Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1903)
- Date
- 1903-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44. Jahrgang. M Jfs 19 Alordechai und Hmncm. Line Purimspende von SW. Schweitzer, Glogau. Zur Zeit des wankelmüihigen Perserkönigs Achaschwerosch war Israels Fortbestand nicht nur gefährdet, sondern es sah sich auch vom gänzlichen Untergang bedroht und der völligen Vernichtung preisgegeben. Tage voller Schrecken, Monde voll Bangen gingen somit dem erlösenden Purim voran. Ueberredet von einem heimtückischen und selbst nach dem Throne lüsternen Minister, kündigt das königlich bestätigte Sendschreiben die Todesbotschaft an, ste zog hinaus von Land zu Land, von Welt zu Welt durch das große, persische Reich. Israel lebte in jenen Tagen nicht mehr auf seinem eigenen Boden, zerstreut unter die Völker, vertheilt durch die Länder, mochte es wohl den tröstenden Glauben haben, es würde der Stamm, der hier entwurzelt werden sollte, doch irgendwohin einen Sproß senden, der dort seine Triebkraft entfalten könnte. Das persische Reich bedeutete aber für das damalige Israel die Welt, und sein König war ihm der Weltbeherrscher. Er regierte von' -n vtsh heißt im talmudischen Sinn ',vc cb'vr, r;co -frar. unbegrenzt war das Gebiet seiner Herrschaft, es reichte von einem Ende der Welt bis zum andern. Der Höhepunkt der jammervollen Situation ist in dein kurzen Sah nrjt?t? ausgedrückt — die Stadt Susa war bestürzt. Wie unbehaglich mußten die Juden sich da gefühlt haben, wenn ihnen jeder Perser mit Uebermuth, Haß, Mordlust und Rachgier in feffellosem Ungestüm begegnen durfte, und kein Ausweg sich fand, der immer näher rückenden Gefahr zu entrinnen! Doch wir kennen den Verlauf der Handlung und wissen, daß auch dieser finsteren Leidensnacht der herrlichste Morgen der Erlösung folgte. Zu den Hauptatteurcn in dieser an dramatischen Effekten so reichen Handlung gehören die beiden sich so schroff gegenüberstehenden Gestalten: der Jude Mordechai und der persische Minister Haman. Haman, der die Rache gegen den einen eine ganze Gesammtheit fühlen lassen wollte, freute sich schon im voraus auf die Erfüllung seines Mordplans. Er hatte bei seinem König leichte Arbeit. Dem aufgeblasenen Haman steht der bescheidene Jude Mordechai gegenüber. Klagend und trauernd durchschreitet er Susas Straßen, doch war er sicher überzeugt, es werde von irgend einer Seite schon Rettung kommen inrr npcc c-rn*1? Tusn nn. Es gab keinen „Verein jüdischer Staatsbürger", keine Kommissionen zur „Abwehr" wurden eingesetzt, und keine Petitionen verfaßt. Er hatte ein sicher wirkendes Mittel: Gebet und Fasten. So lange uns Professor Delitzsch nicht ausgegrabene Täfelchen vorlegt, die aus den Vorgängen jener Zeit Berichte enthalten, glauben wir an die Wirkung jenes Mittels. Vor dem Herrn Professor ist heute nichts mehr sicher, wir sehen schon, wie er mit neuen Ausgrabungen kommt, und entziffern wird, daß die Rolle des Haman dem Mordechai, und die des Morde-, chai dem Haman zufällt. Er wird ferner herausklügeln, die ganze Begebenheit muß viel früher stattgefunden haben, da sie mit der' hohen Kulturstufe der Babylonier nicht zu vereinbaren ist. Doch einmal waren beide Männer, Mordechai und Haman, in ihren Ansichten übereinstimmend. Als, der König das Mahl sür das Volk bereiten ließ, ergeht der Befehl e»'w v"rr prc rxrfr, jeder dürfte dabei nach Belieben verfahren, viel oder wenig essen, dem Weine mehr oder weniger zusprechen, völlig zwanglos, recht voltsthümlich sollte es da hergehen. Da machen unsere Midraschlehrer eine merkwürdige Entdeckung, weil ihnen der Ausdruck v'S' vrs für die Theilnehmer nicht paßt, sagen sie, v'x bedeutet Mordechai, und das andere trx bedeutet Haman; denn jener wird 'T-rr trx und dieser rvs: *4* u-rr genannt. Sie dächten sich die beiden Männer als Komitee für die Tischordnung. Wie konnte aber von einem zwanglosen Mahle die Rede sein, wenn diese das Kommando dabei zu führen hatten? Da kommt aber der Mägid aus Dubno und löst mit einem dem Leben, abgelauschten Gleichniß die Schwierigkeit. Ein Vater hatte einst einen Sohn, den er über alles lieble. Als die Mutter des Kindes gestorben war, nahm er eine zweite Frau, die den Sohn recht stiefmütterlich behandelte. Jemehr der Vater sich bestrebte, dem Kinde ein recht angenehmes Leben zu bieten, destomehr Einwendungen erhob die Mutter dagegen. Reichte ihm der Vater Leckerbissen, so entzog sie ihm die Mutter, selbst an den gewöhnlichen Speisen, die der Vater ihm vorsetzte, nahm die Mutter Kürzungen vor. Freigebigkeit auf der einen, Geiz auf der anderen Seite — solche Gegensätze lernte das Kind frühzeitig kennen. Einst erkrankte der Knabe heftig, doch gelang es der ärztlichen Kunst, ihn aus der Lebensgefahr zu retten. Den Eltern wurde es aber zur Pflicht gemacht, bis zur vollen Wiederherstellung seiner Gesundheit; strenge Diät einzuhalten, es mit Speisen nicht zu überladen, damit lein Rückfall eintrete, und die! Rettung nicht mißlinge'. Gab nun die Mutter dem