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Der Israelit · 1904-02-01 · Heft 9 (1.2.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 9 (1.2.1904)
Date
1904-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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187 mal Im Sommer lantt es ganz angenehm sein, aber Ihr wohnt doch im Winter auch Hier —* «Gewiß, wir wohnen das ganze Jahr hier. Ihr nichts «Nein, wir sind nur im Sommer hier, aber im Winter wohnen wir in der Stadt.' «Wo bist Du lieber, hier oder in der Stadt?' «Ich wäre eigentlich lieber hier, hier ist es so schön, der Garten und drüben der Wald, und überhaupt, ich bin sehr gerne im Freien. Aber ich freue mich doch immer, wenn wir zurück in die Stadt ziehen, denn da bin ich fast immer beim Großpapa, gleich wenn ich aus der Schule komme. Mittags und Nachmittags gehe ich immer gleich zum Großpapa und bleibe bei ihm, bis unser Mädchen mich zum Zubeitegehen holt.' Selma schüttelte staunend dm Kops. «Bei Deiner Mutter bist Du gar nicht?' «Wenig, Mama hat nicht Zeit, sich viel um uns zu kümmern, es kommen immer Besuche und dergleichen. Aber beim Großpapa, da ist es schön, der erzählt mir immer so schöne Geschichten, und sagt mir alles, was Gott geboten hat. was man thun muß. und was man nicht thun darf. Im Winter, wenn ich beim Großpapa bin. mutzt Du mich einmal besuch«, da wird es Dir auch gefallen, und der Großpapa wird Dir auch gefallen. so lieb wie ihn habe ich keinen Menschen." Selma schüttelte staunend den Kopf, sie hatte zwar ihre Großeltern nie gekannt, aber daß sie dieselben lieber als ihre Eltern hätte haben können, das erschien ihr undenkbar. Aber sie besaß soviel Takt, dieses gegen, ihre neue Freundin nicht zu erwähnen. Noch längere Zett unterhielten sich die Leiden kleinen Mädchen, sie fanden Gefallen aneinander und kamen überein. sich öfters au dieser Lücke des Stackets zu treffen, denn ihre beiderseitigen Wohnhäuser lagen nicht so nahe nebeneinander. Als Selma endlich ihren Namen rufen hörte, reichte sie der anderen die Hand. «Die Mutter ruft mich. Adieu Frieda, auf Wiedersehen!' . «Auf Wiedersehen!' entgegnete Frieda, indem sie die Hand der anderen herzlich drückte. Dann aber schob sie sorgsam die zerbrochene Latte wieder in die richtige Lage, damit Niemand das Schadhafte gewahre, denn sie hatte ihren möglicherweise berechtigten Zweifel, daß ihre Mutter ihren Verkehr mit der Tochter des Verwalters. die ihr so sehr sympathisch erschien, billigen würde; darum hatte sie dieses auch nicht ausgefordert, sie zu besuchen. Frau Grunwald war eine überaus stolze Dame, verkehrte nur mit den Honoratioren der Gegend, am liebsten mtt Nichtjuden. Ihr Haushalt wurde allerdings noch rituell geführt, sie hatte eine streng fromme Haushälterin, das müßte sie mit Rücksicht auf ihren Gatten zulassen, der allerdmgs nur mit Rücksicht auf seinen streng frommen Vater dieses verlangte. Ihm selbst war das Religiöse so gleichgültig, wie seiner Frau, aber er liebte seinen Vater aufrichtig, und hätte demselben um keinen Preis Kummer verursachen mögen. Doch war es ein stillschweigendes Uehereinkommen der Gatten, daß dieser Firlefanz,'' wid Frau Grünewald sich auszudrücken liebte, mit dem dereinstigcn Ableben ihres Schwiegervaters ein. Ende nehmen müsse. Sie kam sich überaus edel und zartfühlend vor, daß sie, wie sie sich selbst und ihrem Manne versicherte, trotzdem dem Alten ein langes Leben wünschte. ' Allerdings, gar zu lang durfte es nicht werden, denn dann erst hoffte sie, recht zu leben, so was man 'leben nennt. In den jüngstverfloffenen Wochen war kein Tag verstrichen, an dem Selma und Frieda sich nicht an der Stacketlücke getroffen hätten, und zwar immer zu der Zeit, zu der die kleinen ungezogenen Jungen, die den Verkehr der beiden Mädchen vermittelt hatten, von einem Privatlehrer in den Anfangsgründen der Wissenschaft unterrichtet wurden. Die Mädchen hatten mit Absicht diese Zeit gewählt, da konnten sie ungestört plaudern, und sie hatten einander immer so viel zu erzählen und zu sagen, und zu fragen, daß ihnen eine Stunde wie im Fluge dahin schwand, aber sobald sie die Stimmen der kleinen Knaben im Gartenvernahmen, dann stoben sie auseinander und schlossen eiligst die Lucke, als fürchteten sie bei etwas Verbotenem ertappt zu werden. Selma hatte zwar schon wiederholt den Wunsch ausgesprochen, die Freundin wenigstens mit ihrem Bruder Max bekannt zu machen, und auch Frieda hätte den Vielgerühmten gerne kennen gelernt, aber bisher hatte sich die Gelegenheit dazu noch nicht gefunden. An einem Tage jedoch hatte Selma vergebens auf der Rasenbank gewartet, daß die zerbochene Planke zurückgeschoben werde, ihre Frieda war nicht erschienen. Volle anderthalb Stunden hatte sie vergebens gewartet, bis sie die Stimmen der kleinen Knaben im Nachbarsgarten vernommen hatte, da hatte sie sich grollend entfernt. Das kleine, heißblütige Mädchen hatte sich sehr geärgert über die Ungetreue, wie sie die Freundin in Gedanken nannte, und sie trug sich sogar mit der Absicht, am folgenden Tage ihrerseits die zur Zusammenkunft bestimmte Stunde nicht einzuhallen. Doch Vernunft und Gutherzigkeit siegten über diese rachsüchtigen Gedanken; mit Bestimmtheit konnte sie ja doch nicht wissen, ob nicht ein ernstes Hinderniß die Freundin zurückgehalten hatte. Sie begab sich daher wie gewöhnlich zu der vereinbarten Zeit zu der betreffenden Stelle. - Schon von weitem gewahrte sie,' daß hie Planke zurückgeschoben war und sie schloß daraus,daß '.die Freundin sie bereits erwarte. «Guten Tag,. Frieda!' rief sie ihr cntgegen^warum bist Du denn gestern nicht gekommen? Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich hier auf Dich gewartet habe.'

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