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Der Israelit · 1903-03-12 · Heft 20 (12.3.1903) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 20 (12.3.1903)
Date
1903-03-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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m In jener Athmosphäre der dumpfen, finsteren Sweat-Shops war es denn auch gewesen, wo er, ergriffen von der ihn umgebenden furchtbaren Noth, zum Dichter wurde, zum Dichter der Thränen und des Schwrrzes, des Elends und des namenlosen Weh's. Und selbst da, wo sein Genius ihn in frohem Entzücken, in seliger Lust ergreift und zu wolkenlosen Höhen entführen möchte, wo sein Auge, trunken von seliger Hoffnung, die Fernen der Raume und Zeiten durcheilt, um das herrliche Zion der Zukunft zu erschauen in seiner Macht und Pracht — auch da ist's die Wehmut, das Düstere und Schwermüthige. das den Ton seiner Empfindungen dampft, den Charakter seiner Dichtungen bestimmt. Noch sieht man die Thränen in seinen Augen, man hört die ha'kberstickten Seufzer seiner gepreßten Brust, die Klagen seines zartbesaiteten Dichterherzens, m'it denen er seine Lieder gesungen. Diese Stimmung, die die ganze Sammlung durchweht, malen und kennzeichnen einige Gedichte, die gleichzeittg als Proben der poetischen Kraft und des Eigengchalts dieser Dichtungen hier Platz finden mögen: M e i n L i e b. O glaubt, kein goldenes Instrument Stimmt meine Kehle zum Singen; O glaubt, kein Wink von oben läßt Meiner Leier Saiten erklingen. Doch der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt. Der weckt in mir die Lieder, Und flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder. Dafür vergeh ich . vor meiner Zeit, Dafür verbrauch' ich mein Leän, Was können mir für einen Dank Die armen Leute 'geben. Sie geben für Thränen Thränen her, Sie können nicht anders mich lohnen — Ich bin ein Thränen-Millwnär, Und beweine die Millionen__ Von dem Gedichte „Lieder von der Armengaß" seien nur einige Strophen angeführt: „Rosinen und Mündeln" — Ihr kennt das Lied, Die Mütter singt's an der Wiege. Ihr Aug' ist so müd', das auf's Kindlein sieht. Sie selbst ist so elend — und singt doch das Lied Von der „goldenen, goldenen Ziege". Und das Kind ist krank, und der Mann ist todt — Rosinen im Lied und im Stübchen kein Vrod. Dort steht an der Presse Lin blasser Mann Und preßt und summt ein Liedel. Ich staun', wie der noch singen kann — Weh' mir! Da grinst der Tob mich an. Er spielt auf der Sterbefiedel -- Noch einen Tag und noch eine Woch', Dann fällt der Blaffe unterm Joch. Du Lied, das in der Gaff' erschallt. Du Lied voll Leid und Schrecken! Mich packt des Hasses wilde Gewalt, Das Auge brennt, die Faust ist geballt. Das Elend niederzustrecken. Zuviel der Noth, zuviel der Pein, Schließt diese enge Gasse ein. Manche dieser oft nur eintönig, die gleiche Seelenstimmung wiederholenden, die gleiche Wehmuth und Trauer enthüllenden Gedichte sind von so erschütternder Gewalt, daß man sie, trotz des schmerzlichsten Mitgefühls, das sie in jedem Leser erwecken müssen, dennoch immer und immer wieder lesen möchte. Dahin gehört das Gedicht: „An der Nähmaschine" (S. 37), „Das Lied der Noth" (S. 40). „Sturm" (S. 77), „In der Wildniß" (S. 110) u. a. Die ganze Schwermuth und Tragik des armen jüdischen Mannes, des jüdischen Proletariers, wie sie die Gedichte Rosenfeld's in so ergreifender Weise wiederspiegeln, haben in den gedankenschweren, von tiefer Symbolik getragenen Kompositionen Liliens ihren kongenialen Dolmetsch gefunden. Den Dichter interpretirend und doch nicht aufdringlich zwischen Dichter und Lehrer tretend, selbstständig und doch weder die" Poesie in den Hintergrund drängend, noch selbst in den Hintergrund reichend, nicht wetteifernd, sondern vielmehr einander stützend, hebend, ergänzend wirken hier dichterische und malerische Mnst. Durchgängig hat das Buch ornamentalen Schmuck, theils Vollbilder, größtentheils jedoch Rahmenbilder, einzelne von einer Schönheit, die man nicht genug zu schauen und bewundern zu müssen glaubt. Mit den einfachsten, man möchte fast sagen, mit den alltäglichsten, prosaischsten Mitteln, mit Blättern, Ranken und Disteln, oft auch nur mit einfachen Linien, fr selbst mit Maschinentrieben und Werkzeugen, wie Hammer und Amboß, Zangen und Zirkeln, Nadeln und Spulen, malerisch gruppirt und stilisirt, werden starke Eindrücke versucht und erreicht, zeichnerische Konstruktionen geschaffen von einer in der That überraschenden Wirkung, von bestrickendem Reiz. Bedenkt man, daß die Anzahl der hier anzuwendenden Symbole doch nur beschränkt ist, dann muß man umsomehr die Phantasie des Malers bewundern, der allein durch mannigfache Gruppirung und Stilisirung so verschiedenartige Motive und Sujets gefunden, so vielfache Wirkungen hervorgerufen hat. Aber auch in den Vollbildern bewährt sich Lilien als Meister, als Künstler. Die Malweise schlicht und

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