Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1902)
- Date
- 1902-12-04
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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unb Warschau, jüdische Gelehrte, Schriftsteller und Privatleute lEimcn gelernt habe, mit denen er stch aufrichtig befteundet habe. „Die Situation in Rumänien ist skandalös. Ich habe die Absicht, hier im Unterhaus eine Debatte darüber zu veranlassen, und ich halte eine solche Debatte für. außerordentlich werthvoll. Die Wirkung einer Parlamentsdebattr, in der mancherlei Dinge zur Sprache kommen und für die ich mich ganz besonders vorbereitet habe und hoffentlich auch die rechten Worte finde, muß von großer Bedeutung sein und wurde auch in Rumänien einigen Eindruck machen. Als ich dort war, habe ich über diese Dinge mit mehreren Staatsmännern gesprochen, obgleich diese, wie ich wohl wußte, nicht gern kritisirt werden. Sie behaupten sogar, daß sie materielle Schädigungen aus ausländischen Kritiken durchaus nicht furchten, sie scheinen aber zu vergessen, daß man manchmal Freunde sehr nöthig hat. Ich möchte gern wissen, wie unsere Regierung darüber denkt und was sie zu thun beabsichtigt; deßhalb habe ich im Unterhaus die Anfrage wegen der amerikanischen Rote gestellt." Im Laufe des Gespräches erzählte Major Gordon die Geschichte von einem rumänischen Juden, der als Soldat im russisch-türkischen.^ Krieg mit großer Tapferkeit seinem Vaterland gedient hatte und zur Belohnung dafür rumänischer Bürger geworden war. Während Major Gordon in Rumänien war, hatte der Sohn dieses tapferen Soldaten seine Naturalisation nachgesucht und war abgewiesen worden. „Das ist, was die Deutschen „gemein" nennen," fügte der Marjor hinzu. „Und haben Sie auf Ihrer Reise bestätigt gefunden," fragte der Besucher, „daß die Juden eine Nation von Plutokraten sind?" Mit mitleidsvollem Lächeln erwiderte Major Gordon: „sie sind das ärmste Volk auf Gottes Erdboden." ' R u m a n i e n.. Bukarest. Eine am Justizpalais angeheftete Kundmachung des Disziplinrathes des hauptstädtischen Advokatenbarreaus bringt zur allgemeinen Kenntniß, daß nur solche r u m ä n i s ch e Bürger, welche eine juridische Bildung genossen haben, die zur Ausübung des Berufes erforderlichen Legitimationskarten erlangen können. Zur Begründung dieses bereits vor einiger Zeit angekündigten, dann aber angeblich in Folge des Widerspruchs vieler Advokaten wieder fallen gelassenen Beschlusses kann angeführt werden, daß sich aus den Advokaturssekretären; welche in Rumänien nicht etwa Advokaturaspiranten mit juridischer Bildung, sondern lediglich Privatschreiber und Bevollmächtigte ihrer Brodberren bei deren Verkehr mit den Parteien' und mit den verschiedenen Gerichtsbureaus sind, mit der Zeit viele gemeinfchädliche und durch ihre langjährige Vertrautheit mit dem Gerichtsmechanismus doppelt gefährliche Fallimentsmakler und Winkeladvokaten herauszubilden pflegen. Andererseits ist die Zahl der beschästigunslosen jungen Juristen eine so große geworden, daß ja auch nichts dagegen einzüwenden wäre, wenn man ihnen für die Zukunft die Stellen der Advokatursfekretare reserviren wollte. Aber es ‘i muß als eine brutale Unbilligkeit bezeichnet werden, daß man nun alle bisher als Advokatursekretäre beschäftigten Privatbeamten mit einem Schlage brodlos machen will. Fast alle derzeitigen Advokatursekretäre sind Israeliten. Bon der Karriere als öffentliche Beamten ausgeschlossen, hatten stch bisher viele unter den intelligenteren einheimischen Israeliten als Kanzleigehilfen und Sekretäre in den Lldvokaturkanzleien ihr Brod verdient, und es konnte ihnen nicht in den Sinn kommen, daß sie auch aus diesem Privatdienst durch einen einfachen Beschluß des Disziplinarrathes der Bukarester Advokatenkammer hinausgeworfen werden könnten. Zwar verlautet, daß gegen diesen Beschluß auf parlamentarischem Wege Einspruch erhoben werden wird. Doch ist bei der herrschenden antisemitischen Strömung keine Hoffnung auf einen Erfolg dieser Einsprache, sondern im Gegentheil alle Aussicht dafür vorhanden, daß der Beschluß des hauptstädtischen Advokatenbarreaus auch von den übrigen Advokatenkam- .mern-im Lande^nachgeahmt .werden wird. - A"m e r i k a. ' ' - - - - - Newyork. Eine merkwürdige Nachricht kommt aus Amerika und zwar aus einer zuverlässigen Quelle. Es wird da u. A. berichtet: . „Bei dem letzten hier aus Rumänien eingeiroffenen Trupp von Einwanderern, unter denen wieder, wie stets, zahlreiche Glaubensgenossen waren, befanden sich auch einige jüdische Familien mit russischen Pässen. Den Herren vom hiesigen rumänisch-jüdischen Unterstützungsverein fiel dies auß'denn die neuen Ankömmlinge kamen offenbar gleichfalls aus Rumänien, und bei der Befragung stellte sich heraus, daß sie in Wahrheit, aus dem Königreich an der unteren Donau stammten, daß sie aber ihre Pässe von russischen Agenten in der Moldau erhalten hatten. Sie erzählten, daß noch andere jüdische Familien in der Moldau, namentlich aus dem Lande und in den kleineren Städten, solche russi-. scheu Pässe ausgefolgt erhielten und damit in den russischen Unterthanenverband getreten seien. Wie verzweifelt müssen die Unglücklichen fein, wenn sie dem Leben als „Fremde ohne Protektion" das Unterthanenverhältniß zu Rußland vorziehen! Man ist hier von diesem Borkommniß frappirt, weil dasselbe zugleich auf dunkle politische Machinationen Rußlands hinzu deuten scheint." So weit die von wohlunterrichteter Seite gemachten Mitteilungen. Unsere rumänischen Glaubensgenossen können nicht nachdrücklich genug davor gewarnt werden, diesbezüglichen Einflüsterungen russischer Agenten Gehör zu geben. Bei allem Jammer ihrer trostlosen Lage müssen sie ihrem Heimathlande die Treue bewahren.. . („Z. d. Judenth.")