Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1904)
- Date
- 1904-01-28
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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179 Moskau. (M ädchenraub in Rußland.) Als der berühmte Schriftsteller Leo Tolstoi seinen 75. Geburtstag feierte, hatten stch zahlreiche Freunde und Bewunderer zu dem Feste eingefunden, und schon war die.Feier in vollem Gange, als stch zwei unbekannte Besucher melden ließen, die der Graf sofort empfing. Nach einigen Augenblicken kam er zu seinen Gästen zurück; er war aber ganz verwirrt und niedergeschlagen. Die Zeitschrift «stEuropesn" bringt über den Vorfall und dessen Grunde folgenden Bericht: «In Mitten dieser Landidylle huscht durch die reine Lust unter dem heiteren Himmel ein verh'ängnißvoller Schatten vorüber. Der Gräfin wird es traurig zu Muthe und alle Anwesenden sind äußerst beklommen, wie in Erwartung einer unheilvollen Botschaft. Endlich kehrt Graf Tolstoi tief erschüttert zurück: soeben war er Zeuge eines schrecklichen Dramas, daß ich kurz zusammenfasse. Eines Tages ließen sich ein Jude und seine Frau beim Grafen anmelden und erzählten ihm Folgendes: Sie bewohnen die Bezirkshauptstadt Tula. Ihr Nachbar, ein reicher Gastwirth. aber ein sittenloser Mensch, raubte und vergewaltigte ihr dreizehnjähriges Mädchen; damit sein Verbrechen aber ungestraft bleibe, ließ er das Kind taufen und in einem Kloster erziehen. Wie begreiflich, geriethen die armen Eltern in die größte Verzweiflung; nach unzähligen Schritten erfuhren sie, was ihrm Kinde widerfahren sei, nun wandten sie sich an die Behörden, damit ihnen wenigstens erlaubt werde, ihr Kind sehen zu dürfen; weiter verlangten sie nichts; sie wußten ja. daß der Verbrecher, der die Polizei und die Zeugen bestochen hatte, straflos ansgehen würde. Vergebens aber baten und flehten sie; die Verwaltung der Herren v. Plehwe und Lopuchin nahm den Verbrecher unter ihren Schutz und spotteten über die Thränen der jüdischen Ellern: «Das Kind ist schon getauft und Ihr Juden habt nichts dabei zu sehen." Dann wandten nch die Unglückseligen an den Grälen Tolstoi und erzählten ihm von ihrer Qual. «Sie allein. Herr Graf, können Donk Ihrem Ruf und Ihrem Ansehen vom Gouverneur erlangen, daß wir unser Kind sehen dürfen." Als er sich über die Verhältnisse erkundigt und von der traurigen Wirklichkeit sich überzeugt hatte, schrieb Tolstoi dem Gouverneur. Letzterer wies das Gesuch sehr höflich ab und brachte vor. daß die ganze Sachlage von den Juden ungemein übertrieben worden sei; man solle ihnen ferner kein Gehör mehr schenken, da das Kind längst «bekehrt" sei und überhaupt glücklich lebe u. s. w. Davon benachrichtigte der Graf die Eltern und wiederum baten sie ihn inständig um seinen Beistand; sie zeigten ihm einen Brief, den ihnen das Kind trotz aller Aufsicht hatte zugehen lassen, die Eltern in aller Verzweiflung zu Hilfe rufend. Abermals schrieb Graf Tolstoi dem Gouverneur und theilte ihm mit, was er neuerdings erfahren, und abermals war die Antwort, eine höflich abweisende, abermals wurde, hervorgehoben, daß das Mädchen nun eine Christin, und daß es unmöglich sei, in Anbetracht der letzten Geschehnisse und der Stimmung gegen die Juden überhaupt, Ne Sache von Neuem auf's Tapet zu bringen. Eine solche Antwort harrte der armen Eltern beim Grafen. Dies« Szene sah die Gräfin mit tiefem Mitleid für die unglücklichen Juden, zugleich aber mit großer Besorgnlß um ihren Galten entgegen; sie wußte nämlich in welche Erregung und Empörung ihn dieses packende Drama versetzt hatte. Darum bat sie ihre intimsten Freunde, das peinliche Gespräch mit dem trostlosen Ehepaar zu unterbrechen. Es wagte aber keiner dies zu thu«. Endlich kam der Graf, blaß und verstört, vor Erregung zitternd I^rein. «Sagt mir, ich bitte Euch darum, — schrie er mit erstickter Stimme, — bin ich denn verrückt geworden, gehöre ich einer verschollenen Zeit a«, daß ich die Sachen zu verstehen nicht mehr im Stande bin?" Und er erzählte den Thatbestand und wies auf die unmenschliche, grausame, ungeheuerliche Antwort des Gouverneurs hin. Und ihm war es unerklärlich, daß ein Mann, ein Christ, ein Europäer des 20. Jahrhunderts. so was sprechen und schreiben konnte, wenn es sich uw ein gemartertes Kind, um gequälte Elker« handelte. Und der erhabene Greis, der große Menschenfreund, litt an dem gräßlichen Schmerze, bäc den anderen bereitet worden war. Nach den blutige« Begebenheiten des Frühjahres und des Sommers, dere« trauriger obgleich ferner Nachhall zu ihm gelangte, Wae cs ihm also beschieden, in Mitten seiner Verwandte« und Freunde einem schrecklichen Verbrechen, einem unwiderruslichen Unglück, als unthätiger Zeuge beiF»- wohnen. Und er verlieh seiner Entrüstung schmeqlichen Ausdruck. . . . Wehe den Menschen, die solche «Äreuelthaten vollbringen und dulden!! vermischtes. Breslau, 22. Januar. Rabbiner Dr. Guttmann, welcher zur Theilnahme an der Beerdigung des Predigers Blumenfeld nach Schweidnitz gefahren war, kam, wie »an dort gemeldet wird, auf dem dortigen Bahnhofe zum Falle und brach ein Bein. Höchst i. O. Freitag, 12. Februar, wird unsere n«terbaute Synagoge eingeweiht werden. DaS Programm d« Feier verspricht viele geistige und physische Genüsse. Briefkasten der Nedactiorr. __ 3. in B.: Christlichen AntisenlitiSmus giebt es eigentlich mcht. denn Antisemiten und Christen sind zwei grundverschiedene Dinge. Die waschechten Antisemiten hassen die christliche Religion vielleicht noch mehr, wie die Mische. Vergl. «Staatsbürger-Zeitung" vom 22. Januar. Erst« Leitartikel: «Judenthum und christlicher Religionsunterricht.'"