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Der Israelit · 1904-01-07 · Heft 2 (7.1.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 2 (7.1.1904)
Date
1904-01-07
Page
– (sequence 26)
Language
German
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- <± '1 ck,- Gott wahrhaft liebten, wie fie es verlangte, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen, und den Fluch für diejenigen, die Gottes Wege verlassen. Und nicht lange sollte sie zu waxten haben auf den Antritt ihrer Lebensbahn. Bald kam ein Käufer fiir sie. und mit dem üblichen Segensspruch wurde sie an der Türe eines jüdischen Hauses befestigt. Sie hatte sich nicht zu beklagen, man hielt sie hehr und heilig, ehrfürchtig'führte man die Hand an die Lippen, wenn sie auf ihr geruht hatte. Man hielt Sabbate und Festtage in diesem Hause, die Speisen waren dem Diktat des Gottesgesetzes gemäß bereitet. Hungrige wurden gespeist. Arme beschenkt. Müde gelabt. Die ganze Lebensführung'war dem Gebot des göttlichen Willens unterstellt. Und doch seufzte die Mesusa oft. Ein Element vermißte sie, das, wie sie wußte, unentbehrlich war. wenn diese Lebensführung unerschütterlich und segensvoll auch für die Zukunft, für die Kinder sein sollte. Wohl wurden diese angehalten zur Uebung all dessen, was die Eltern übten, sie wurden bekannt gemacht mit den Anforderungen des jüdischen Pflichtenlebens, aber der Geist dieser Gesetze blieb ihnen und sie ihm fremd, niemand führte sie an den Quell der Thora, aus der sie Belehrung hätten schöpfen können und müssen, wenn nicht ihr Tun nach und nach zu gedankenlosem Tun herabsinken hätte sollen, dem man sich dann mehr und mehr entfremdet. Und so kam langsam.- aber unaufhaltsam der Verfall, und mit ihm zog der Geist der Einfachheit und Zufriedenheit aus diesen Räumen aus. Wie oft sah die Mesuso den Herrn des Hauses traurig. Ach, sie kannte die Ursache seines Kummers, der an seinem Lebensmarke nagte, nur zu gut, es war der Schmerz über das Tun und Lassen seiner Kinder. Dann hätte sie ihm zurufen mögen: „Du hast Deine Pflicht nicht ganz getan, bist aus halbem Wege stehen geblieben, hast die Formen gezeigt und gelehrt, aber den Inhalt derselben nicht erschlossen. und deshalb war Dein Streben umsonst, sind die Fruchte Deiner Erziehung anders, als Du es gewollt." Aber der Herr verstand ihre stumme Mahnung nickt. Und so kam es. daß, als er die Augen für immer schloß, bald mehr und mehr unjüdiscker Geist und unjüdisches Leben sich breit machte in diesem Hause. Man schaffte vieles ab. was dem im Wege, was unmodern und veraltet war. Aber die Mesuso ließ man an ihrem Ort. Sie störte niemanden in ihrer einfachen, nichts gebietenden Anspruchslosigkeit, und die Großmutter droben in ihrem Stübchen, die noch so streng am Alten hing, daß sie sich ganz zurückgezogen hatte, hatte vielleicht nickt mal mehr die Schwelle betreten, an deren Pfosten sie auch einmal das Zeichen des gottgeweihten Hauses vermißte, und mit ihr sich zu entzweien, wäre unklug gewesen. Aber nun war die Großmutter gelahmt und an's Bett gefesselt und kam wohl nie mehr herunter in diese Räume und darum konnte man es auch zum erstenmal wagen, einen Tannenbaum in's Haus zu bringen. Daß ihm nun auch die Mesuso zum Opfer fiel, wer bemerkte es? Sie würde niemandem fehlen, so wie sich niemand mehr um sie bekümmert hatte. Doch was sollte aus ihr werden? Gab es keine Rettung für sie aus dieser unwürdigen, hilflosen Lage? Am anderen Morgen, als die Kinder des Hauses wie gewöhnlich hinaufgingen zur Großmutter, um ihr Guten Morgen zu sagen, zog der kleine Franz etwas aus der Tasche. „Was ist das, Großmutter?" „Woher hast Du dies. Kind?" „Hinter der Türe gefunden." ^.Gib's dem Papa. Kind!" „Der braucht es aber nicht. Ich hgbe Mama gefragt. was das sei, und da sagte sie: Altes Zeug, wirf es weg," Da griff die ziiternde Händ ler Großmutter nach der Mesuso, behutsam fühlte diese sich angefaßt wie in früheren Tagen und auf einmal fielen zwei heiße, bittere Tropfen aus den Augen der alten Frau auf sie. Da fühlte.sie sich in ihrem Schmerz eins mit dem Weh dieser alten Frau. Aber etwas gab es, was sie wieder aufrichiete: Sie fühlte, daß sie unsterblich sei durch ihren Inhalt, und sie hoffte mit unerschütterlicher Zuversicht, daß es ihr gewiß noch einmal vergönnt sein werde, zur Anerkennung jener hehren und heiligen Wahrheiten beizutragen, die sie dokumentierte, jener ewigen, unvergänglichen Wahrheit : «Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" S. R.

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