Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-02-25 · Heft 16 (25.2.1904) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 16 (25.2.1904)
Date
1904-02-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450002--60160-2521047
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45. Jcchig^,. NZikags zu M16 öss „Sswekit.^ Mülikbt böu 8nh«i HWtmii». Besprochen von A. Halberthal - Berlin. - Der „Naturalist" Gerhard Hauptmann verkörpert ein Doppelwesen in seinem künstlerischen Schaffen. Seine analytische Gefühlswelt, seine komplizirte Cha rakteristik, seine mikroskopische Beobachtungsgabe führt ihn fast unwillkürlich zum Symbolismus, oft zur Mystik. Gerhard Hauptmann hat Nerven und Harmonie; tiefe Unruhe und große Sehnsucht nach Frieden; Disharmonien und Melodien. Immer wieder ist cs in seinen Werken ein Held, ein ganzer Mensch, der dem Untergange geweiht wird, weil das Disharmonische die Harmonie übertönt, weil die Nerven gereizt und überreizt, weil die Unruhe und die Unrast den Frieden und die Ruhe verscheuchen. Und dann: Hauptsächlich gehen seine Menschen zu Grunde, weil mit dem Frieden die Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl schwindet. Seine Helden sind immer arm an Liebe — („der arme Heinrich" wird reich, blüht, lebt wieder auf, weil ihm aufopferungsfähige Liebe zu Theil wird) — seine Menschen sind immer: Einsame Menschen". Der Einzelne wie die Masse, „Rose Bernd" wie die „Weber" — alle würden sie besser, gesunder gedeihen im Eden der Liebe. Der Schleier der Tragik würde fallen. Ueberhaupt: Liebe und Frieden sind die beiden Pole Hauptmann'scher Kunst. Gewiß, Gerhard Hauptmann ist Künstler genug, die Tendenz, nicht d'as Kunstwerk überwuchern, beeinträchtigen zu lassen; aber immer wieder fühlen wir, daß diesen Menschen nur die Gemüthssonne fehlt, der Strahl des Friedens. Besonders tritt dieses Moment in seinem neuesten Drama-Fragment: „Hirtenliebe" hervor, wo er sich einem „biblischen Stoffe" zuwandte. Der Friede ist Ein altes, todtes Wort, das nicht mehr gilt. Such' ihn, den Frieden, Engel Gabriel. Und bring' ihn mir! Vergebens suchst du ihn. Du wirst nicht auf dem Markt, nicht auf den Gassen, Nicht in den Kirchen, noch in den Palästen . Die weiße Taube finden, die du suchst ..." „Rahel am Brunnen." dieses idyllisch-schöne Motiv hat hier eine Künsilerhand aufgegriffen. Sieben Jahre diente Jacob Um Rahel. und die Jahre däuchten ihn Wie Tage — also hatte er sie lieb. Und nie hat Gott der Herr ein Menschenkind Höher begnadet als er Jakob that Mit diesen 7 Jahren ... Da klingt wieder der Ton der reinen, lauteren,, hingehenden Liebe. Jacob wird Hauptmann die Verkörperung des Künstlers, der nach Harmonie sucht und sehnt, um sein Lebenswerk zu vollenden. Der Strahl der Liebe trifft ihn. Ein schöner Traum führt ihn ins Land seiner Rahel; seine Seele will sich hinaufschwingen in die Sphären der Liebe und des Friedens — da tritt Lea auf. die Schwester Rahels, die Bleiche, Zarte, Gej duldige. Sehnende. Die Tragik der Disharmonie, die aus Harmonie geboren wird. Hier hat Hauptmann die Feder bei Seite gelegt. Wieder das Leben und der Kampf, der stete, ewige, immerwährende Kampf, die Nerven und die Harmonieen, die Gefühle und die Instinkte, die Sehnsucht und die Begierde, das Borurtheil und der Frieden — das alte, ewig neue, immer traurige Lied. Gerhard Hauptmann hat es nicht zu Ende gesungen: das ist der Gipfelpunkt der Tragik. Ein ewiges Geheimniß ist dieser Kampf, wenn er gerecht und wahr, mit den Waffen der Kunst und Schönheit durchgefllhrt wird - ein tiefer Abgrund, wenn vergiftete Pfeile des Hasses geschleudert werden. — Zeitungsnachrichten uuö Eorresponvenzert. Deutschland. Berlin, 1(>. Febr. Die tiefe Erregung, welche das Ansinnen des Berliner Gemeindevorstandes, in der Synagoge Rykestraße einen Orgelcultus einzurichten, in allen Kreisen derer, die die Synagogen wirklich besuchen, hervorgerufen, kam in einer großen Versammlung zum Ausdruck, welche die vereinigten Synagogenvcrbande Berlin's und Vororte nach dem großen Saale der Brauerei Königstadt einberufen hatten und die den großen Saal bis zum letzten Platz füllte. Hauptredner des Abends war Herr Rabbiner Nobel- Halberstadt, der der dringenden Einladung der Verbände gefolgt war. und der sich auch diesmal wieder als ein schlagkräftiger. überzeugender und alle Hörer mit sich fortreißender Redner bewährte. Er sprach über das Thema: „Was thut dem Judenthum im 20. Jahrhundert noth?" In mehr als einstündiger, von häufigem Beifall begleiteter Rede geißelte er die moderne jüdische Charakterlosigkeit, die sich in dem Streben nach Assimilation und nach Verchristlichung des Gottesdienstes ausspreche. Dann formulirte, wie die „Jüdische Presse" berichtet, Herr Wedel! die Forderungen, daß der RituS in den Synagogen Kaiserstraße und Rykestraße nach dem Muster des in der Heidereutergaffe heimischen Gottesdienstes' eingerichtet werden solle, Wiedereinführung des Kol nidre, anstatt des deutschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.