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Der Israelit · 1902-11-13 · Heft 90 (13.11.1902) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 90 (13.11.1902)
Date
1902-11-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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48* ZahrLasg. MiMZttsWllM mst «ü jetzt. V. (Schluß.) Es liegt auf der Hand, daß die geringere Achtung, welche die Rabbiner heutzutage genießen, auch auf ihre Versammlungen übergeht und daß sie dabei noch in verstärktem Maße zum Ausdruck kommen muß. Das Betrübende dabei ist, daß dieselbe von den Rabbinern selbst verschuldet ist. Seitdem es Rabbiner- Bildungsanstalten gibt, welche die Prinzipienlosigkeit zum Prinzip erhoben haben, die ihren Stolz darin setzen, Rabbiner je nach Bedarf für alle Schüttirungen zu liefern, Lehr-Anstalten, deren Dozenten-Kollegium sich aus altmodischen Stock-Talmudisten und ganz modernen, bibelkritischen, btoo und chsto zusammensetzt, Seminarien, die diese Gegensätze sogar in einer und derselben Persönlichkeit vereinigen und z. B. mit dem Tallis über dem Kopf beten und gleichzeitig die am Sinai mündlich überlieferte Thora verleugnen, seitdem hat der Rabbinerstand alle Achtung und jeden Einfluß in der jüdischen öffentlichen Meinung verloren. Für den Augenblick hatte dieser Mangel an Rückgrat, Schneid und Charakter allerdings Oberwaffer. Es - gibt in jeder Gemeinde Alte, Neue, Halbe, Ganze und wie die Abstufungen alle heißen, die im Lause der Jahre mehr und weniger friedlich oder kritisch sich einander gegenüberstanden, aber bei der Wahl eines Rabbiners in sonst ungewohnter Schärfe einen Mann ihrer Anschauung an der Spitze der . Gemeinde wissen wollten. Da wirkte die Anpreisung einer originellen, bisher ganz unbekannten Sorte von „Rabbiner für Alles", wie ein neues Evangelium. Man konnte sich jetzt alle diese unerquicklichen Kämpfe sparen. Denn es gab jetzt. Rabbiner, welche die seltene Kunst verstanden, die man sonst nur bei Seiltänzern suchte, sich hübsch in der Mitte zu halten — juste milieu nannten sie es — vorsichtig nach rechts und links zu balanciren und nach beiden Seiten sich zu verneigen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie waren mit den Frommen frumm und mit den Krummen krumm und hatten allezeit fromme Bibelsprüche zur Hand, aus welchen sie bewiesen. daß dieses Gaukelspiel nicht charakterlos, sondern im Gegentheil etwas vap rnpo sei, von dem ja im Grunde genommen dasselbe gesagt ist, wenn es von Ihm heißt: brwrm vpv ran ncnnn iw cp. Sie genossen in Folge dessen, auch eine gewisse Achtung, aber es war lediglich die Achtung, wie sie Seiltänzer genießen. So lange diese auf ihrem Seil ihre halsbrecherischen Kunststücke machen, johlt ihnen die Menge Beifall zu. Aber sobald sie von ihrer schwindelhaften Höhe herniedersteigen und' sich unter - die Masse mischen, sobald die Vorstellung zu Ende ist, hat auch die Achtung ihr Ende. Hat man schon einmal gehört, daß der Beifall, den ein Jongleur einheimst, ihm z. B. zum Amte eines Bürgermeisters verholfen: hätte? Ich glaube kaum. Es gibt deßhalb kaum eine größere Persiflage, als wenn man die Rabbiner heutzutage als die geistlichen Führer der Gemeinde bezeichnen ' hört. Sie sind nicht die Führer, sie sind die Geführten.:. arm m'w jsatn i6n» Am ersten Juni d. I. waren's vier Jahre, daß im großen Saale der „Gesellschaft der Freunde" die erste Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes statt-- fand. Ewig unvergeßlich wird mir die Rede und der Ton sein, mit welcher damals Herr Justizrath Meyer Namens - des Vorstandes und der Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde, die Herren Rabbiner, liberalen und orthodoxen Genres, wie Schuljungen abkanzelte. Me sie damals ihrem Zeremonienmeister nicht nur die rechte Antwort schuldig blieben, sondern wie sie die Ruthe küßten, die sie geschlagen hatte, wie der Vorsitzende des Verbandes sich noch für die Lektion bedankte und zu Ehren des Lektors sich die Getroffenen von ihren Sitzen erhoben, das wird als ewiges Brandmal.auf der Stirne des deutschen-' Rabbinerstandes brennen! Was sich der Herr Justiz- * rath von diesen Herren wohl gedacht hat, als er seiner Freude Ausdruck gab, „einen so imposanten Kreis von geistlichen „Führern" der deutschen Judenheit ver-- sammelt zu sehen?" Doch was er auch über sie gedacht haben mag, taxirt hat er sie richtig hinsichtlich dessen, was man ihnen bieten darf. Die Führer sind die Justizräthe Meyer und Genossen am grünen Gemeindetisch. Sie geben den Ton an, und die Herren Rabbiner tanzen danach, nicken zu allen Allüren und stimmen allen Ungeheuerlichkeiten zu. Dafür sind sie da, dafür haben sie sich ja selber ausgegebcn, als Rabbiner für Alles, sie begnügen sich so vollkommen mit dem hohlen, stolzen Titel „Führer der deutschen Judenheit" zu sein, daß sie die Führerschaft ruhig denjenigen überlassen, die diese Titel herablassend vertheilen. Sie mögen predigen oder schweigen, sie mögen opponiren oder zustimmen, inan weiß, pt nee rrdrr cro, ihre Kraft reicht nicht weiter als der Hauch ihres Mundes. Man läßt sie daher ungestört ihre homiletischen Redeübungen und ihre rhetorischen Spielsächelchen auskramen, sie thun Keinem wohl und Keinem weh, sie thun, was ihres Handwerkes ist, und Keiner hat die Prätension, das Gute und Schlechte, das

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