Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1902)
- Date
- 1902-10-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449873--56934-2519695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
43» Jahrgang. MillMrsaMluWseillst M M Die folgenden Betrachtungen beschränken sich zunächst auf den „Bericht über die Thätigteit des Verbandes" während der letzten vier Jahre, wie ihn der Vorsitzende selber erstattet hat. Dieser Bericht hebt folgende Punkte hervor: 1) Abwehr der Agitation gegen das Schächten. ' 2) Stellungnahme zum Konitzer Mord. ' 3) Gesuch um Hebung der Stellung des Rabbiners beim Gemeindetag. - 4) Die Pensions- und Reliktenkasse. ' 5) Autorisirung nicht an Seminarien vorgebildeter Rabbinats-Kandidaten. Wir wollen uns nun einmal umsehen nach „dem Geist" dieser Punttk Zu Punkt 1) heißt es in dem uns vorliegenden Referat: .? „Wie ein rother Faden ziehe sich durch diese THLtigkeit die Abwehr der von thierschützlerisch-antisemitischem Fanatismus mit zäher Ausdauer fortgesetzt und verschärften Agitation gegen das Schächten.- Ne< ben anderen Maßnahmen, welche sich vorwiegend gegen die bekannten Praktiken' des ehemaligen Vorsitzenden des „Berliner Thierschutzvereins," Hans Beringer, -richteten, seien die Reffort-Minister in wiederholten schriftlichen und in unmittelbaren Vorstellungen ersucht worden, jene verhängnißvolle Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts, welches den Communen das Recht zuerkennt, auf ihren Schlachthöfen das Schächten zu verbieten, als ein Attentat auf die Religionsfreiheit der Juden anzuerkennen und (in einem Spezialfalle) zu suspendiren. . Leider blieben alle dahingehenden Schritte ohne Erfolg, was, wie bei aller Zurückhaltung - behauptet werden dürfe, ein Symptom - der bedauerlichen Verwirrung sei, welche die fortgesetzte Verlästerung unseres rituellen Schlachtverfahrens auch in denjenigen Kreisen gezeitigt habe, deren Bestreben gewissenhafter Prüfung keinem Zweifel unterliegen könne. Es sei dringend geboten, diesen Kampf, der zugleich ein' Kampf für unsere religiöse Gewissensfreiheit' ist, mit nachdrücklicher Energie fortzusetzen, und nach dieser Richtung entwickele Herr Dr. Hirsch Hildesheimer, der soeben einen Nachtrag zu der Gutachten-Sammlung herausgegeben habe und mit einem größeren, die ganze Frage behandelnden Druckwerk beschäftigt sei, eine rührige, schätzenswerthe Thätigkeit." Ich kenne wenig glattere, sinnlosere Redefloskeln, als die vom rothen Faden, der in Wirklichkeit nirgends existiri und sich in Folge dessen auch nirgends hindurchziehen kann. Aber hier ist die Anwendung dieser Redensart vielleicht nichts weniger als eine Gedanken- ' losigkeit, hier ist sie am Platze. Es ist genau so viel wirsaMe Thätigkeit, als rother Faden vorhanden. Welche Maßnahmen der Rabbiner-Verband gegen' Herrn Hans Beringer unternommen hat; wird hier bescheidener Weise nicht mitgetheilt. Da aber Herr Beringer inzwischen verstorben ist, so / wird es nicht überflüssig sein zu betonendaß die vom Rabbiner-'. Verband gegen ihn geführten Waffen nicht' die Ursache! seines Todes sind.! ■ v'-; Wichtiger als die Schritte gegen Herrn Beringer sind diejenigen, die der Verband bei den Ministern gethan hat; aber der Erfolg oder Mißerfolg ist bei beiden derselbe. Warum? Nun, da steht's ja;-'weil selbst in ministeriellen Kreisen Verwirrung herrscht/ in Folge . der Verlästerung des jüdischen Schlachtverfahrens, trotz des Bestrebens gewissenhafter Prüfung - Wenn, für diesen unerklärlichen Gegensatz zwischen Verwirrung und dem Bestreben gewissenhafter Prüfung keine ande»-- ren Beweise vorliegen, als die Behauptung'des Verbands-Vorsitzenden, so werden weniger gläubige Gemüther als die seiner Zuhörer sich weiter recht skeptisch zu dieser Erklärung verhaltend!--- Für jeden, der nicht zu diesem Rabbinerverband gehört, liegt die Sache ungemein einfacher. Nicht aus der Verwirrung, sondern aus der Klarheit,/mit welcher die Ressortminister sich ihre Petenten und ihre Petitio- . nen ansehen. läßt sich ihre ablehnendeHaltung ganz gut erklären. Glauben die Herren denn wirklich, dem Minister, der sie empfängt oder ihre . Petitionen entgegennimmt, sei ihre religiöse oder richtiger anti-religiöse Stellung ein unergründliches Geheimniß? Denken wir uns einmal den Vdrsitzenden des Rabbinerverbundes in Deutschland mit Äner auserlese- . nen Anzahl seiner Verbands-Gesinnungsgenossen in einer Audienz bei einem preußischen - Minister./ Der Wortführer bittet um Schutz des rituellen Schlachtverfahrensdas schon in der Bibel vorgeschrieben ist. > - „Die Bibel?" fragt der Minister/' „was ist denn' Ihnen eigentlich die Bibel, Herr Rabbiner?" Der Gefragte, der aus seinem Gewissen keine Mör-/ dergrube macht, der seine Lehre auch im Leben vertritt, den sein Männermuth nicht vor Königsthronen und feine Ehrlichkeit auch vor Ministersesseln nicht im Stiche läßt, holt unter der rabbinischen Toga seine' „Methodik des j u d i s che n R e l 1 g io n su n t e r r i ch t s" hervor, schlägt Seite'41 auf und liest mit feinem ganzen ethischen Pathos dett Satz vor:. - - . / „Die Bibel ist die Frucht der- Ideen, die in den' prophetischen Kreisen des Volkes lebten." : rm