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Der Israelit · 1904-02-04 · Heft 10 (4.2.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 10 (4.2.1904)
Date
1904-02-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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206 bild deS Ortes bekannt ist, gefeiert. Beim Morgengottesdienste in der festlich geschmückten Synagoge würdigte der geistliche Führer der Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. S t e i n, in einer wohldurchdachten, schwungvollen Rede das rege Interesse, das der Jubilar dem Wähle der Commune stets entgegenbrachte. Unter Zugrundelegung des Ausspruches: „Sei von Abarons Schülern Friede liebend etc.", nannte er den wackeren Vorsteher einen Menschenfreund, einen Friedensliebenden, weil er jede Spaltung der Gesammtheit vermied. Nach Beendigung des Gebetes begab sich die ganze Gemeinde in die Wohnung des Gefeierten, wo Lehrer Wolfrommin kernigen Worten die innigsten Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdruck brachte, und als äußeres Erinnerungszeichen dankbarer Anerkennung derselben, einen werthvollen Pokal überreichte. Alsdann ergriff Dr. Stein nochmals das Wort, übergab eine nach künstlerischem Geschmack ausgeführte Adresse mit entsprechender Widmung. Mit dem Gleichnisse vom fruchtbaren Baume in der Wüste, den . ein müder Wanderer segnete, beschloß er seinen Segenswunsch. Durch die zahlreichen Beweise aufrichtiger Liebe und dankbarer Verehrung, abgesehen von den vielen eingelaufenen Gratulationen» wurde der Gefeierte sichtlich gerührt und sprach in schlichten, bescheidenen Worten seinen herzlichen Dank aus, mit der Bemerkung, die hohe Werthschätzung übersteige das Maß seiner Verdienste. — Möge es dem Herrn Jubilar vergönnt sein, noch viele, viele Jahre zum Heile der Allgemeinheit, wie zur eignen Befriedigung weiter zu wirken, dem Judeuthum zum Heil. Das walte Gott. Oesterreich. Wien. Die Wahl der Wiener Aerztekammer ist vorüber. Sie hat mit einem Siege über die klerikalantisemitische Partei geendet, aber es wäre die thörichteste Selbsttäuschung, diesen Sieg nicht als einen höchst traurigen zu bezeichnen. Das Stimmenvechaltniß wirkt geradezu beschämend und demüthigend — nicht für die Juden, sondern für den Geist der Wissenschaft und der Humanität. 830 Aerzte haben sich offen und ungescheut — die Zahl der abgegebenen Stimmen betrug insgesammt 1900 — für die christlich-sozialen Kandidaten ausgesprochen. Man rechne die Zabl der jüdischen Aerzte ab, welche der Majorität zur Majorität verhalfen und man wird mit Entsetzen konstatiren müssen, welch' verheerende, vernichtende Wirkungen der Geist des Antisemitismus auf einen Stand geübt hat, den man immun, gegen dieses Gift hätte halten mögen Kein. Zweifel auch, der Aerztestand in Wien ist — krank, infizirt von dem antisemitischen Bazillus, der nachgerade unser ganzes öffentliches Leben beherrscht. Th'öricht und naiv war die. Annahme, daß die Aerzte, dienur'Wissenschaft und Humanität als ihre Leitsterne kennen sollten, erhaben über die niedrigen Strömungen des Tages seien: thöricht und naiv war die Hoffnung, daß die Männer, welche am Krankenbette und am Seziertische nur die Gemeinsamkeit des menschlichen Elends kennen, stark genug sein würden, den gemeinen, niedrigen Schlagworten der Demagogen zu widerstehen, deren selbstisches Interesse gefördert wird, wenn zwischen Menschen und Menschen Schranken erhoben werden. Das antisemitische Interesse von 830 Aerzten in Wien ist ein erschreckendes Symptom. Es gibt Anlaß zu traurigen, beklemmenden Reflexionen und läßt kaum die Freude darüber aufkommen, daß die 830 trotz alledem und alledem in der Minorität blieben. $ e tt i l l e i o «t. Wahrheit und Wichtung. Von Friedrich Rott. ns „Arme Frieda!" rief Selma vor Schrecken, „wenn bei ihren Eltern nicht koscher sein wird, was wird sie dann anfangen?" „Du darfst mit Frieda nicht davon anfangen," warnte die Mutter, „es ist das ja doch nur eine Verwuthung der Frau Redlich, mit Gewißheit weiß sie es nicht." Aber die Vermuthung der redlichen Frau sollte sich nur allzu bald bestätigen. Wenige Wochen waren verstrichen. Es war gegen Abend. Frau Grünwald saß auf der Veranda ihrer Villa und blickte hinunter auf die Allee, die zu der Stadt führte, wo ihr Gatte im Laufe des Tages seine Geschäfte erledigte und erst Abends zu seiner Familie hinaus kam. Der Tag war drückend schwül gewesen, aber der Abend war hier draußen wunderbar erfrischend. Leise säuselnd fuhr der Wind durch die Blätterkronen der Bäume hin und brachte auch würzigen Harzduft aus dem nahen Nadelwald, hinter dem der strahlenlose Sonnenball mehr und. mehr dahin schwand. Hoch in den Lüften vernahm man Vogelgezwitscher, bald zwitscherte hier ein Vogel, bald dort und dann wieder einer hier und dann wieder einer dort, als würden die gefiederten Sänger der Lust Zwiesprache mit einander halten — ob sie es nicht vielleicht auch thaten? Frau Grünwald war allein, sie hatte die Kinder zu dem Fräulein geschickt, sie wollte jetzt nicht gestört sein, sic wollte sich in Gedanken vorbereiten zu einer ernsten Unterredung mit ihrem Gatten. Sie glaubte lange genug damit gewartet zu haben. Sie war im Grunde längst vorbereitet auf diese Unterredung, oft und oft

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