, in der Mündscheßtystraße. wohnte, wo ebenfalls Exzesse stattfanden. Er erklärte, er könne bestätigen, daß die Exzedenten ortsansässige, ihm namentlich bekannte Leute waren, echte Moldawanen, nicht fremde Individuen, wie man von mancher Seite behaupten wollte. Er sah selbst, wie die Räuber zahlreiche Wohnungen von Juden demolirten und selbst nicht einmal die allerarmsten verschonten. Doktor Stein sagte aus: „Ich habe während meiner langjährigen Wirksamkeit in jenem Bezirke niemals etwas bemerkt oder gehört, daß die Christen Haß gegen die Juden hegen; es ist mir nicht denkbar, daß die Bewegung entstanden wäre, wenn nicht besondere Emissäre herumgegangen wären, die das Volk planmäßig aufgereizt und gegen die Juden gehetzt hätten. Ich habe selbst solche Leute, die ihrem Aeußern nach zu den bessersituirten Kreisen gehörten, gesehen, wie sie das Volk haranguirten. Der „Bessarabetz* hat hierbei am meisten mitgeholfen.* Der Pristaw des dritten Polizeibezirks, Lutschinsky. gibt eine Darstellung der Exzesse in seinem Revier, und bezüglich der Entstehung derselben äußert er die Ansicht, daß der religiöse Haß dabei mitgewirkt habe, da die Juden stets abgesondert leben und besondere Gebräuche haben. — Prä s.: Das ist wohl nur Ihre persönliche Ansicht oder können Sie hierfür Thatsachen und Beweise anführen? Der Zeuge entgegnet nach einigem Nachdenken, er habe keine konkreten Beweise. Der Vertreter der Angeklagten. Labutschenko, eilt dem Zeugen zu Hilfe und fragt: Speisen die Juden mit den Christen gemeinschaftlich? — Zeuge: Niemals! Das ist es ja eben, was ich meine, daß die Juden in ihren Sitten und Gebräuchen abgesondert sind, mindestens die orthodoxen unter ihnen; die von Nichtjuden zubereitctcn Speisen gelten ihnen als unrein. Zeuge Lutschinsky führt des Weiteren aus, daß es hauptsächlich die Verleumdungen im „Beffarabetz* gewesen sind, welche allmählich beinahe die gesammten christlichen Kreise Kischinews mit unversöhnlichem Judenhaß erfüllten. Der Zeuge erklärt ferner, daß die jüdischen Geschäftsleute in Kischinew selbst der gesammten Bevölkerung großen Nutzen bringen, da sie durch ihren Handel zur Verwohlfeilung der Lebensmittel beitragen, in den Dörfern jedoch schaden sie den Bauern, indem sie ihnen zu vereinbarten niederen Preisen die Landesprodukte im voraus abkaufen, um möglichst große Profile einzuheimsen. — Rechtsanwalt Kupernik (an den Zeugen): Zahlen die jüdischen Geschäftsleute den Bauern für die Produkte schlechtere Preise, als allgemein auf dem Markte üblich? — Zeuge: „Das wohl nicht.* — Kupernik: Worin findet also der Zeuge eine Uebervortheilung? — Zeuge schweigt. Verteidiger Labutschenko: Was kann der Zeuge über die Gesetzesübertretung der Juden aussagen? — Zeuge: Ich kann der Wahrheit gemäß erklären, daß ich als Polizeipristaw in einer kleineren Stadt, in Kalarasch, zu öfterenmalen in die Lage kam, Juden wegen Uebertretung von gesetzlichen Vorschriften und Polizeiverordnungen zu verfolgen und zu erheblichen Geldstrafen zu verurtheilen. Als es jedoch dazu kam. diese Strafgelder einzutreiben, überzeugte ich mich regelmäßig, daß die Leute in drückendster Armuth leben und die Uebertretunaen niemals willkürliche, sondern nur eine Folge der furchtbaren Nothlage waren, in der sich die Juden befinden. Sie leben, namentlich in den kleineren Städten, zusammengepfercht, ohne Licht und Luft, so daß sie zur Erhaltung des bloßen Daseins oft gezwungen sind, das Gesetz zu umgehen. Bezüglich der Kischinewer Juden erklärt Zeuge, niemals vernommen zu haben, daß sie des Wuchers geziehen werden. Zettungsnachrlchten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Sehr geehrter Herr Redakteur! Vor einigen Monaten brachten jüd. Zeitungen eine Zuschrift des Herrn Dr. C. gegen die Verwendung der europäischen Vriefniarken durch jüdische Absender in Jeru-