Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1902)
- Date
- 1902-12-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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43. Jahrgang. »^-Impressionen. ^» (Bemerkungen zu de« DarmstadLrr Vorgängen.) Von I. £./ Darmstadt. Motto: Höre — Rathenau. Ein Spiegelbild sollten die „Impressionen" Rathenaus darstellen, ein Spiegelbild des Lebens der größten Finanz- und Handelsaristokratie. Mit Nichten ist dasselbe irgendwie gelungen. Vielmehr ist deren Hauptergebniß die schmerzliche, in weiten Kreisen längst bekannte Thatsache, daß Größenwahn und Hochmuth im eigenen Lager den Antisemiten treue Bundesgenossen liefern und den Zerfall mit der angestammten Religion nicht besser bekunden, als durch Haß und öffentliche Schmähung der eigenen Glaubensgenossen.. ' Wie nahe liegt diesem scheinbaren Spiegelbild ein wirkliches von der Denkart der nichtjüdischen Beamtenaristokratie, einer gesellschaftlichen Sphäre, in welcher durch Glück und Geschick verwöhnte Mäyner, wie Rathenau, stch so sehr gerne zu bewegen suchen. Die Geschichte des Bildes liegt in einer Eisenbahnfahrt Mainz-Darmstadt, die Darsteller sind größtentheils höhere Beamte (ein Amtsrichter, ein Rechtsanwalt, ein Oberrechnungsrevisor und ein mit dem Hoftitel belehnter Buchhändler in Cannstadt), als Schauplatz des Bildes zeigt sich eine Verhandlung vor der Strafkammer in Darmstadt, und den Hintergrund desselben — ja hier liegt das Bedeutsame — bilden weite, mit den Darstellern sympathisirende Kreise von Genossen, sowie (wie stch aus dem Verhalten der Lokalpresse und leider auch aus den Ausführungen des Vcrtheidigers Dr. Osann ergibt) „liberaler" Politiker und ihnen verwandter Preßorgane. . Aus die Sache selbst — die rohen, antisemitischen Exzesse einer Gruppe von höheren Beamten gegen einen jungen, israelitischen Kaufmann — zurückzukommen, liegt uns fern. Nur die Eindrücke des sensationellen Vorfalls zur Lehre, Warnung und zum Zeugniß festzuhalten, ist der Zweck dieser Zeilen. Spricht schon die Thatsache der dem höheren Beamtenstand ängehörenden Angeklagten genügend für die dort herrschenden Vorurtheile, so entrollte die Verhandlung ein erschreckendes Bild von der Existenz des ungleich gefährlicheren latenten Antisemitismus in den sog. gebildeten Kreisen. Kein Radaupolitiker vom Schlage eines Pückler oder Bruhn standen vor dem Forum, sondern höhere Staatsbeamte, deren öffentlich stets wohl verhüllte,, wenn auch in intimem Kreise „arischer" Genossen unbemantelte Gesinnung, dem Triebe des übermäßigen Weingenusses folgend, in unfläthiger Weise zu Tage trat. , ' Aber nur den naiv denkenden Bürger konnte diese Erscheinung überraschen. Wer die traurigen Vorkomm-.' nisse des akademischen Lebens der letzten Jahrzehnte / ur felgte, wer die mehr und mehr um sich greifenden, oft unter den Augen, ja sogar mit stillschweigender Duldung der akademischen Behörden (siehe die . Auflösung der jüdischen Verbindung in Heidelberg) auftretenden antisemitischen Tendenzen in den Studentenkorporationen der deutschen Universitäten schmerzlich wahrnahm, der durfte von solchen Blüthen keine anderen Früchte erwarten. In der Darmstädter Verhandlung wurde mit drastischer Deutlichkeit die schon oft gestellte Frage beantwortet: Wie ist der Glaube an die Unparteilichkeit und Integrität der aus solchen Elementen künftig sich rekrutirenden Beamt e y und Gesetz gebe r de n k b a r.? \ Aber auch in anderer Beziehung entbehrt das Auftreten der hohen Beamten nicht des'Interesses Wie suchten stch alle des Verdachtes der antisemitischen Gesinnung zu erwehren, und. sogar der Hauptangeklagte, Amtsrichter Dr. Mäht in Darmstadt, hatte auf die Frage des ihm scharf zusetzenden Vertreters .des Nebenklägers betr. seiner Betheiligung an der antisemitischen Bewegung nach anfänglicher V e r w e i g e - r u n g d e r Antwort', nur die ausweichende Bemerkung: „Er stehe nicht auf dem Standpunkt, daß das Judenthum eine Gefahr sei." In dieser,.vor.dem Forum der Öffentlichkeit geflissentlich verheimlichten der im Innern wurzelnden und nur vor dem Wein ungestüm nach außen flüchtenden Gesinnung liegt die schwerste Verurtheilung, die feinste psychologische Würdigung des Antisemitismus seitens der eigenen Anhänger. Für die wahre Parteizugehörigkeit der Angeklagten sprach ferner das Verhalten der treuen Gefolgschaft im Zuhörerraum, welche — nicht nur aus dem Proletariat sich zusammensetzend — jede scheinbar günstige Wendung, sowie die Citirung der gebrauchten Beleidigungen mit Gejohle begleitete und bei den gegentheiligen Aussagen ihrem Aerger in antisemitischen Aeußerungen Luft macht:.. Lehrreich genug war endlich auch das Verhalten der Lokalpresse, welche ohne Ausnahme — änfänglich mit keinem Worte den Vorfall erwähnend — im.Verhandlungsbericht nicht das geringste Bedauern wegen solch „vorbildlichen" Verhaltens höherer Beamten äußerte, ja vielmehr übereinstimmend im Eingang bemerkte, es liege eine gewaltige Aufbauschung