Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1903)
- Date
- 1903-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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, 230 treue Schilderungen ihrer Lage in der ausländischen Presse zü protestieren. Im Lande aber bleibt alles beim alten, und ein Metier nach dem andern wird als Monopol für die Vollbürger m Anspruch genommen, so daß den Juden wirklich nichts übrig bleibt, als zü verhungern. Diese Abschlachtung auf trockenem Wege ist zwar bie größte Nichtswürdigkeit, die sich denken läßt, von dieser Klasse ist aber anderes gar nicht zu erwarten, und jede Hoffnung auf eine Aenderung ist als gänzlich illusorisch abzuweisen. Die Berliner Kongreßmächte könnten zwar den Schein einer Aenderung erzwingen, aber man würde ein paar kleine Krawalle gegen die Juden inszeniren und dann sich hinter der sogenannten öffentlichen Meinung gegen jede Reform verschanzen. In Rumänien schießt man zwar auf die hungernden Bauern, wenn sie einmal unbequem werden, aber wenn es sich um die Juden handelt, genügt jeder Haufen bezahlter. Schreier, um den Regierenden den Vorwand zu liefern, weiter zu verweigern, was sie garnicht zugestehen wollen. So wird der Jude, ganz wie der Bauer, weiter Militärdienste leisten und Steuern zahlen, aber ganz wie der Bauer, von allen Rechten, nicht wie dieser nur faktisch, sondern auch rechtlich ausgeschlossen sein. Er darf außerhalb der Städte keinen Grundbesitz erwerben, in keiner Landgemeinde wohnen, in Bälde auch kein Handwerk mehr treiben, sobald es einem Rumänen beliebt, ihn zu verdrängen. Das alles nicht, weil er Jude ist, bewahre, in Rumänien gilt jede Religion als gleichberechtigt; sondern weil er, obgleich im Lande geboren, obgleich er dem Lande unter der Waffe gedient hat und keinem anderen Staate angehört, „Fremder" ist. Das Staatsbürgerrecht kann er aber nicht erlangen, denn die regierende Klasse hält eifersüchtig daran fest, daß jedes einzelne Gesuch um Naturalisation vor die Kammer gebracht und dort durch Ballotage angenommen oder verworfen werde. Ein Gesetz, das genau die Bedingungen vorschreibt, die zu erfüllen sind, vor der dann aber po ipso erfolgenden Aufnahme in den Staatsbürgerverband, gibt es nicht, weil ein solches Gesetz garnicht auszudenken wäre, das nicht mit einem Schlage wenigstens vielen.Tausenden der unbequemen Juden die Statsbürgerrechte verschaffen würde. Nur derjenige ist im Stande, die Naturalisation zu erlangen, der persönlich die Mehrheit der Kammermitglieder auf seine Seite zu bringen versteht, und seit 25 Jahren sind nicht mehr als einige hundert Naturalisationen erfolgt. Wenn trotzdem dir Berliner Kongreßmächte sich diese freche Verhöhnung ihrer Bestimmungen gefallen lassen und gegen den kaltblütigen Massenmord nicht Einspruch erheben, so liegt das daran, daß man dem Könige keine Unannehmlichkeiten machen will, diesem Könige, der von der regierenden Räuberbande als Geisel gegen Europa gehalten wird, und daß einige Diplomaten, wie beispielsweise der Pole Goluchowski. den Rumänen ein freundliches Angedenken bewahren, das in sonderbarem Kontrast steht zu der Schätzung, die er selbst dort hinterlaffen hat; liegt vielleicht auch daran, daß man heute in Europa sich für Juden nicht sonderlich zu echauffiren liebt, wie ja auch Fürst Bismarck die Judenfrage nur benutzt hat, um auf Rumänien einen Druck auszuüben, damit es den deutschen Gläubigern die Stroußberg-Aktien hundert Millionen über dem Kurse abkäufe. Das Interesse der jüdischen Finanziers war wichtiger, als das Schicksal einer Viertelmillion armer Juden. Den Juden ist nicht zu helfen, wird nicht geholfen werden. Sie müssen elend zu Grunde gehen, soweit es ihnen nicht gelingt, auszuwandern und in einem anderen Lande ihr Fortkommen zu finden. - Man sollte nun denken, diese Auswanderung wäre doch eine leichte Sache. Ein Mensch, der garnichts zu verlieren hat. ist leicht von der Scholle wegzubringen. So leicht geht es aber dennoch nicht. Zunächst möchte die Regierung die Juden zwar ausrotten, aber sie möchte nicht, daß diese dabei allzu laut schreien. Sie sollen stumm verenden. Auswandern darf also nur jener, der einen ordnungsmäßigen Auswandererpaß — hinaus, aber nicht mehr zurück — besitzt. Diesen Paß vermag sich der ärmste Jude überhaupt nicht zu verschaffen. Selbst wenn er ihn aber hätte, wäre ihm noch sehr wenig geholfen, denn wohin er sich wendet, droht ihm überall die Abschiebung, wie das ja begreiflich ist, da kein Land Sehnsucht nach einer Vermehrung seiner proletarischen Bevölkerung hat. Es gibt nur eine Rettung für ihn, die sehnsüchtig erhoffte, wie das große Loos begrüßte — Schiffskarte. Ist es einem Verwandten von ihm gelungen, draußen in Amerika als Schneider, Schuster. Anstreicher oder Taglöhner soviel zu erübrigen, daß er die Schiffskarte für ihn aufbringen kann, so ist er gerettet. Er packt sein schmales Bündel und schließt sich einer jener Gruppen an, die allwöchentlich gemeinsam das Land verlassen. Strapazen, Hunger, Mühsal werden nicht geachtet, nur hinaus, nur fort von dem „Wulech" (Wallachen), wie er seinen Verfolger nennt: er ist dann der Glückliche; die Zurückbleiben müssen, sind die Bedauernswerthen. Allwöchentlich verlassen Trupps von 200—400 Menschen das Land. In zwei Jahren sind bereits 40,000 hinüber nach Amerika, und noch versiegt die Fluth nicht. Schonherrscht in Bukarest empfindlicher Arbeitermangel, es ist kein Schneidergeselle mehr aufzutreiben, die Wohnungen stehen leer. Häuser kommen unter den Hammer, Hypotheken werden werthlos. Aber die Stauung ist unmöglich. Und es sind natürlich die Tüchtigsten, die zuerst den Wanderstab ergreifen. Die „Jewish Colonisation Assoziation", welche die Auswanderung organisirt, nimmt Niemanden, der sich an den Kosten nicht mit.der Summe von mindestens 150 Francs betheiligen kann, nicht aus Hartherzigkeit, sondern mit Rücksicht auf die amerikanischen Einwanderungsgesetze. In den Mona-