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Der Israelit · 1904-01-14 · Heft 4 (14.1.1904) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 4 (14.1.1904)
Date
1904-01-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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45. Jahrgang. IWZits Asil'age zu Jß 4 des „Asraelit." Der Midrasch. Es war eine Zeit, da das ernste Studium der Thora und unserer anderen Religionsquellen nicht nur bei den Rabbinern und Lehrern anzutreffen war. Auch wer nicht durch seine Stellung, durch sein Ansehen oder seinen Beruf berufen war, als Leiter oder Vorbild einer Gemeinde zu wirken, auch der schlichte Kaufmann, der fleißige Handwerker, der bescheidene Viehhändler, der den Tag über auf dem platten Land umherzog. auch fie schlugen, wenn sie des Abends im stillen Zimmer vom Geschäfte auszuruhen alle Veranlaffunq hatten, ihren Folioband auf, um ihren täglichen Schiur aus der Gemara. wenigstens aber der Mischna zu erledigen. Mit stiller Verwunderung hören wir noch der Schilderung unserer Väter aus einer um ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeit zu. Da hören wir, wie sie in aller Frühe im Sommer und Winter sich erhoben. um bei dem zitternden Scheine des Kienes bei ihrem Rabbi Talmud zu lernen. Tagsüber ließ ihnen der schwierige Berus keine Zeit zum Studium, die Nacht mußte ersehen, was der Tag verbot. In der That gab es noch bis vor wenigen Jahrzehnten kaum ein kleines Dorf, auch in Deutschland, in welchem nicht einige Lamdonim anzutreffen gewesen wären. Hier und da treffen wir noch in einer Gemeinde auf einen solchen Thora- und Talmudgelehrten, der wie alte Zeugen ehemaliger besserer Zeit in unsere Tage hineinragt. Andere Zeiten traten ein und mit ihnen andere Anforderungen. Die Fortschritte des Verkehrs wurden zum Gemeingut; sie glichen die früher so schroffen Unterschiede zwischen den einzelnen Vkrufskreisen aus, selbst der weniger Bemittelte kann durch die mordernen Verkehrsmittel mit verhältnißmäßig geringen Unkosten die Schönheiten der Welt genießen, leichter, als es unseren vielleicht sehr vermögenden Großvätern vor 70 Jahren möglich gewesen wäre. Es wäre nun verfehlt, anzunehmen, daß diese der Allgemeinheit nutzbar gemachten Fortschritte auch überall der Bildung und dem Wissen gedient hätten. Das Wissen, die Bildung und die Kultur überhaupt verflachten, d. h. sie wuchsen wohl in die Breite, nicht aber in die Tiefe. Das religiöse Gebiet ist in erster Linie in Mitleidenschaft gezogen worden. Zu keiner Zeit nahm man wohl das Wort Religiosität, Würde des Gotteshauses, Schule des Judenthums und wie derartige Schlagworte heißen mögen, mehr und voller in den Mund, als heute. „Die Tugenden, die man besitzt, von denen spricht man nicht/ sagt Lessing. Unsere Großeltern kannten alle diese schönen Worte nicht und trotzdem wäre es ein Frevel, wollten wir behaupte», daß sie weniger als diese, unsere Zeitgenossen, würdig waren, wahrafte Juden genannt zu werden. Auch heute gibt es noch genug Glaubensbruder, die. anstatt sich von wenig berufenem Mund über das „Wesen des Judenthums" durch einen Litteraturtwrtrag in banalen Tiraden und Phrasen belehren zu lassen, in der freien Stunde sich eines unserer bewährten religiösen Bücher aufschlagen. um aus der Quelle zu trinken, was ihnen verdünnt als schales Getränk von solchen vorgesetzt wird, die durch ihren Lebenswandel am lvenigstcn berufen sind, über das Judenthum zu doziren. Zwei Werke sind es, die wir noch heute, wenigstens am Sabbat, auf dem Tische des frommen Privatmannes finden können: Raschi und den Midrasch. Der Talmud erfordert ein ununterbrochenes, angestrengtes Studium, dazu mangelt die Zeit, dazu fehlt auch in der Regel die Vorbereitung in der Jugend. Dagegen aber kann man nach einigermaßen ausreichender Anleitung recht wohl sich im Verständniß Raschids und des Midrafch's weiterbilden. Der Midrasch ist insbesondere ein ideales Studienwcrk für den Hausvater. Er stellt nicht allzu große Anforderungen an die wenig geübte Geistesthätigkeit, wie der Talmud, und doch steht er seinem Geiste nach dem Talmud näher, als irgend ein anderes Buch. Dieselbe gediegene, schlichte, gottesvolle, jüdische Weltanschauung. meist auch dieselben Lehrer, dieselben gemütberfreuenden Gleichnisse. Wundererzählungen. Morallehren. wie in dem Talmud. Dieselbe Mundart, dieselbe Sprache, dieselbe Beweisführung, in der Regel sich nur über die Haggada verbreitend, oft aber auch Ausflüge aus das Gebiet der Halacha. Man muß es selbst erlebt haben, wie so ein schlichter Glaubensbruder vom alten Schlag seinen Midrasch verehrt, wie er ihm das erseht, was unseren Ahnen der Talmud gewesen — um von ganzem Herzen zu wünschen, daß dieses alte Hausbuch wieder einziehe in alle religiös« Häuser. Dadurch würde wieder die rechte Fühlung mit der Glanzzeit unserer epischen Religionsperiode vermittelt, mit der Zeit der Tanaim und Amoraim. Nur eine Schwierigkeit stellt sich der Ausführung dieses Wunsches entgegen, d. i. die so oft wiederkehrende Schwierigkeit des aramäischen Midraschausdruckes futf den, der den Talmud nicht kennt. Hier sollte Wandel geschaffen werden durch volksthümliche Uebersetzungen, nicht beladen mit gelehrtem Ballast, sprachwissenschaftlichen, philosophischen und philologischen Studien. . Einfach, schlicht, hier und da ansprechend erklärt, so

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