Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1904)
- Date
- 1904-01-21
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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131 tigt, wenn wir uns von den Erfahrungen leiten lassen, die unsere Schule wahrend der sechs Jahrgänge ihres Bestehens gesammelt hat, von den Erwägungen bestimmen lassen, die eben das Beste für nnser Volk erstreben. Aus letzterem Grunde körmen wir auch nicht jener Ansicht beipflichten, die wiederholt dafür eintrat, in den Lehrerbildungsanstalten die Aufnahme zu beschränken, damit sich die materielle Lage der jüdischen Lehrer bessere! Je mehr der Lehrer ausgebildet werden, desto mehr »gute Lehrer" werden auch in die Praxis übertreten; und an solchen haben wir wahrlich keinen Ueberfluß. Das tägliche Leben, i» dem uns soviel Gleichgültigkeit, soviel Irr- und Unglaube, soviel Lug und Trug, soviel Oberflächlichkeit und Schein entgegentritt, belehrt uns in unzweideutigster Weife, daß für unsere jüdischen Lehrer ein weites, sehr weites Arbeitsfeld vorhanden ist, für das die allerbesten Kräfte — gerade gut genug sind, ihr Wissen zu verwerthen, ihr Können zu erproben ... Vergessen wir nicht, daß an die jüdische Schule der Gegenwart größere Forderungen herantretcn, als dies in früherer Zeit der Fall gewesen, nachdem für das religiöse Leben leider gar zu häuftz im Hause, in der Familie kein Rückhalt mehr zu finden und die jüdische Schule angewiesen ist, während der wenigen Jahre, in denen sie das Kind besucht, alles aufzubieten, damit sie eine feste Grundlage für das spätere religiöse Leben zu bieten vermag. — Und da ist es für die jüdische Praparandenschule, also auch für unsere Anstalt, hrchheiligste Pflicht, dafür nach Möglichkeit zu sorgen, daß ihre Schüler sich jene Fertigkeiten in den jüdischen Disziplinen aneignen können,*) die ein jüdischer Lehrer nöthig hat, will er mit Erfolg den Religionsunterricht ertheilen. Da muß der altjudische Grundsatz maßgebend sein: K'scliaut azmecho weaciiar kaeh acherim »Zuerst schmücke dich, dann andere." Ja. vor allem soll der Lehrer Meister in den Religionsfachern sein, will er Religion lehren, in die kindlichen Herzen einpflanzen: er muß erst selbst von ihren Lehren überzeugt, begeistert und durchglüht sein, soll es ihm gelingen, für das Höchste und Heiligste die empfänglichen Kinderherzen zu gewinnen, diese für die Wahrheiten unseres heiligen Glaubens zu begeistern, zu erwärmen, daß dieser ihre ganze Zukunft erfülle, erhalte, beglücke. •) Diese Forderung wird nwöT von worüber Seite «US zuweit gehend betrachtet werden. Doch wirb sie volle Berechtigung haben, nachdem im allgemeinen die Ansicht verfochten wird, daß mit dem Eintritt in daS Seminar die Allgemeinbildung abgeschlossen sein, im Seminar dagegen nur die Fachbildung geyssear werden soll. Die Fachbildung deS jüdischen Lehrer« fordert auch die Ausbildung »um Ccmtor. zum Drediger. theoretisch auch zum Schocket. Daß Hierbei die in der Vrävarandenschuleeckrntea Religionsfächer eine Vertiefung und Erweiterung erfahren, bedarf üwvftetaer weiteren Erörterung. Und da kann der Jüngling, welcher sich dem Lehrerberufe widmen will, nicht früh genug eingesührt werden in die Werke, die allein ihn befähigen, sich selbst mit den Lehren der Religion vertraut zu machen, die ihn befähigen, sich über umstrittene Fragen selbst Bescheid gebe» zu können, die es ihm ermöglichen, sich dem Quellenstudium hinzugeben, und dieses erstrebte unsere israelitsche Praparandenschule seit ihrer Begründung, erstrebt sie noch he«te. Wohl wird von mancher Seite bei dem Seminareintritt eine genügende Vertrautheit mit dem Pentateuch und mit dem Gebetbuch verlangt — daß diese Forderungen aber nach den obigen Ausführungen zu minimal sind, daß es fast unmöglich ist, auch nur bemerkenswertste Fortschritte in der rabbinischen Litteratur zu verzeichnen, wenn die Jünglinge erst in vorgerückterem Alter in dieselbe eingeführt werden sollen, daß gerade die rabbinische Litteratur den Schlüssel bildet zu der Bibel, und diese nur durch jene erschlossen, verstanden werden kann — das alles werden wohl unbestrittene Thatsachen sein. Selbst eine entsprechende Fortbildung in den Religionsfächern ist dem Lehrer nach dem Seminaraustritt fast unmöglich, wenn er zuvor keine gründliche Ausbildung im Rabbinischen hatte. Er ist sonst gar zu häufig angewiesen, in den Schriften über sog. Religionsfragen sich Belehrung zu verschaffen und diese sind in den weitaus meisten Fällen zu einseitig, zu subjektiv gehalten, wodurch wiederum das Urtheil befangen und unzutreffend werden muß. Möge nun auch die Zukunft unserer Schule stets ihrer Vergangenheit würdig sein und sie sich allezeit bewußt bleiben, daß sie mitberufen ist, Israel und der Menschheit heiligste Güter zu pflegen, unsere Jugend empfänglich zu machen für wahre Gotteserkenntniß, für selbstlose Nächstenliebe, für Wahrheit und Tugend. Auch in diesem Jahre erließ der Berichterstatter an Freunde und ganz besonders an frühere Schüler der Anstalt auf Chanukoh, beziehungweise Purim, Aufrufe, die wiederum ein warmes Echo fanden, und zahlreiche Spenden unserer Anstaltskaffe zuführten. Herzlicher Danl all den treuen früheren Schülern und den edlen Gönnern und Freunden der Anstalt, welche trotz der ungünstigen Zeitverhättnisse gern und oft auch freudig dem betreffenden Aufruf Folge leisteten! Wohl blieben auch seither noch manche frühere Schüler abseits sichen, ohne des Bornes zu gedenken, der ihnen selbst früher Labsal und Stärkung reichte. Möchten auch sie sich aus dieser Unthätigkert aufraffen und ihrer Dankespflicht bewußt werden! Dieser innige Wunsch durste umso berechtigter erscheinen, als unsere Schule leider auch im laufenden Schuljahre wieder de» schweren Verlust einer hochherzigen, edlen Wohlthäteri» zu beklagen fai. . ,