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Der Israelit · 1904-02-04 · Heft 10 (4.2.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 10 (4.2.1904)
Date
1904-02-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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hatte sie darüber nachgedacht, sie wußte ganz genau, was sie ihm sagen wollte, nur wie sie beginnen sollte, darüber war sie sich nicht klar, darüber konnte sie auch nichts im vorhinein beschließen, das mußte sie von der Stimmung abhängig machen, in der sie ihn treffen würde. Sie athmete tief auf und fuhr sich mit der schönen weißen Hand über die glatte Stirn, und unwillkürlich hastete ihr Blick an dem großen, funkelnden Diamant, der ihren rechten Ringfinger schmückte. Es war ein prachtvoller Stein, ein Geschenk ihrer Schwiegereltern kurz nach ihrer Verlobung. Abermals und mit einem gewissen Aerger fuhr sie mit der Hand über die Stirn, warum mußte sie nur gerade jetzt an die alten Leute denken, die so sanft und friedlich unter dem Rasen ruhten? — Sie hatte sich ihnen gegenüber doch nichts vorzuwerfen — im Gegentheil. ganz entschieden im Gegentheil.- Wo mochte ihr Gatte nur so lange weilen? Gerade jetzt war sie in der Stimmung, mit ihm zu reden, und nun ließ er sie so lange warten. Aber nein, es war ja noch gar nicht spät, ein Blick auf die Uhr zeigte es ihr, nur ihrer Ungeduld war es spät erschienen. Und da kam er auch schon und zwar zu Fuß, wenn er feinen Wagen benützt hätte, wäre er doch etwas früher draußen gewesen, aber sie war schon zufrieden, als sie ihn nur sah. „Guten Abend, Leo!" rief sie, indem sie sich über die Brüstung neigte. Er lüftete den florumwundenen Hut, erwiderte den freundlichen Gruß und war gleich darauf an ihrer Seite. „Heute hast Du mich aber lange warten lassen." sagte sie mit freundlichem Vorwurf. „Lange?" wiederholte er, „das habe ich nicht gewußt. Ich bin sogar heute früher vom Geschäft fort gegangen, aber freilich, der alte Kohn, der Kommerzienrath, ist mir begegnet und hat mir sein Leid geklagt." „Sein Leid hat er Dir geklagt? Was hat ihn denn getroffen, den Commerzienrath?" „Nichts neues, es ist wiederum die alte Geschichte, sein Sohn ist wieder übergangen worden. Mit Bestimmtheit hatten sie darauf gerechnet, daß er ietzt ordentlicher Professor werden würde. Aber nein, mag der Jude noch so tüchtig sein, der mittelmäßigste Cbrist wird ihm vorgezogen." Frau Grünwald zuckte die Achseln. „Das ist des Juden eigne Schuld, warum klammert er sich an seine Schmutzreligion, die ibm auf Schritt und Tritt im Wege steht." „Warum nennst Du sie Schmutzreligion?" zürnte er.- „Weil sie die paar Tropfen Wasser scheuet, die den Menschen erst zum Menschen machen. — Sieh', wir sind reich, werden unsere Kinder gewiß was tüchtiges lernen lassen. Aber was wird das nützen? Wenn sie Professor werden wollen, Richter, StadtphysikuS oder dergleichen, überall wird man sie zurückweisen, wird sie übergehen, wenn sie Juden bleiben, und wenn sie noch so tüchtig sind, es nützt ihnen nichts." „Aber Aurelie—* „Du hast es doch soeben selbst gesagt, mag der Jude noch so tüchtig sein, der mittelmäßige Christ wird ihm vorgezogen." „Das ist allerdings richtig, und wenn der Jude keine Enttäuschungen erfahren will, so darf er das nicht werden wollen, was er nicht werden kann. Fabrikant oder Bankier zu werden, das kann ihm keiner wehren." Sie schüttelte den Kopf. „Geld, Geld und immer nur Geld. — Dü bist zu materiell. Aber unsere Jungen sind auch meine Söhne, und ich glaube, sie arten mir mehr nach, als Dir, werden voraussichtlich dereinst das Geistige höher schätzen, als das Materielle. — Dem müßte bei Zeiten Rechnung getragen werden." Er sah sie verfländnißlos an. „Ich verstehe Dich nicht, ich weiß nicht, was Du meinst." „Nun, das ist doch leicht zu verstehen. Bei Zeiten müßte das Hinderniß weggeräumt werden, das ihnen die Carrü-re verderben könnte." Er wechselte die Farbe. „Du meinst —" „Nun ja. ja, jo! ich meine!" rief sie heftig. Dann aber sich mäßigend fuhr sie ruhiger fort. „Leo, Du-, wirst mir das Zeugniß nicht versagen können, daß ich Deine seligen Eltern stets geehrt habe — daß mir kein Opfer zu schwer gewesen ist." „Kein Opfer? — bitte, erkläre Dich deutlicher, ich weiß nicht, wovon Du sprichst —" „War es denn vielleicht kein Opfer, daß ich diese ganzen elf Jahre hindurch einen koscheren Haushalt geführt habe? Ich kann Dich versichern, Geld genug hat ° das gekostet." „Das kannst Du doch nicht als Opfer bezeichnen, Dein Geld bat es doch nicht gekostet." Sie erröthete leicht, denn sie hatte dem Gatten keine Mitgift zugebracht, aber sie kam so leicht nicht außer. Fassung. „Dein Geld ist mein Geld," erwiderte sie. „Das ist richtig, aber was willst Du damit sagen?" „Das es in der That und zwar in mehrfacher? Beziehung ein Opfer für mich gewesen ist. eine fromme jüdische Haushälterin zu halten und den Haushalt koscher führen zu lassen. Aber habe ich je ein Mort . darüber verloren?" „Gegen meine Eltern? — das glaube ich nicht." \ „Dir gegenüber habe ich vielleicht hin und wieder meinen Aerger darüber ausgesprochen — aber mein? Gott, man ist doch auch nur ein Mensch." - „Das habe ich Dir auch nie übel genommen, im Gegentheil, ich war Dir stets und bin Dir noch heute'

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