Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-02-02 · Heft 9 (2.2.1903) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 9 (2.2.1903)
Date
1903-02-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449900--57571-2520287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mannes, um die Personalien des Bräutigams feststellen zü lassen. DaLei benahm er sich wieder so lärmend und unangemessen, daß sogar der Schutzmann ihn über die Nothwendigkeit, in einem fremden Lokale auf die Aufforderung des Inhabers, den Hut abzunehmen, belehren mußte. Die anmuthige Szene hatte jetzt ein Nachspiel vor dem Schöffengericht. Dasselbe verurtheilte auf die Privattlage des Fräulein Preuß den Freiherrn, der nicht persönlich erschienen war,- weil er sich gegenwärtig mit seiner Gattin in Nizza aufhält, zu 100 Mark Geldstrafe wegen Belridigung^ weil er sich tief unter seinem Bildungsgrade benommen habe. U n g a r n. Budapest, 27. Jan. (Das ungarische Einwand er ungsgesetz.) Das Abgeordnetenhaus hat das von der Regierung unterbreitete Gesetz über die Regelung der Einwanderung nach Ungarn in der Generaldebatte unverändert angenommen. Ungarn hat für seine eigenen Bürger kein genügend Feld produktiver Arbeit, und zu Tausenden, ja zu Zehntausenden sind die Eingeborenen gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen, um sich in überseeischen Ländern ein neues Vaterland zu gründen, es glaubt demnach, keine fremde Invasion meist unproduktiver, in ihrer bisherigen Heimath zu Grunde gegangener Elemente dulden zu dürfen. Der Gesetzentwurf hat jedoch nicht diesen Gesichtspunkt als alleinige Grundlage gehabt. Schon bei der ersten Besprechung der Vorlage haben wir der Ansicht Ausdruck gegeben, daß bei der Schaffung des Gesetzes die agrarisch-reaktionären Elemente mit. hineingespielt haben. Die Vorlage richtet sich ganz augenfällig, ja fast ganz ausschließlich gegen die Einwanderung aus Galizien und Rumänien, und zwar gegen die Einwanderung der Juden aus diesen beiden Ländern. Das. wäre vom Standpunkte des berechtigten Selbstschutzes eines Staates, dem das Schicksal seiner eigenen Bürger am Herzen liegt, noch kein Gegenstand einer scharfen Kritik. Wenn die ungarische Regierung nach reiflicher Prüfung der Sachlage die erwähnte Einwanderung vom wirthschaftlichen und politischen Standpunkte als gefährlich erachtet, dann ist es ihre Pflicht, Maßregeln dagegen zu ergreifen, aber sie soll nicht Versteckensspieen, sich in das wirthschaftliche Unschuldsmäntelchen hüllen, sondern das Kind beim richtigen Namen nennen, damit man klar und deutlich wisse, was sie will und wie. weit zu gehen sie gesonnen sei. Daß dies im vorliegenden Gesetzentwurf nicht so klar zu Tage tritt, beweist wohl deutlich der Umstand, daß Mitglieder der Volkspartei wie auch gleichgesinnte und verwandte Seelen die Debatte zum Anlasse antisemitischer Ausfälle nahmen. Wenn diese Ausfälle auch nicht viel Schaden anrichten werden, wenigstens vorläufig nicht, so ist es doch bezeichnend. wie gerne gewisse Leute ihr Lieblingsthema, den Juden für alles Nachtheilige verantwortlich zu machen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorführen. Der Alkohol ist in Sudungarn, wo ihn die christlichen Mitbürger ausschänken, genau ein solches Gift und genau so theuer, wie der in Oberungarn von den „israelitischen Mitbürgern"' gemessene. Der Geldwucher einzelner Juden ist genau so verwerflich, wie der von Nichtjuden, ja von hohen Kavalieren betriebene Bodenwucher. . Also nicht von Außen allein kommt die ausschließliche Gefahr, sondern sie ist in den meisten Fällen im Innern des Landes fest eingenistet, und vor Allem müßten die Schäden der inneren Verwaltung beseitigt werden. Einige. Patentpatrioten stimmten antisemitische Melodien an, denen mehrere Mitglieder der Regierungspartei entgegentraten. Abgeordneter Visontai benutzte den Rahmen der Verhandlung dazu, um. die Regierung aufzufordern, Schritte zu unternehmen, um dem jedem Völkerrecht Hohn sprechenden Vorgehen Rumäniens gegen seine israelitischen Bürger Einhalt zu thun. Dem Ministerpräsidenten Szell schien der ganze Verlauf der Debatte recht unangenehm zu sein. In seiner Schlußrede hielt er es für angezeigt, sich dagegen entschieden zu verwahren, als ob bei Schaffung des Gesetzes konfessionelle Beweggründe maßgebend wären. Koloman Szell ist persönlich weder ein verkappter, noch ein offener Antisemit; eine solche Behauptung zu ' wagen, wäre krasser Unsinn; aber fein ewiges Laviren und Paktiren treibt Jenen, die ihre eigene Schlechtigkeit und Böswilligkeit mit den Juden decken wollen, das Wasser auf die Mühle, was mit offenem Auftreten ganz gut vermieden werden könnte. Auch die Visontai bezüglich Rumäniens ertheilte Antwort war wieder so ein Laviren. Rumänien habe sich seines Wissens, so sagte er, den Bestimmungen des Berliner Vertrages angepaßt. Was die Massenauswanderung von dorther betrifft, so sei dies eine innere Angelegenheit Rumäniens, in welche er sich nicht einzumischen wünsche. Nun wird der Entwurf bald Gesetz werden und es wird sich wohl erweisen, ob ein Theil des wirtschaftlichen Elends wirklich in der Einwanderung oder nicht doch eher in innern Fehlern seine eigentliche Ursache hat. (Fr. Ztg.) Dänemark. Kopenhagen, 26. Jan. Herr Oberrabbiner Dr. Leewenstein in Haag ist Seitens des Vorstandes und der Repräsentanten der hiesigen Gemeinde einstimmig zum Nachfolger des Herrn Obcrraübiners Simonsen ernannt worden. Die Wahl gestaltet sich um so ehrenvoller, da sie ohne vorhergehende Probepredigt nur auf Grund einer Besprechung zwischen einer Ab- ' ordnung der Gemeinde-Behörden und Herrn Dr. Lee-! wenftein erfolgt ist. In Abänderung der bisherigen Verkeilung der Competenzen werden die beiden Rabbiner unserer Gemeinde künftighin im Wesentlichen 1 vollkommen gleichgestellt fein, also auch Herr Dr. Goktein, der nunmehr nach-vierjähriger, segensreicher Wirksamkeit lebenslängliche Anstellung und Pensionsberech-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.