Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 13-14 (17.2.1904)
- Date
- 1904-02-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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45. Jahrgang. ZVsiisIsikags $tt J& 13 L14 dss „Ssraekit.- MMW m Wir Mtchms. (Fortsetzung.) Zu diesem Zweck haben wir vor allem die Stelle zu bestimmen, welche die Griechen in dem großen Ganzen der allgemeinen Geschichte einnehmen. Die griechischen Staaten sind längst von der Erde geschwunden; die alten Republiken sowohl, als die von Alexander gestifteten makedonischen Weltreiche. Nahezu zwei Jahrtausende sind vorübergegangen, seitdem keine Spur mehr von all dieser ehemaligen Größe und vergänglichen Macht vorhanden. Selbst die berühmten Schlachten kennen wir nichr vorzüglich um ihrer selbst willen, sondern weil sie in den klaffischen Schriftstellern so unübertrefflich schön und mannigfach belehrend geschildert sind. Nicht also die republikanischen Verfassungen, und die schnell vorübergehende Freiheitsepoche der alten Griechen, welcher der Bürgerkrieg und die Anarchie auf dem Fuße nachfolgte; und nicht die makedonische Welteroberung, welche sich bald unter das Joch der Römer und Perser beugen mußte, lassen uns den großen und wichtigen Antheil begreifen, welchen die Griechen <m d-r Entwickelung der Menschheit doch unstreitig haben. Es waren vielmehr geistige Errungenschaften, die sie Jahrhunderte hindurch der Nachwelt vererbten. Plato und Aristoteles, Homer und Phidias, weit mehr als Leonidas, .Kimon oder Pausanias. das ist ungefähr der kurze Inbegriff und wesentlichste Gehalt alles dessen, was von den Griechen dauernd und fortwirkend auf die Nachwelt übergegangen ist: die griechische Wissenschaft mit ihrer klaffischen Grundlage, der schönen Kunst. Und hier schon dürste sich der auffallendste Unterschied und der vollendetste Gegensatz zu den asiatischen, chamitischen Weltreichen zeigen. Diese gründeten ihre Große auf materielle Eroberungen, auf Pyramiden aus Menschenleichen, auf äußere Gewalt und Macht- Die Gewalt schwand, die Macht sank und mit ihnen sind jene Völker spurlos dahingegangen. Hellas aber, das auf geistigem Inhalt seine Stellung sich schuf, lebt durch die Zeiten hindurch, wenn schon längst sein Reich zu Grunde, seine Tempel zerstört, sein Land Wohnstätte schwächlicher Epigonen geworden ist. Und das ist der erste, große Fortschritt zur jüdischen Wahrheit, angebahnt auf japhetischem Boden. Der Geist ist stärker denn die Materie. Im Einzelnen sei hier z. B. nur an die Perserkriege erinnert, die eines der glänzendsten Belege dafür liefern, daß nicht die Zahl und nicht die Stärke, wohl aber die Begeisterung für die idealen Güter des Menschen, und das Bewußtsein für Hohes und Schönes zu kämpfen, zuletzt den Sieg davonträgt. Was nun den hellenischen Gottesbegriff anbetrifst. so haben wir ferner die noch lange nicht genug gewürdigte Erscheinung zu betonen, daß die Griechen die Ersten waren, welche einen Theil des jüdischen Gottesbegriff hatten, indem sie auch keinen Gott des Schlechten Prinzip des Bösen etc. kannten, selbst die Götter her Unterwelt waren ihnen eben göttlich, alle in harmonischer Einheit. Der trotzdem noch bestehende himmelhohe Unterschied zwischen unserem und dem griechischen Gottesbegriff liegt darin, daß die Grundlage unserer Anschauung, das sittlich Vollkommene bildet, bei den Griechen aber das vollkommen Schöne. Die Vorstellung des Schönen aber gehört der Anschauung der Phantasie an, welche die Erscheinungen nur als Individualitäten vorstellt, und dem Griechen löste sich daher jene Einheit in Vielgötterei auf?) Während'in den orientalischen Despotenstaaten die Menschen zu Götzen gemacht wurden, kennt die homerische Welt nur Götter, die idealisirte Menschen sind. Beides sind falsche Extreme. Nichtsdestoweniger mutzte sich aus dem Letzteren eine höhere Werthschätzung der Menschenpersönlichkeit ergeben. Diese Werthschähung aber richtete sich eben auch nach dem Maßstab des Schönen, und nur des Schönen. Hier liegt der Ursprung für alles dasjenige, was uns Juden von der hellenischen Kultur sondert. Bei uns hat das Schöne nur insofern Werth, als es sich in den Dienst des W a hr e n stellt.'") (Es erfordert das Verhältniß der Aesthetik zum Judenthum eine besondere Auseinandersetzung; und sehen wir daher hier davon «fr) Del» Griechen aber war Schönheit und Harmonie das höchste Ideal, und da solches Ideal nur von einzelnen Individuen erreicht werden kann, deßhalb war die gräßliche Nachtseite des hellenischen Lebens, die unzähligen, unfreien. zu Maschinen herabgepeitschten Heloten, deßhalb die Entsittlichung und Verthierung unter dem Firniß der Schönheitsbegeisterung, deßhalb können wir einer im übrigen uns sehr unsympathischen Philosophie nicht Unrecht geben, wenn sie Sokrates — den Vertreter der Sittlichkeit — die Decadence der Griechen nennt. Dieses in flüchtigen Strichen gezeichnete Bild der japhetischen, weltgeschichtlichen Stellung bei den Persern und Griechen wollen wir nun versuchen, in *.ioio s*ß — dem '2 bp -i? ncra — wiederzufinden. Vor 1) Die sokratische Philosophie d^s KaXovKaya&o» bezeichnet das Streben nach der ursprünglichen Einheit. 2) Wir verweisen auf den KiSleo-Artikel im 3. Band Jeschurun.