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Der Israelit · 1903-03-12 · Heft 20 (12.3.1903) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 20 (12.3.1903)
Date
1903-03-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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44. Jahrgang. Iwdtc As lüliidc MMin Bor iinn ökolloiiiiilhtii Z«ssi»iiit«bniH Während unsere Glaubensgenossen in Galizien und Rumänien, unter dem auf ihnen lastenden Druck zusammengebrochen und schon längst nicht mehr in der Lage sind, allein ohne die Hilfe ihrer glücklicheren Glaubensbrüder in Westeuropa sich wieder aufzuraffen, haben die russischen Juden, die unter den Czaren Alexander I., Nikolaus I., und namentlich während der 25jährigen Regierung Alexander II. eine Reihe besserer Tage gehabt haben, bisher allen Perfolgungen gegenüber eine erstaunliche Widerstandskraft bewiesen. Sie haben die Katastrophen von 1881 und 1891 verschmerzt, haben mitten in einer schweren Verfolgung Zeit und Muße gefunden, in Palästina einen weitangelegten und vielversprechenden Kolonifationsplan einzuleiten. Ja, sie haben es noch vor ganz kurzer Zeit vermocht, aus eigner Kraft und fast ohne jede Hilfe des Auslandes, ihre in Südrußland hungernden Brüder zwei Jahre hindurch so zu unterstützen, daß sie vor dem Hungertode bewahrt blieben. Es mehren sich aber in den letzten Jahren die Zeichen, welche den bevorstehenden Zusammenbruch auch unserer ^tapferen Brüder in Rußland zu verkünden scheinen. Eine von der „I. C. A." zusammengestellte und demnächst zu veröffentlichende Statistik über die ökonomische Lage der Juden in Rußland gibt uns ein schauerliches Bild von der verheerenden Wirkung der nunmehr über zwei Dezennien bestehenden „provisorischen" Maigesetze. Aus dem gesammten russischen Reiche ausgeschlossen und in dem um einen längs der Grenze laufenden 50 Werst breiten Gürtel geschmälerten Ansiedelungsruyon zusammengepfercht, müssen "dastkbst Tlviüsop in diesem beengten Wohnsitze sich außerhalb des Weichbilds der Städte dauernd nicht aufhalten dürfen. Der Erfolg aller dieser barbarischen Maßregeln konnte auf die Dauer natürlich nicht ausbleiben und äußert sich nunmehr in einer schreckenerregenden Verarmung. Als untrüglicher Maßstab dieser Verarmung dienen die als „Moes Ehitim" bekannten Spenden, welche jeder Jude kurz vor dem Passahfeste zum Ankäufe von Weizerr zu Mazoth beanspruchen darf. Vor dem Pasiahfeste des Jahres 1898 haben nicht weniger als 32,855 Familienväter diese Unterstützung in Anspruch genommen. Diese armen Familienoberhäupter repräsentiren mit ihren Angehörigen 710,000 jüdische Seelen — 18 pCt. aller mi im Ansiedelungsrayon wohnenden Juden. Eine nähere Berücksichtigung der einzelnen Bezirke des Ansiedelungsrayons läßt leicht auf die Quelle dieser auf dem russischen Judenthum schwer lastenden Armuth schließen. Der Prozentsatz der der Unterstützung bedürftigen Juden ist nämlich im Königreich Polen, wo die Juden auch auf dem platten Lande wohnen und Grundbesitz sotvohl pachten wie kaufen dürfen, weit ge- '.ingcr, als im eigentlichen Ansiedelungsrayon, wo unsere unglücklichen Glaubensbrüder in ihrer Freizügig-!eit vollständig gehemmt und durch das Zusammenpferchen in eine Anzahl Städte in ihrem Erwerb vollständig lahmgelegt werden. Der Prozentsatz der Bedürftigen belief sich in Polen auf 16,9, in Nordwestrußland auf 19, in Südrußland auf 19,4, und in Südwestrußland auf 20 pCt. Von den einzelnen Gouvernements sei nur angeführt, daß die Zahl der armen Juden in Wilna 23,3, und in Poltawa gar 24.5 pCt. beträgt. Da die Juden durch die Maigesetze vom platten Lande nunmehr fast völlig verdrängt sind und ausschließlich in den Städten wohnen, so bilden sie in diesen durchwegs 38,6 pCt. der Gesammtbevölkerung. Die enorme Zahl der jüdischen Armen hat nun bewirkt, daß die Gesammtzahl der städtischen Armen in den 25, den Juden als Wohnsitz angewiesenen Gouvernements auf nicht weniger als 7 pCt. der gesammten Stadtbevollerung angeschwollen ist. Was diese Ziffer bedeuten will, ergibt sich aus einem Vergleich mit den andern Kulturstaaten. So beträgt der Prozentsatz der armen, einer Unterstützung bedürftigen städtischen Bevölkerung in der Schweiz 5,5, in Oesterreich 4, in England 2,2, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gar 0,10 pCt. der gesammten städtischen Bevölkerung. Die Statistik führt auch Zahlen aus den früheren Jahren auf, aus denen zu ersehen ist, daß die allgemeine Verarmung der russischen Juden in fortschreiten- 1asch7c'ZiNLchmr öcgriM^x.^lus der Menge des vorliegenden Materials wömi'?w;r-nur hervorheben, daß die Zahl der armen Juden j£. den sechs Städten Cherson, Dwinsk, Etisabethgrad. Kowno. Minsk und Wilna in den letzten fünf Jahren von 8853 auf 12,175 gestiegen ist. Dasselbe läßt sich von den Städten Warschau, Odessa und Lodz sagen, wo die Zahl der jüdischen Armen auf 92,000 Seelen angeschwollen ist. Dieser entsetzlichen Armuth gegenüber haben unsere tapferen russischen Brüder in echter Bruderliebe ein erstaunliches Hilfswerk organisirt, das ihnen die Bewunderung aller edeldenkenden Menschen eintragen muß. Im gesammten Ansiedelungsrayon gibt es weit über 20,000 Wohlthätigkeitsvereine. von denen aller-

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