Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1998 Gottes für abgeschafft . und Verbote seines heiligen Willens für erlaubt zu erklären. Diese Tendenz, dieser Zweck und Ziel des ganzen Reformjudenthums ist für unsere Zeit völlig gegenstandslos. Das besorgen ihre Kinder Alles selbst, viel rascher und radikaler. Deßhalb muthet sie alle „Wissenschaft des Judenthums" so fremd an, deßwegen wissen sie nicht, was ste mit ihren Rabbinern anfangen sollen, deßhalb läßt man ste mit ihrem Mummenschanz, ihren Talaren und Väffchen, ihren Predigten und Versammlungen, ruhig weiterorakeln, weil man schon vorher weiß, was dabei heräuskommt. Dazu braucht man heute kein Reformjudenthum und keinen Reformrabbiner mehr, wie sie '-die Firma auch nennen möchten. - Dazu kommt noch, daß unsere lieben Antisemiten dem Reformjudenthum den Gnadenstoß durch die in allen Variationen wiederkehrende Behauptung versetzt haben: dem alten, ^überlieferten Judenthum und seinen Bekennern. den orthodoxen Juden, gelte ihr Haß gar nicht, ihre Angriffe seien nur gegen das Afterjudenthum der Neuzeit und gegen die Reformjuden mit ihren häßlichen Auswüchsen gerichtet. Obwohl wir wissen, was es mit dieser verlogenen Unterscheidung auf sich hat, obwohl wir wissen, daß die Cohn's und Lewy's von den Antisemiten nicht erst einer Katechese über ihre religiöse Richtung unterzogen werden, bevor ste ihre bübischen Angriffe auf ste richten, so . hat doch die Thatsache genügt, um dem Reformjudenthum den letzten Rest von Kredit zu nehmen. So ist es denn heute so weit gekommen, daß die Bezeichnungen Reform, Reformjudenthum, Reformjude, Reformrabbiner, mit welchen man sich noch vor wenigen Jahrzehnten spreizte, so vollständig in Verruf gekommen sind, daß sie keiner mehr führen will. Man. schweigt den Mann todt, man spricht von ihm so wenig wie man im Hause des Gehenkten von einem Strick spricht, der bloße Name klingt heutzutage wie eine Injurie; kurz, es will keiner dabei gewesen sein! Und da wäre diese Deroute nicht zu milde beurtheilt, wenn man sie nur als Bankerott bezeichnet? Das Reformjudenthum nennt sich heute liberales Judenthum und seine Sachwalter sind die liberalen Rabbiner Deutschlands. Wie wenig dieser dsp ein too 'w bedeutet, wie wenig diese Namensände rung den Jammer abwenden kann, den sie verschleiern möchte, das dürfte der „Bericht über die zweite Hauptversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 9, - Juli 1902 zu Frankfurt a. M." bekunden,, der eine pi ton rann der ein Zugeständniß der eigenen Impotenz bedeutet, wie es das Zeugniß von Hunderten von Zeugen nicht wuchtiger und nachhaltiger ' zu bezeugen vermöchte.; Wer noch an die ^Existenz Reformjudenthums bis jetzt geglaubt hat/dem sei . Lektüre dieses Berichtes empfohlen. Er enthält ganz anderthalb Druckseiten, ist aber trotz seiner Kurze ungemein instruktiv und interessant. . Wenn, nach Hamlet, Kürze die Seele des Witzes ist, so repräsentirt dieser Bericht eine Seele ohne Körper. Er läßt schon durch seinen Titel einen tiefen Blick in die diskreten Interna der Vereinigung thun. Der Allgemeine Rabbiner-Verband zieht die geographischen Grenzen seiner Ausdehnung durch die Beifügung „in Deutschland". Die liberale Fraktion nennt sich dagegen: „Vereinigung der liberalen Rabbiner „Deutschlands". Die ersteren können sich nicht als die Rabbiner Deutschlands erklären, weil eine solche Bezeichnung die Betheiligung sämmtlicher Rabbiner Deutschlands voraussetzen würde. Von den Rabbinen Deutschlands fehlt dem Rabbiner-Verband, eine so große Anzahl, daß er sich nicht als Vertreter der . Rabbiner Deutschlands ausgeben kann, ohne sich bloßzu stellen. Wenn die Liberalen sich aber wohl.„liberale Rabbiner Deutschlands" nennen, so müssen sie' eben - ihatsächlich die sämmtlichen liberalen. Rabbinen. Deutschlands repräsentiren. Nun beträgt nach dem vorliegenden Berichte die Mitgliederzahl gegenwärtig 57. Nach einer vor einigen Jahren veranstalteten Enquete des „Deutsch-Israelit. Gemeindebundes" gibt es in Deutschland ca. 250 Rabbiner. „Die liberalen Rabbiner Deutschlands machen somit nicht einmal ein Viertel des deutschen Rabbinerstandes aus!" ' ' >; .; . . . Ihre nummerische Ueberlegenheit ist es somit nicht, durch welche die liberale Rabbinerzunft der jüdischen öffentlichen Meinung imponiren könnte. Der vorliegende Bericht enthält den Gradmesser für das Interesse, das die liberalen Amtsbrüder ihrer Vereinigung entgegen bringen. — Besonders lehrreichist für diesen Zweck folgender Passus: - ' „Die mehrfach gemachten Versuche des Vorstandes, schon früher eine Versammlung einzuberufen, hatten nicht den gewünschten Erfolg, da die dieserhalb gehaltenen Umfragen eine zu geringe Betheiligung der Kolke- - gen ergeben, und es dem Vorstande nicht opportun erschien, den Mitgliedern die immerhin großen Opfer an Zeit und Geld zuzurnuthen, wenn er ihnen hierfür nicht als Aequivalent die Aussicht auf eine zahlreich beschickte Versammlung bieten könnte. Die Hoffnung, daß eine im Anschluß an die Tagung des Rabbinerverbandes anberaumte Versammlung die Mitglieder der liberalen Vereinigung in beträchtlicher Anzahl veranlassen werde, im Interesse der guten Sache trotz der Anstrengungen der vorhergehenden Tage, noch einen Tag länger in Frankfurt a. M. zu verweilen, hat sich erfreulicherweise erfüllt, eine größere Anzahl von