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Der Israelit · 1903-11-02 · Heft 87 (2.11.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 87 (2.11.1903)
Date
1903-11-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1901 für immer fertig sein dürfte, man mit dem antisemitischen Ritualmordprediger und Reichstagsabgeordneten noch einige Zeit zu schaffen haben wird. Hamburg, 30. Dkt. Im Verein ehemaliger Schüler der Talmud-Thoraschule (Tucherhaus-Jungfernstieg) hier, hielt gestern Abend der Privatgelehrte Herr Abron Marcus, früher Schüler der Talmud-Thoraschule, einen wissenschaftlichen Vortrag über das hochinteressante Thema „Die Geschichte der jüdischen Tradition." Der Redner streifte zunächst mit Geist und Humor die verschiedenen von der jüdischen Ueberliefer-rng abweichenden Lehren und Systeme, um aus der Bibel selbst und den Ergebnissen der seit Mitte des vorigen Jahrhunderts begonnenen Ausgrabungen die ileberlegenheit unserer Tradition nachzuweisen. Das System der hebräischen Sprache und ihr Vau lieferten dem Redner viele überzeugend .wirkende Beweise für ihre göttliche Ursprünglichkeit. Ebenso merkwürdige neue Argumente brachte derselbe aus der Archäologie gegen die in neologen Kreisen eingebürgerten Angriffe auf die Massora, das ist die überlieferte Vokalisation und Jnterpunktation (Nekudaus und Taamim). Gleichzeitig nahm Redner Gelegenheit zur Kritistrung eines groben Verstoßes, den Prof. Delitzsch in einem, zwei Tage früher hier im „Verein für Kunst und LUssenschaft" gehaltenen Vortrage durch einen Anachronismus um 1600 Jahre begangen hat. Delitzsch sagte nämlich (stehe Referat des „Hamb. Fremdenblatt" vom 28. v. Mts.), daß Hamurabi mit dem in der Bibel so viel genannten S a n ch e r i b identisch sei. Sancherib ist zwar vielgenannt und kann daher mir A rn r a f e l nicht verwechselt werden, der nur in Kapitel 14 der Genesis zweimal vorkommt. Zum Schlüsse besprach der Redner die von Maimonides aufgestellte Reibenfolge der Traditionsträger von Moses bis Raw Aschi und warf neue kritische Fragen auf, deren Neantwortung in einem späteren Vortrage erfolgen soll. Das zahlreich erschienene distinguirte Publikum zollte dem Redner rauschenden Beifall. Schreiber Dieses hat schon vor einiger Zeit dem Frankfurter Litteraturverein, der von Hamburg eine Subvention von ca. 3000 Mk. bezieht, die Förderung der litterarischen Arbeiten dieses eminent begabten Mannes und bedeutenden Lamdons empfohlen, allein bisher sind Erfolge in dieser Richtung nicht zu 'verzeichnen. Die Hamburger Contributanten dürften es angesichts dessen überlegen, ob sie nicht besser daran thun, ihre Beiträge ihrem hervorragenden Landsmanne unp seinem litterarischen Wirken direkt zukommen zu lassen. — Die hiesige vereinigte, alte neue Klaus, jenes altehrwürdige, dem Thorastudium und ihrer Verbreitung gewidmete Institut, erhielt unlängst aus dem Nachlasse des hochseligen Herrn Baron Wilhelm von Rothschild 120 Bände werthvoller Sofrim, welche in einem besonders hierzu gewählten Schranke im Beth Hamidrosch Ausstellung gefunden haben. Der Name des so edlen Dahingeschiedenen, sowie der Jahrzeitstag sind dem Memorial der Klaus zum ewigen Gedächtnis einverleibt worden, wovon der Freifrau von Rothschild, in deren Auftrag die obige Sendung erfolgt war, unter Abstattung des gebührenden Dankes Mittheilung gemacht worden ist. H. B. Charlottenbnrg, 1. Nov. Theod. Momms e nist heute früh 8 Uhr 45 Min. gestorben. Mit dem großen Manne, der eben gestorben ist, hat Deutschland den letzten Geschichtsschreiber von universeller Bedeutung verloren, welche das 19. Jahrhundert unserem Vaterlande gegeben hat. Ranke, Dropsen, Sybel, Treitschke, Mommsen, diese Generation der Klassiker der Hiflorigraphie ist mit dem letzten nunmehr ausgestorben. Die Besonderheit dieser Männer in unserem nationalen Leben beruhte, abgesehen von ihrer wissenschaftlichen und schriftstellerischen Leistung, in der vermittelnden Stellung, welche sie zwischen dem alten und dem neuen Deutschland einnahmen. Geboren noch in Goethes kräftigem Alter, ausgerüstet mit der ganzen klassischen und philosophischen Bildung, die den Generationen des politischen und wirthschaftlichen Ringens in wachsendem Maße verloren gegangen ist, wandten diese Geschichtsschreiber den aus der Berührung mit der Antike und mit der Vlüthezeit unserer Poesie und Philosophie gewonnenen Ideen schätz an die Betrachtung der Vergangenheit des eigenen Volkes und fremder Völker. Das langsame erwachende politische Bediirfniß der Deutschen, die doch seit fast unvordenklichen Zeiten ihre politischen Geschicke mit fatalistischer Gelassenheit ertragen hatten, nährte und steigerte sich an diesen glänzenden Schilderungen kämpfender, politischer Energien. Mommsen hat nicht, wie die anderen Genannten,, die eigene Nationalgeschichte dargestellt. Aber seine Römische Geschichte wirkte, vielleicht gerade weil sie über so fernliegende Ereignisse und darum mit umso größerer Freiheit des Ürtheils sprach, unmittelbar zündend auf die Leser, zunächst auf die Zeitgenossen, welche in den alirömischen Gestalten Typen unserer Tage, in den Klassenkämpfen Roms ihr eigenes Ringen wiederzuerkennen glaubten. Als 1880 der Antisemitismus durch Treitschkes Bekenntniß in die feinen Kreise drang, wandte Mommsen sich scharf gegen ihn, und eine bittere Polemik entstand zwischen den beiden brühmten Kollegen. In einer seiner Schriften nannte zwar Mommsen die Juden „das Ferment der Decomposition", ein Wort, das von den Judenfeinden noch heute bei jeder Gelegenheit gegen Israel in's Treffen geführt wird. Mommsen aber konnte nach seiner ganzen Stellung und nach dem Geiste seiner Werke diesen Ausdruck nur in einem für die Juden günstigen Sinne gemeint haben.

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