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Der Israelit · 1903-02-19 · Heft 14 (19.2.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 14 (19.2.1903)
Date
1903-02-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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307 Regierung bestätigt wurde. Vor etwa Jahresfrist kam nun plötzlich an den Magistrat das Verlangen der Regierung, „die israelitischen Lehrkräfte aus der Volksschule zu entfernen." Der Magistrat, der gerade damals auf einstimmigen Beschluß der beiden gemeindlichen Kollegien einem Israeliten die höchste Ehre, die eine Gemeinde verleihen kann, das Ehrenburgerrecht, zu Theil werden ließ, konnte nicht fassen, weßhab die beiden israelitischen Lehrkräfte nicht mehr das ABC christlichen Kindern beibringen können und verweigerte die Entfernung der genannten Lehrkräfte. Nunmehr ist aber ein neues Verlangen seitens der Regierung gestellt worden. Bis jetzt hat der Magistrat, dem die Sache ungemein peinlich ist, die ganze Angelegenheit nur in geheimen Sitzungen berathen. Ms kürzlich im Gemeindekollegium ein Mitglied die Frage berühren wollte, wurde vom Vorsitzenden darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um geheime Verfügungen handle, die selbst dem Gemeindekollegium nicht mitgetheilt worden seien, es sei daher die Angelegenheit in die geheime Sitzung zu verweisen. In der geheimen Sitzung beschloß dann das Gemeindekollegium, den Magistrat zu ersuchen, ihm doch Mittheilung über die Angelegenheit zu machen. Dieser Beschluß wurde in der nächsten öffentlichen Sitzung des Gemeindekollegiums verkündet, gleichzeitig aber auch mitgetheilt. daß der Magistrat dem Gemeindekollegium (es waren inzwischen zehn Tage verflossen) noch keine Antwort hat zukommen lassen. Der Magistrat möchte, ehe er mit der Regierung die Sache geregelt hat, nichts in weitere Kreise dringen lassen. Abgesehen davon, daß man eine Intoleranz in der Nichtzulassung israelitischer Lehrkräfte zur Simultan- Volksschule (unter Ausschluß des Religionsunterrichts) erblickt, weiß man auch nicht, in welcher Weise die beiden Lehrkräfte anderweitig verwendet werden sollen. Bis jetzt besteht keine Verfügung in Bayern, wonach die Israeliten nicht in den Lehrerbildungsanstalten zugelassen werden. Die Beiden haben ihre Prüfung bestanden, sind seinerzeit von der Regierung ernannt worden und sollen nun entfernt werden. Einen gesetzlichen Grund zur Pensionirung kann man nicht finden; soll nun die Gemeinde den vollen Gehalt ohne Gegenleistung auszahlen? Ungarn. Baja, im Febr. (Ein wahrer Priester.) Ter Verwaltungsausschuß der Stadt Baja hatte dieser Tage über einen interessanten Fall zu entscheiden. Der hiesige Fabriksdirektor Edmund Schön, ein Mitglied der^israelitischen Kultusgemeinde, suchte beim Heiligen Verein um die Aufnahme seines einjährigen Söhnchens als Mitglied an. . Da jedoch der Vater es seinerzeit unterlassen hatte, an dem Knäblein, als es acht Tage alt war, die nach jüdischem Ritus vorgeschriebene Zeremonie vornehmen zu lassen, verweigerte der Verein die Aufnahme mit der Begründung, daß Mitglieder des Vereins nur Juden sein können, und Jude fei nur der, an dem die rituelle Zeremonie vollzogen würde. In Folge Appellation des Vaters kam nun die Angelegenheit vor den Verwaltungsausschuß. wo dem Heilig-:» Verein in der Person des Zisterzienser Gymnasialdirektors Gustav Fölker ein starker Vertheidiger erstand. Der wackere Mönch plaidirte nämlich dafür,, daß die rituelle Zeremonie ebenso eine conditio sine qua non für die Aufnahme in das Judenthum sei, wie die Taufe für den Katholiken, und daß daher die Verweigerung der Aufnahme in den Heiligen Verein vollkommen begründet sei; die Autonomie der jüdischen Konfession müsse ebenso respektirt werden, wie die der katholischen; es möge Jeder den Anforderungen seiner Religion entsprechen. Der Verwaltungsausschuß machte diese liberale Ansicht zu der seinigen und der Heilige Verein behielt Recht. ' England. London, 16. Febr. (Ein jüdisches Aus - Wanderungsbureau.) Die Errichtung eines jüdischen Auswanderungsbureaus dürfte binnen kurzem zur Verwirklichung gelangen. Seit Jahren fordern einsichtsvolle Mäner im Judenthum die Schaffung einer Organisation zum Schutze der jüdischen Auswanderer. welche alljährlich in der Stärke von 100,000 Seelen ihre östliche Heimath verlassen, um in fernen Ländern ein neues Asyl zu suchen. Auf dem weiten Wege von dem Heimathsstädtchcn bis zum Bestimmungsorte sind diese unsere armen Brüder und Schwestern den schlimmsten Unbilden preisgegeben. Sie werden von den verschiedensten Behörden malträtirt und von gewissenlosen Agenten und sonstigen berufsmäßigen Betrügern oft um ihren letzten Groschen betrogen. Viele werden noch in der zwölften Stunde in ihrer letzten Hoffnung getäuscht, indem sie am Ziele ihrer Sehnsucht von den Behörden am Landen gehindert werden. Alle diese schweren Uebel ließen sich durch Errichtung eines Auswanderungsbureaus, das an allen Aus- und Einwanderungsplätzen geeignete Filialen hätte, leicht beseitigen, und wir können zu unserer großen Genugthuung nur mittheilen, daß der erste Schritt zur Gründung eines solchen Bureaus bereits im Gange ist. Wie Mr. M. L. Cohen in der Sitzung des Londoner Board of Deputies vom 25. Januar mittheilen konnte, wird in den nächsten Wochen schon in London ein „Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer" eröffnet werden. Dasselbe wird hauptsächlich über England und dessen Kolonien Auskunft ertheilen und die Auswanderer über die Plätze unterrichten, wo bereits jüdische Gemeinden bestehen oder in denen Nachfrage nach bestimmten Kategorien. .von Arbeitern und Handwerkern vorhanden ist. Es ist das noch nicht sehr viel, aber der Anfang ist gemacht und wir zweifeln nicht, daß die neue Institution sich mit der Zeit zu dem sehr dringend nothwendigen Auswandernngsbureau auswachsen wird.

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