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Der Israelit · 1904-01-28 · Heft 8 (28.1.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 8 (28.1.1904)
Date
1904-01-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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169 und Müller, der -iS dahin seine volle Frische und Elastizität wieder erlangt hatte, mit den Obliegenheiten desselben betraut und ihm auch dasselbe Gehalt zugesichert, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es demselben keineswegs an den ersorderlichen Kenntnissen gebrach. Die Familie fühlte sich überaus glücklich und behaglich, und wenn auch beide, Müller und seine Frau gehörig arbeiten mußten, so war es doch eine gesunde Thätigkeit, die sie nicht nur vor Nahrungssorgen schuhte, sondern es ihnen auch ermöglichte, alljährlich ein kleines Kapital zurückzulegen. Die Kinder wuchsen heran und entwickelten sich herrlich. Die Knaben besuchten das Gymnasium der nahen Stadt, und nachdem Selma die Dorffchule durchgemacht hatte, unterrichtete sie jeder der Brüder an jedem Abend eine Stunde. Wenn Freunde und Bekanntte sie zuweilen besuchten und die Rede auf ihre früheren Verhältnisse kam, dann erklärte Müller jedesmal, das größte Gluck seines Lebens wäre jener Unglücksfall, der ihn getroffen, als er den Sabbat entweiht. Drei Jahre waren verstrichen. Der Ertrag des Gutes hatte sich durch die' Treue, die Umsicht und den rastlosen Fleiß des Verwalters und seiner Frau bedeutend gesteigert und dem entsprechend hatte auch der Gutsbesitzer ihr Gehalt erhöht. Der Obstgarten, in dem die herrlichsten Fruchte der Gegend reiften, war namentlich an heißen Tagen, in den Mußestunden der Kinder, deren liebster Aufenthalt, denn er gewährte zu jeder Zeit den erquickendsten Schatten, Selma verbrachte oft den ganzen Tag mit ihrer Handarbeit dort. Sie behauptet, nirgends könne man so gut arbeiten, wie auf der Rasenbank, die sich an das Stocket lehnte, das den Garten des Gutes von einem Nachbargarten trennte. Eines Tages, als Selma sich wieder auf ihrem Lieblingssitz befand und an einem Geburtstagsgeschenk für die Mutter eifrig arbeitete, da schob eine Kinderhand eine zerbrochene Latte des Stackets zurück und ergriff die schweren blonden Zöpfe, die der Arbeitenden über den Rücken hingen. Von Entsetzen im ersten Moment wie gelähmt, stieß sie gleich darauf einen gellenden Hilferuf aus, der jedoch von überlautem muthwilligen Kinderlachen beantwortet wurde. «Wer hält mich?" schrie sie «laß't mich los!" Aber die kleinen Unholde hielten sie nur noch fester, lachten noch lauter und vergebens strebte sie. sich los zu reißen. «Oskar! Hugo!" rief plötzlich die Stimme eines andern Kindes, das näher zu kommen schien, «was treibt Ihr da?" «Wir spielen Pferdchen", versetzten die Knaben noch immer lachend. «Sie reißen mir die Haare a«S" ries Selma weinend, «hilf mir! hilf!" - •••- «Lasset sie los, Ihr bösen Jungen;" rief daS andere Kind, und als die Knaben nicht darauf hörten, fügte es drohend hinzu. «Lasset sie sofort los oder ich ' rufe den Papa, und dann werdet Ihr sehen." ‘ Das wirkte; die Kinder ließen die Zopfe, fallen - und Selma wandte sich hastig um. Jetzt erst gewahrte ‘ sie die Oeffnung in dem Stocket und blickte in den anderen Garten auf ein größeres Mädchen in ihrem Alter , und auf zwei kleine Knaben von fünf und sechs Jahren, «Schmerzt Dich der Kopf?" fragte das Mädchen mitleidig. - * «Ach, das wird schon bald ooruberaeheu," i erwiderte Selma. «ich war nur zuerst so erschrockn, und 7 dann—" v- „Ja. die Jungen waren sehr ungezogen," sagte daS Mädchen, «sie müssen Dich um Verzeihung bitten. Wie heißt Du?" «Ich heiße Selma Müller, mein Vater ist Verwalter auf dem Gute des Herrn Krawanni." y * yy «Und unserem Papa gehört die Villa dort," sagte der größere Knabe. «Und dieser Garten mit all den schönen Blumen v gehört auch unserem Papa." fügte der Kleinere hinzu. «Und wenn Ihr jetzt Selma nicht gleich um Enty schuldigung bittet, so rufe ich unseren Papa," sagte daS Mädchen lachend, doch der auf die Bruder gerichtete ' Blick verrieth diesen, daß sie nicht scherzte.. ,, Noch einen Augenblick zögerten sie, dann aber y schrieen sie wie aus einem Munde: «Bitt' um Entschul- / digung!" und rannten davon. Im Davonrennen aber y wandten sie sich nochmals um und reckten die Zunge gegen die Zurückbleibenden. Doch nur Selma gewahrte . dies, die andere stand ihr gegenüber, wandte den Brüy dern daher den Rücken zu. «Schmerzt es Dich wirklich nicht mehr?" fragte sie. ' «Ach. es war ja gar nicht so arg. ich war nur so f erschrocken, weil ich nicht gewußt babe, daß man von .; Euerem Garten her die Hand herein stecken kann-—* ~ «Das habe ich auch nicht gewußt. Ich kann mir Deinen Schrecken denken." " y «Ja, zuerst habe ich nicht anders geglaubt, als y daß ein böses Thier an meinen Haaren ziehe, eine. . Schlange oder so etwas—* r/ Beide Mädchen schauderten, dann aber lachten st?.. y «Es waren doch nur ein paar ungezogene Jungen,"- >. sagte die Andere, «und nicht wahr. Du bist ihnen nicht mehr böse, sie haben Dich doch um Entschuldigung ge«r beten und sind doch noch so klein. Hugo ist erst fechs^ Jahre alt und Oskar sogar erst fünf." - **■. -a-z „llnb wie alt bist Du?" fragte Selma, «und wie^ heißest Du?" - V’ c . «Ich heiße Frieda Grunwald «Md bin zehn^Jährt'' alt."

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