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Der Israelit · 1903-01-08 · Heft 2 (8.1.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 2 (8.1.1903)
Date
1903-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dadurch entsteht im inneren und äußeren politischen Leben der heiße, rücksichtslose Klaffenkampf um lediglich materielle, jedes höheren Zuges entbehrenden Anliegen, wie er allenthalben entbrannt ist, und zusehends weiter um sich greift. Bei uns hat die erste, bedeutsame Etappe dieses Kampfes wenige Tage vor dem Schluffe des bürgerlichen Jahres, wieder mit einer Majorisirung einer schwächeren Minderheit geendet. Auch hier intereffirt uns nicht die Entscheidung zwischen Schutzzoll und Freihandel, auch hier hat das Judenthum als solches kein größeres Interesse für die eine, als für die andere Seite, weßhalb auch hier Bekenner des Judenthums in beiden Parteien vertreten sind. Um so lebhafter beschäftigt uns auch hier die Erscheinung einer, von einer brutalen Majorität zurückgedrängten, in ihren vitalsten Interessen verletzten Minorität, die sich in unserem inneren, politischen Leben ganz mit derselben Rücksichtslosigkeit, wie in der großen Weltpolitik geltend macht. Das alles sind keine erfreulichen Anzeichen für eine Minorität, wie sie die Bekenner des Judenthums bilden. die außer ihrer numerischen Schwäche auch noch unter Vorurtheilen religiöser, sozialer und wirthschaftlicher Art, selbst in normalen Zeiten, empfindlich leiden. Diese ernsten Omina sind in dem abgelaufenen Jahre aus dem Bereiche der bloßen Anzeichen längst herausgetreten und haben in verschiedenen Gebieten Besorgniß erregende feste Gestalt angenommen. Am empfindlichsten treten diese beunruhigenden Symptome zu Tage, wenn selbst die Rechtsprechung von dem gewalttätigen Zug der Zeit beeinflußt wird. .Wenn ein excentrifcher Junker in aufreizenden Reden, die Juden mit Dreschflegeln todtzuschlagen, auffordert, und die Gerichte in dieser die Bevölkerung , aufstachelnden Provokation nur bildliche Harmlosigkeiten erblickt, so drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, wie wohl ein Jude beurtheilt und verurtheilt würde, wenn er mit denselben Worten zum Todtschlagen der Christen aufforderte! Die Religions- und Gewissensfreiheit, dieses unantastbare, verfassungsmäßig garantirte, primitive Menschenrecht, kann laut Erkenntniß des preußischen Verwaltungsgerichtshofes 'von jeder Kommune aufgehoben werden, wenn dies dem Geschmack einer zufälligen Majorität von Stadträthen entspricht. Was auf dem Wege der Reichsgesetzgebung nicht zu erreichen ist, ein Schächtverbot für Deutschland zu erwirken, wird auf diese Weise von unfern Feinden in einzelnen Kommunen mit Erfolg angestrebt. Obwohl für ein solches Verbot keine stichhaltige Begründung sich Vorbringen läßt, obwohl die ersten Fachgelehrten mit erdrückender Majorität für das jüdische Schlachtverfahren glänzendes Zeugniß abgelegt haben, obwohl der Militärfiskus aus sanitären, hygienischen und ökonomischen Gründen für seine Schlachtthiere die jüdische Methode des Halsschnittes eingeführt hat, obwohl alle Maßnahmen und Verfügungen, von welcher Behörde auch immer, von vornherein ungiltig sind, sobald dieselben eine Verletzung der Reichsverfaffung in sich schließen, so muß dir jüdische Minorität es doch über sich ergehen lassen, wenn in ihre heiligsten Interna, der Religion und des Gewissens, auf diese Weise eingegriffen wird. Durch eine an dieser Stelle gewürdigte Entscheidung des Preußischen Kammergerichts ist, während der moderne Staat immer angelegentlicher auf strenge Beobachtung der Sonntagsruhe drängt, der jüdische Sabbat der Zehngebote, dieses älteste Heiligthum der Menschheit, für vogelfrei erklärt worden. — Wie sich Entscheidungen dieser Art mit der von Allerhöchster Stelle ausgegebenen Mahnung vereinbaren lassen, daß dem Volke dir Religion erhalten bleiben soll, bleibt eine offene, nicht zu lösende Frage. Wir beschränken uns, aus der Fülle von Rechtsverletzungen. welchen die jüdische Minorität im vergangenen Jahre ausgesetzt war, auf die hier aufgeführten typischen Fälle. Daß wir nicht di: einzige Minorität sind, die unter dieser Kalamität der augenblicklichen Zeitströmung leidet, ist in Wirklichkeit nur ein sehr schwacher Trost. Im Kampf der Waffen und der Geister, mag er einem Fetzen Land, oder mag er dem Schutzzoll oder Freihandel gelten, können über Nacht durch Agitationen, Bündnisse und sonstige Eventualitäten die Majoritäten Minoritäten werden, und umgekehrt. In dieser Möglichkeit eines Wechsels liegt schon eine gewisse Garantie dafür, daß jede noch so siegestrunkene Majorität in ihrer Willkür mit ihnen entgegenstehenden Minderheiten sich eine gewisse Reserve auferlegt. Diese Hoffnung ist für unabsehbare Zeit bei der jüdischen Minderheit ausgeschlossen. In ihrer Gottesschrift. welche heiliges Gemeingut der ganzen Menschheit geworden ist, wurde ihr von vornhinein verkündet: nem di» neco td om DM D2nrr "I pDT nw car» "1 „Zerstreuen wird Euch Gott unter die Völker, und Ihr werdet eine Minderzahl dauernd bleiben unter den Nationen, zu welchen Euch Gott führen wird." (6. B. M., Kap. 4, B. 27.) Diese trüben Erfahrungen, welche das vergangene Jahr gebracht hat und welche, wenn nicht alle Zeichen trügen,' die nächste Zeit in noch gesteigertem Maße bringen wird, werden noch erhöht durch den Umstand, daß die von außen uns entgegen gebrachte Mißachtung vielfach entlnuthigend und lähmend auf den religiösen Ernst der davon Betroffenen wirkt. Das aber sollte nicht sein. Je hartnäckiger man uns und unseren Heiligthümern die Achtung und selbst die selbstverständliche Rechtsgewährung versagt, um so treuer und entschlossener müssen wir selber zu unserer, von dem großen Troß verkannten und preisgegebenen Sache stehen. Solche ernsten Zeiten sind eben ’Q' sp»* Zeiten wirklicher Prüfung und Läuterung,

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