Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1904)
- Date
- 1904-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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111 Feuilleton «ahrheit und Dichtung. Von Friedrich Rott. Inzwischen hatte sich Frau Müller in die neuen Verhältnisse rasch eingelebt, der Gutsbesitzer hatte ihr bereits wiederholt seine volle Zufriedenheit mit ihren Leistungen ausgesprochen, und die achtungsvolle Aufmerksamkeit, die er ihr bei seinem zeitweiligen Aufenthalte auf dem Gute stets erwies, hob sie in den Augen feiner Leute und bewirkte, daß ihre Anordnungen stets pünktlich vollzogen wurden. Uebrigens waren ihr auch alle Herzen zugethan, sowohl die Knechte, als die Mägde, denn ihr bescheidenes und doch festes Auftreten forderte und erlangte Vertrauen und Gehorsam. Der Verwalter, Alois Werner, war d:r Einzige, der sich namentlich in den ersten Wochen möglichst fern von ihr hielt, denn je achtungsvoller der Gutsbesitzer seine Wirthschafterin behandelte, mit desto größerer Bestimmtheit errieth der Verwalter ihre Hauptaufgabe. Doch wenn er sich auch fern von ihr halten wollte, jeden Verkehr mit ihr konnte er doch nicht vermeiden, hin und wieder gab es doch Manches, was sie gemeinschaftlich in Erwägung ziehen mußten. Doch je öfter er mit ihr zusammenkam, desto mehr schien seine Voreingenommenheit ihr gegenüber zu schwinden, ihr sicheres und doch keineswegs anmaßendes Wesen schien ihm zu imponiren, .in seinen Mußestunden suchte er sie öfters auf und verbrachte hin und wieder einen Abend in ihrem Familienkreise. Auch sie fand allmählich mehr Gefallen an ihm. Anfangs war er ihr im höchsten Grade unsympathisch gewesen, sie hatte ihn für einen Antisemiten gehalten, sein kühles, zurückhaltendes Wesen war ihr oft wie Hohn erschienen. Später jedoch, als er sie öfters aufsuchte und öfters mit anscheinend aufrichtiger Trauer seiner verstorbenen Gattin erwähnte, deren Obliegenheit jetzt Frau Müller versah, und als er erwähnte, wie sehr es ihn in der ersten Zeit erschüttert hatte, alles das, was seine Frau gethan, von einer anderen thun zu sehen, da glaubte sie ihm Unrecht gethan zu haben und empfand aufrichtiges Mitleiden mit ihm. Es war im Herbst an einem Sonntag Nachmittag. Der Verwalter pflegte in jüngster Zeit an jedem Sonntag einige Stunden im Kreise der Familie Müller zuzubringen. Er plauderte mit den Eltern, spielte mit den schönen Kindern und schien sich überaus behaglich dort zu fühlen. Während Frau Müller hinausgegangen war. um den Kaffee zu besorgen, ließen die Männer blaue Dampfringel in die Höhe steigen und unterhielten sich von der Vortrefflichkeit der Ernte des laufenden'. Jahres, von den Preisen u. dgl. : „Es war in Wirklichkeit ein gesegnetes Jahr," be- * merkte Müller. .• .•, ' Der Verwalter zuckte die Achseln. . v' „Was man so nennt. Aber, unter uns gesagt, wir J haben nichts davon, wenn die Ernte auch noch so gut ausfällt, im Gegentheil—7" „Aber Herr Werner, wer wird so reden „Nur zu Ihnen rede ich so, und fragen Sie nur-: Ihre Frau, ob ich nicht recht habe. — Nicht tvahr.Fraü Müller." wandte er sich an die soeben wieder in's Zinp? mer Tretende, „je besser die Ernte ist, destomehr'Last und Arbeit haben wir?" '' ' > „Das ist wohl selbstverständlich, aber wenn man. den Gottessegen sieht und bedenkt, daß nun das Brod billiger werden wird und die armen Leute weniger zu >. hungern brauchen, wer denkt da an die Arbeit?" ,;i „Sie freilich nicht," versetzte er lachend, „aber an- ' dere Menschen allerdings, namentlich wenn man bedenkt, daß nicht nur die Armen, sondern weit mehr noch die reichen Gutsbesitzer von dem Gottessegen, wie Sie's. nennen. Vortheil haben und doch nicht daran, denken/ denen, die mehr Last und Mühe hoben, Antheil an dem , Vortheil zu geben." Frau Müller schüttelte den Kopf. : „ . . „Wenn Sie so rechnen, so müssen Sie sich auch bei schlechter Ernte einen Abzug gefallen lassen." . Er lachte kurz und gezwungen. - „Herr Krawanni hat einen ausgezeichneten Anwalt an seiner Wirthschafterin." „Arg wär's, wenn es anders wäre." „Freilich, freilich." spöttelte er, „weh' Brod ich eff', deff' Lied ich sing." „Nicht nur das! Herr Krawanni hat uns aus . großer Noth, ich kann wohl sagen, gerettet, denn ich / glaube nicht, daß ich noch lange im Stande gewesen' wäre, die Arbeit fortzusetzen, mit der ich mich befaßthabe, und wie schlecht ist die gezahlt worden?" *'?*.'-* „Und wie schlecht wird Ihnen hier gezahlt!" '; „Aber Herr Werner, wie können Sie so reden! ' - Wir haben ja alles frei: Wohnung, Kost und Feue-. rung —" „Und weiter brauchen Sie nichts?" — Wenn nun einmal eines von Ihnen erkrankt, woher nehmen Sie die Heilungskosten? Und glauben Sie vielleicht, daß .. Sie Kleidung und dergl. für fünf Menschen für 120 Gulden im Jahr haben können?" . 5-' „Das glaube ich keineswegs, aber ich hoffe.daß , wir mit Gottes Hilfe gesund bleiben.werden ünt> däß.. o mein Mann in nicht allzuferner Zeit kräftig genug.:sekn. wird, um wieder an's Verdienen denken zu ,könAen^ -/r Diel braucht es ja nicht zu sein."/ / '/. .. „Freilich nicht. Sie haben ja . ganze zehrk"GüMw^ allmonatlich!" -' -