Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1904)
- Date
- 1904-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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415 gezogen wurde, hatte sich jedesmal überaus anerkennend über das Vorgehen des behandelnden Arztes ausgesprochen, die Heilung war zwar langsam, aber glücklich vor sich gegangen. Doktor Keßlers Praxis hatte sich seitdem verzehnfacht, und war es daher wohl selbstverständlich, daß er jedem einzelnen Patienten nicht mehr so viele Zeit widmen konnte, wie vordem. Doch konnte sich keiner mit Recht über ihn beklagen, wer ihn zu Rathe zog. fand sein Vertrauen gerechtfertigt. Als der Doctor die gräfliche Villa erreicht, und sich wie gewöhnlich in das Boudoir der Dame des Hauses begeben wollte, erklärte ihm der Bediente, sein Herr wünsche ihn vorher zu sprechen, er ließ sich daher bei dem Grafen melden und ward in dessen Arbeitszimmer geführt. „Guten Morgen Herr Doctor!" rief der Graf dem Gintretenden entgegen, „wie geht's? wie finden Sie meine Frau heute?" „Ich hatte heute noch nicht die Ehre, von der gnädigen Frau empfangen zu werden," erwiderte der Doktor. „Der Bediente sagte mir, daß der Herr Graf mich erwarten." „Das ist ein Mißverständniß von Seiten des Bedienten, ich wünschte nach Ihrem Besuche bei meiner Frau mit Ihnen zu sprechen." „So werde ich zuerst hinüber gehen zu der Frau Gräfin und mir dann erlauben —" „Ach nein, bleiben Sie. es ist im Grunde einerlei, ob ich jetzt mit Ihnen spreche oder später. Bitte, setzen Sie sich —" „Wie der Herr Graf befehlen —" „Zu befehlen habe ich hier im Hause wenig," entgegnete der Graf lachend, „hier im Hause befiehlt meine Frau, das sollten Sie schon wissen, Herr Doktor." „Die ritterliche Galanterie des Herrn Grafen gegen die gnädige Frau ist bekannt." versetzte der Arzt gleichfalls lächelnd. „Also, Herr Doktor, wie haben Sie das Befinden meiner Frau gestern gefunden?" „Gut, recht gut. die beiden Bruchstellen sind vollständig geheilt, nur noch einige Wochen Massage und alles ist in Ordnung." „Ja, die Massage, darüber eben wollte ich mit Ihnen sprechen, Doktor. Sie haben in der vorigen Woche meine Frau einmal massirt, und das hat ihr überaus wohlgethan. Aber weder die von Ihnen empfohlene Masseuse noch der gleichfalls von Ihnen empfohlene Masseur sind im Stande, meine Frau zu maffiren, ohne ihr die heftigsten Schmerzen zu verursachen." „Es dürfte überhaupt schwer sein, die gnädige Frau zu maffiren, ohne ihr Schmerzen zu verursachen." „Doch, doch, meine Frau versichert, als Sie sie massirt haben, absolut keine Schmerzen empfunden zu haben." „Da werde ich vermuthlich nicht kräftig genug massirt haben," versetzte Keßler lächelnd, „ich bin kein geübter Masseur." „Und dennoch hat Ihr Maffiren meiner Frau überaus wohlgethan; deßhalb wollte ich Sie ersuchen, wenn es Ihre Zeit gestattet, meine Frau selbst maffiren zu wollen." Der Doktor preßte die Lippen aufeinander, während eine leise Rothe sein Antlitz überzog. „Ick: bedauere sehr, Herr Graf, aber ich wiederhole, ich b'n kein geübter Masseur, mein Maffiren dürfte schwerlich den erwünschten Erfolg haben." „Meine Frau behauptet das Gegentheil. Und da bekanntlich das, was der Patient für gut hält, schon durch die Autosuggestion wirkt, möchte ich doch sehr bitten —" Der Doctor zog die Stirn in Falten, es war ihm sichtlich unangenehm. „Meine Zeit ist in der That sehr beschränkt —" „Seien Sie aufrichtig, Herr Doctor, die Ihnen karg zugemessene Zeit ist nicht allein und nicht einmal vorwiegend der Grund Ihrer Weigerung, aber das Maffiren konvenirt Ibnen nicht, Sie halten es unter Ihrer Würde." „Bitte sehr — daß es mir nicht konvenirt. gebe ich zu, aber unter meiner Würde halte ich es dennoch nicht — wenn auch allerdings das Maffiren dem Masseur zukommt und nicht dem Arzt —" ..Das ist's ja. was ich sagte." Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ich hatte es keineswegs unter meiner Würde. Bei armen Leuten oder auch bei nur wenig Bew.itietten, denen es schwer wird, den Masseur zu bezahlen, habe ich oft genug als solcher fungirt. Aber bei der Frau Gräfin Steinfels —“ „Kommt diese Rücksicht nicht in.Betracht," fiel der Graf lachend em. „das muß ich wiederum zugeben. Trotzdem sage ick: 66 q»6 femme veut Di u le veut. Meine Frau bat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, sicki nur von Ihnen maffiren zu lassen, also seien Sie kein Svielverderber, Doctor, thun Sie ihr ihren Willen. Lassen Sie sich dünken, sie wäre die Gattineines armen Teufels und hätte ein Dutzend hungernder Kinder zu ernähren. Wenn Sie sich dieses vor Augen halten, wird es Sie gar keine Ueberwindung kosten, ihren Wunsch zu erfüllen. Also? —* „Wenn der Herr Graf denn gar so großen Werth darauf legen, so will icb es einmal täglich übernehmen, es. wie ich es verordnet babe, zweimal täglich zu thun. wäre mir in Wirklichkeit schwer möglich." „Run, wenn es nicht anders geht, so müssen wir uns mit einer einmaligen Massage im Tag begnügen, j hoffentlich wird die auch genügen. Empfangen Sie - vorläufig meinen verbindlichsten Dank für Ihre freund-