Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-03-09 · Heft 19 (9.3.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 19 (9.3.1903)
Date
1903-03-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449909--57795-2520543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hatte Dich wieder eingcfangen, bevor vierundzwanzig Stunden verflossen waren, und Du hättest Dir Deine Lage unerträglich gemacht und Deine ganze Zukunft in Frage gestellt. Mir geht es im Grunde genommen nicht anders. Wenn man mich in einer Gemeinde wie Kolomea nach zehn Jahren aufgesunden und gewaltsam zurückgebracht hat, so bin ich heute ganz sicher, daß es mir bei einem zweiten Fluchtversuch ebenso und noch schlimmer ergehen wird. Ich weiß nicht, wie weit ich von meinen ja mit Recht argwöhnischen, mißtrauischen Kirchenoberen bewacht werde. Einmal ist es mir durch List gelungen, das Vertrauen wieder zurückzuerobern; ein zweites Mal würde ich in ein Verließ geworfen werden, wohin kein Licht und keine Menschenmacht .dringt, und würde elend zu Grunde gehen. Das aber möchte ich nicht, ich hoffe noch immer, als Jude zu leben und sterben zu können, und das gibt mir den Muth, auszuharren." Der Pater ließ die Hände des Knaben los und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „In Wirklichkeit lebe ich hier ganz streng nach den Satzungen des Judenthums. Meinen Oberen und dem Herrn Varon gegenüber habe ich ein strenges Fastengelöbnitz aus mich genommen, das dispensirt mich vom Genüsse von Fleisch und Wein. Beides kam nicht über meine Lippen, seitdem ich hier im Schlosse bin. Was ich hier esse und trinke, dürfte der strenggläubigste Jude genießen; und nun komme einmal mit mir auf mein Zimmer." Der Pater erhob sich rasch und Abraham folgte ihm in das ihm bekannte Studirzimmer, in dem er gewöhnlich unterrichtet wurde. Dort öffnete der Pater einen Koffer, holte Tallis und Tefillin mit den Worten hervor: „Ich verlasse keinen Morgen dieses Zimmer, ohne mit Tallis und Tefillin gebetet zu haben, ich versäume nicht Mincha, nicht Maariw, ich halte den Sabbat, ohne daß es Jemand ahnt, und meine Nachtstunden gehören dem Studium des Talmud. Vor etwa 14 Tagen habe ich Äidduschin vollendet und Maseck-et Kesubos begonnen, wo ich augenblicklich gerade Folio 11 an Deinem Problem halte, nämlich an der Frage, unter welchen Bedingungen ein unmündiges, nichtjüdisches Kind in's Judenthum ausgenommen werden könne." Abraham stand starr bei diesen Enthüllungen da. und die alte Sehnsucht nach dem Judenthum, die ihn niemals verlassen hatte, brach in ihrer ganzen Mächtigkeit hervor. Unwillkürlich sprach er im jüdischen Urtext die biblischen Worte: „Wie furchtbar ist dieser Ort und ich wußte es nicht." Pater Firmian fuhr fort: „Das einzige Unrecht, das ich mit Bewußtsein begehe, ist, daß ich die Soutane trage und ein religiöses Bekenntniß heuchle, das nicht das meinige ifL Ich . will mich nicht damit entschuldigen, daß ich nicht der einzige Priester bin, der dies thut. Die Gewissenlcsigkeit der andern könnte die meinige nicht rechtfertigen. Ich heuchle das Christenthum, um als Judeleben zu können. Könnte ich entfliehen und als Jude leben, ich würde keinen Augenblick zögern, aber ich sehe keine Möglichkeit dazu; vielleicht gewährt sie mir Gott, der meine Gedanken kennt, doch noch einmal." Erschöpft hielt der Pat'er einen Augenblick inne; dann fuhr er fort: „Ich weiß nicht, wie lange mir Gottes Gnade noch zu leben bestimmt. Für's erste bleibe ich Hier im Schlosse des Barons. Du wirst einmal sein Erbe sein. Erlebe ich diese Zeit, und Du gestattest mir, weiter hier zu leben, so wirst Du mir auch gestatten, als Jude zu leben. Zu welchem Bekenntniß Du Dich einst entschließen wirst, das wollen wir heute unerörtert lassen. Auch wenn Du für's Christenthum, dem Du durch Geburt angehörst, Dich entscheiden solltest, so wirst Du mir doch gestatten, daß ich ebenfalls der Religion gemäß lebe, der ich durch Geburt angehöre. Das mir zu versprechen, wollte ich Dich bitten, und deßhalb Habe ich Dir das alles gesagt." Abraham war von solcher Erregung ergriffen, daß er kein Wort Hervorbringen konnte. „Ich sehe, Abraham," fuhr der Pater fort, „wie schwer es Dir fällt, auch nur ein Wort zu sprechen. Es gibt gehobene Augenblicke im menschlichen Leben, für welche die Sprache zu schwach ist, in welchen man die uns überwältigende heilige Weihe zu entweihen fürchtet, wenn man sie in Worte kleidet. Es bedarf aber der Worte auch nicht, Dein Handschlag genügt mir vollkommen." Abraham reichte dem greisen Lehrer tief bewegt die Hand, und heiße Thränen fielen auf dieselbe. „Ich verspreche Ihnen alles," sprach Abraham schluchzend, „aber was hat das Versprechen eines Kindes für einen Werth? Ich habe ja noch nicht einmal das Alter, in dem ein jüdischer Knabe Barmizwa wird!" „Allerdings," entgegnete der Lehrer, „bist Du noch ein Kind, das noch keine Verpflichtungen übernehmen kann, und das durch eine solche Uebernahme in Wirklichkeit nicht gebunden ist. Aber nach jüdischem Gesetz gibt es eine einzige Ausnahme, in welcher ein Knabe auch in Deinem Alter schon eine bindende, gültige Verpflichtung übernehmen kann; und zwar ivenn er die Verpflichtung in Form eines Neder, eines Gelübdes auf sich nimuit. Das Gelöbniß eines Knaben, der das zwölfte Jahr überschritten hat, besitzt dieselbe volle Verbindlichkeit, wie das eines Erwachsenen." . „O, dann verspreche ich Ihnen alles; ..Aber gilt dies auch für einen zwölfjährigen, christlichen Knaben, wie ich es heute bin, selbst wenn ich später Jude werde?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.