Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1903)
- Date
- 1903-01-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Wie meinen Sie das?* fragte Dina. . „Das muß Ihnen doch auch schon aufgefallen sein, als einer Mutter, die sich so angelegentlich um die Erziehung ihrer Kinder kümmert. Wenn Jemand lernt oder betet, beugt er sich doch vorwärts und rückwärts, ohne daß er's weiß, und oft ohne daß er's will. Aber Abraham steht und sitzt kerzengrade, ohne Bewegung, wie sehr auch Geist und Gemüth ergriffen sein mag; man meint, er hätte einen Ladstock geschluckt, das ist mir noch nicht vorgekommen. Diese Steifheit und stille Unbeweglichkeit muthet einem so fremd, fast möchte ich sagen, so unjüdisch an, daß ich ihn sogar schon darüber zur Rede gestellt habe, aber er hat mich gar nicht verstanden, und es that mir hinterher leid, daß ich ihm davon gesprochen habe." Der Verwalter und seine Frau warfen sich einen verständnißvollen Blick zu, den aber der Lehrer nicht beachtete. „Was Ihr da als einen Fehler oder doch als etwas zu Beanstandendes anseht, ist vielleicht ein großer Vorzug," bemerkte Feiwel. „Es besteht darüber, ob man besser beim Gebet und beim Lernen sich bewegt oder nicht, eine Meinungsverschiedenheit unter unfern großen Meistern. Ich glaube, daß beide Recht haben. Aber wenn ich hier eine Entscheidung treffen dürfte, würde der Umstand, daß der Scheloh Hakkodausch, und in neuerer Zeit Chajim Woloscin ganz bewegungslos beim Gebet, wie beim Thoralernen, gestanden haben sollen, mich für Methode dieser großen Männer stimmen." „Und beide sollen Recht haben?" fragte die Verwalterin. für die der Gegenstand von großem Interesse zu sein schien. „Wie wäre das möglich?" „Ich glaube, daß das Schütteln beim Gebet undbeim Lernen unserer heiligen Thora kein gedankenloser Brauch und noch weniger ein Mißbrauch ist. 'Die Kabbalisten erklären ihn in ihrer Weise, daß der jüdische Lernende und Betende von der Gottesflamme, der er sich betend und lernend naht, angezogen wird, dann aber in seine natürliche, körperliche Haltung wieder zurückfällt, wodurch diese fortwährende Schaukelbewegung entsteht, die wir Schockeln nennen. Aber da ich davon nichts verstehe, so habe ich mir die Sache einfacher erklärt. Weil unser Gebet und unser Thorastudium den ganzen Menschen und seine ungetheilte Aufmerksamkeit erfordert, diese Aufmerksamkeit aber durch Gedanken, Sorgen und Welthändel aller Art sehr oft abgelenkt wird, deßhalb suchen wir alles abzuschütteln, was unsere Andacht und Hingebung stören könnte. Die großen Männer aber, die ich vorhin mannte, standen auch außer ihrer Gebet.-, und Lernzeit, so ganz mit ihrem Sinnen und Denken im Dienste Gattes, ..daß..sic nichts.abzuschütteln hatten,, und deßhalb konnten sie bewegungslos beten und lernen. Aber wir, wenn wir uns mit unseren großen Männern irgendwie vergleichen könnten, möchten wir nur bei allem Schüft.' teln und Beugen Herr über die ftemden Gedanken ' werden, die uns um die Weihe des Gebets und die TW U des Thorastudiums bringen!" „Und da meinen Sie nun," warf der Lehrer dazwischen, „daß Abraham frömmer fühlt Md tiefer denkt, als Joseph, gerade weil er durch seine Ruhe be» - zeugt, daß er nichts Fremdartiges abzuschütteln hat?"< „Es wäre möglich," entgegnete der Verwalter, „wenn meine Erklärung richtig ist, was ich aber nicht so/, ohne weiteres behaupten will. Mir war nur darum zu ' thun, daß die gute Meinung, die Ihr von den Krtäkest habt, nicht durch die von Euch zur Sprache gebrachte Bemängelung irgendwie getrübt werde.". „Wo denken Sie hin?" entgegnete der Lehrers „Das ist durchaus nicht der Fall.' Ich hätte vielleicht selbst nicht auf diese Aeußerlichkeit geachtet, weyn ich nicht einmal eine merkwürdige., hierhergehörjgss.'.Geschichte gehört hätte, die mir aus dem Leben Rabbi ^Jonathan Eibeschütz' erzähl: wurde. Zu dessen Talmud-, vortrag brachten die Hörer, ohne dem Lehrer etwas da- ', von zu sagen, einmal einen christlichen Kandidaten der' Theologie mit, der gut im'Hebräischen bewandert, und auch etwas vom Talmud verstand. Mit diesem studir-.. ten nun einige junge Leute genau den Passus ein, der gerade im Talmud zur Verhandlung stand, so . daß'er sich an der Diskussion durch Fragen und Antworten wie ein Talmudist von Profession betheiligen konnte, , was der junge Mann auch in einer Weise that, die seine Lehrer selber überraschte. Sie halten das in Szene gesetzt, um sich zu vergewissern, ob der berühmte Scharf-' sinn ihres Lehrers ihn auch hier nicht im Stiche'laffck.! Rach dem Vortrag fragte man Rabbi Jonathan,/wie ihm der Pilpul (Dialektik) des jungen Mannes' ,'ge-' fallen habe. . „Sehr gut," erwiederte der Gefragte, „aber ein Jude ist er nicht, denn er hat sich nicht beim Lernen be-, wegt, sondern saß still und wie festgenagelt selbst -im heißesten Wortgefecht; das thut kein Jude/*)/' „Seitdem ich hier mit Abraham. lern<" führ d<r Hauslehrer fort, „habe ich oft gedacht, wie selbst ein so.. großer Mann irren kann, wenn er wirklich glaubte, die Bewegung beim Lernen sei eine spezifisch jüdische Eft genthümlichkcit. Dadurch bin ich eigentlich erst darauf aufmerksam geworden, sonst hätte: ich's wohl.nkchk.gemerkt und noch weniger zur Sprache gebracht."! . 'J Y Feiwel wollte eben erwiedern: ^Wie' .groß sind/ unsere Weisen selbst in ihren vermeintlichen Jrrthü-.. mern!" aber er besann sich noch rechtzeitig. upd,uDrdrückte jede Bemerkung. Ein Plickauf seine' Frais. dje ganz fahl .und.Mich dasaß^ belehrte ihn^ paßM,!je.W! *) Mir baö foq. Sdiotfclit: heim Lernen und Beten, juitrttf * wir eine murine Andeutung in. den» Zäirutuc>-se: .Tc*jri«rTl’nViilkt?2>7 •pa ’C i. y/cidj einer ElNiitnng Dr. Berttner^.^üÜ.üaS.dirr^ und Herberveaen dndurck» entstunden sein, dab iir jriifieccu Zeiten uicU* nur er». Buch hatten. in das sie zeitweise hineinsahen und Nch hierbei hin- und herbe,vegten. Beo. d. *38r“.