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Der Israelit · 1903-02-09 · Heft 11 (9.2.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 11 (9.2.1903)
Date
1903-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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285 BfeulUeioit. Von KoberL Känkern. li6 Während der Großtnecht dieses Selbstgespräch fortsetzte, sichren Feiwel und Abraham ihrem Ziele zu, ohne daß sie bis jetzt ein Wort gesprochen hatten. Die Zeit war kostbar, vor ihrer Ankunft im gräflichen Schlöffe sollte noch Feiwel's Plan, den Knaben von allem zu unterrichten, ausgeführt sein. „Abraham," begann Feiwel plötzlich, „hast Du in Melochim (Buch der Könige) schon die Stelle gehabt, in welcher vor dem Scheiden Elijahus, die Prophetenschüler Elischa fragten: „Weißt Du auch schon, daß heute Dein Herr von Deinem Haupte genommen wird?" „Gewiß," entgegnete Abraham, und zitirte die Worte in dem Nrtert der heiligen Sprache. „Willst Du mir vielleicht eine schöne Erklärung darauf sagen?" „Eine Erklärung nicht," entgegnete Feiwel, „aber eine Geschichte will ich Dir erzählen, die Dich gewiß interessirt. Ein jüdischer Mann hatte einmal ein kleines, christliches Kind im Walde gefunden. Er nahm es mit nach Hause und erzog es mit seinen andern Kindern zusammen. Es lernte jüdisch, es führte sich ganz genau so wie die andern jüdischen Kinder sich führten; es war fromm und brav, es lernte sogar Gemoro. War das Kind nun ein Jude oder war es immer noch ein Christ?" „War das Kind getauft?" fragte Abraham. „Ohne Zweifel, dagegen haben die Pflegeltern das .Kind nie in den Bund Abrahams aufnehmen laffen, damit es, wenn es dreizehn Jahre alt wird, sich selber entscheiden kann, ob es Jude werden oder Christ bleiben will." „Und wie hat sich das Kind am Barmizwo-Tage entschieden?" „Es hat sich noch nicht entschieden, es ist heute noch nicht Barmizwa." „Wie alt ist es denn?" „Ganz genau so alt wie Du." „Wie ich? Also auch so alt wie. Joseph?" „Nein, nicht wie Joseph, sondern so alt wie Du." „Aber wir sind doch gleichaltrige Zwillingsbrüder?" „Das ist ein Jrrthum! Ist Dir's noch nie ausgefallen, . daß Du blonde Haare und blaue Augen hast, während die anderen Kinder schwarzes Haar und braune Augen haben?" „Wo lebt das Kind?" „Es sitzt hier neben mir." Abraham sah den Vater an; er sah so ernst aus und seine Stimme zitterte so heftig, daß es sich hier nicht . um einen Scherz handeln konnte. - •- v.7/- „Ist vielleicht Joseph das Kind, oder bin ich es' gar?" „Eben hast Du es selber ausgesprochen, was ich seit vielen Jahren als heiliges Geheimniß auf dem Herzen trage. Du bist das Kind." Noch einmal sah der Knabe dem Vater in die Au- , gen, ohne ein Wort zu sprechen. Dann rollten zwei, schwere Thronen aus den treuen.kindlichen Augen,' denen dann ein reicher, von heftigem Schluchzen unterbrochener Thränenstrom folgte. ' ' . „Vater, erzähle mir die Geschichte noch einmal, ich meine sonst, ich hätte geträumt. Ich bin doch ein JUde> das weißt Du doch, und das weiß ich, und wenn das/, alles wahr wäre, wäre ich ja ein Christ." " „Und wenn Du das wärest, wäre. denn das so schlimm?" „Was, Du ziehst es vor, Christ zu sein? Warum bist Du dann kein Christ, und warum willst Du keiner werden, wenn das so schön ist?" „Ich? Ich bin als Jude geboren und hoffe daher, auch als Jude zu sterben. Wer aber nicht als Jude geboren ist, der braucht es nicht zu werden, und kann deßhalb doch ein braver, rechtschaffener Mensch werden." „Aber ich bin doch auch ein Jude, so gut wie Du; erzähle mir doch noch einmal die merkwürdige Geschichte." Und nun erzählte Feiwel dem Knaben die ganze Geschichte, wie wir sie bereits kennen, klärte ihn über die Reise auf, die sie jetzt zusammen machten, und schloß seine Darstellung mit den Worten, mit denen er sie begonnen hatte, daß ihm heute sein bisheriger Herr, der.. Gott Israels, genommen werde. Als Feiwel seine Mittheilungen beendet hatte, saß der Knabe, ohne ein Wort zu sprechen, vielleicht eine Viertelstunde in sich versunken da. Plötzlich riß er Feiwel die Zügel aus der Hand und sprach mit von Thränen erstickter Stimme: „Vater! Fahre wieder zurück nach Hause zur Mutter und zu den Geschwistern. Ich will nie mehr den Grafen sehen, ich will keine Spielsachen und keine Millionen, ich will zu keinem Baron, ich will nicht.nach Rußland, ich bleibe zu Hause und bleibe Jude, wie ich es bin." Jetzt konnte Feiwel seine zur Schau getragene Ruhe nicht länger bewahren. Schluchzend fiel er dem Knaben; um den Hals und herzte und küßte ihn. ohne ein Wort ' ' hervorbringen zu können. Erst nach einigen' Minuten wurde er soweit Herr seiner Bewegung, daß er di; Hand.. des Kindes erfassen und wieder ruhig mit ihm reden - konnte. -;• '.*■/•*•;; „Abraham, Abraham! Es kann nicht sein! Deine Mutter und ich, wir lieben Dich, wie Du uns liebst, wie wir die andern Kinder lieben; aber es kann nicht, sein.

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