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Der Israelit · 1902-10-30 · Heft 86 (30.10.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 86 (30.10.1902)
Date
1902-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43» Jahrgang. S ZU M 86 HZS Literarisches. Tr. med. Selig: Reflexionen zu Walther- Rat Henau's Impressionen: „Höre Israel." E i n e E r w i d e r u n g. Worms 19 0 2. H. Kräuter. Preis 0.7h. Als Walther Rathenau seine Impressionen: „Höre Israel" erscheinen ließ, haben wohl die jüdischen Zeitschriften insoferne davon Notiz genommen, daß die meisten die Ansicht aussprachen, man würde dem Verfasser zu viel Ehre erweisen, wollte man. sein Machwerk überhaupt einer Kritik unterziehen. Aus diesem Grunde wohl ist eine eingehende Gegenschrift nicht erschienen. Von dem Standpunkte rursr» npn? begrüßen wir die Schrift des Herrn Dr. Selig auf's Freudigste. Auch das macht uns Freude, daß der Verfasser nicht dem Stande der Rabbiner oder Lehrer angehört. Unsere Glaubensgenossen sollen sehen, daß es auch noch andere Stände gibt, die sich ihre Liebe zum Judenthum rein erhalten haben und die, ' so sehr auch ihr Beruf auf Milde und Versöhnung gestimmt ist, doch in heiligen Zorn gerathen können, wenn man das in ungerechter Weise anzugreifen sucht, was jedem gebildeten und charakterfesten Menschen heilig ist: seine angestammte und anerzogene Religion. Mit feinem Sarkasmus geißelt der Verfasser die Ungezogenheiten und Unverschämtheiten Rathenaus. Denn was ist es anders, als Unverschämtheit, wenn Rathenau den Juden vor-' wirft, daß sie keine Deutsche seien und solche erst werden müßten. Konnte denn dieser edle Herr, wenn er es nicht wußte, nicht erfahren, daß schon zur Zeit der Befreiungskriege die Juden ihr Deutschthum bewiesen und wenn er erfahren will, was die Juden in den Kriegen 1864, 66 und 70/71 auf dem Felde und in den Lazarethen geleistet, dann wandere er nach dem Kriegsministerium, man wird ihm dort aus den Akten eine Lektion geben, die ihm, falls er poch Schamgefühl hat, - die Röthe in's Gesicht treiben würde, daß seine Feder je eine solche Anklage niederschreiben konnte. Genügt ihm das noch nicht, so lese er doch einmal nach, was ein Rießer, Lasker, Vamberger und Andere für Deutschland geleistet haben. Der Verfasser folgt dem Ankläger auf Schritt und Tritt, um ihm nachzuweisen, wie wenig gerade er berufen sei, sich gegen Israel zu wenden.. Ganz außerordentlich hat es uns gefallen, daß der Verfasser am Schlüsse seiner gediegenen Schrift die Ausführungen von Prof. Dr. Alfred Kirchhofs zum Theil wiedergibt, die derselbe auf der diesjährigen Versammlung des „Thüringisch-Sächsischen Vereins für Erdkunde" in einem Vortrage: „Was ist national?" zum Ausdrucke gebracht hat. Rathenau und alle so seinesgleichen sind/ mögen sehen, wie vorurtheilsfrei christliche Gelehrte über die Juden und ihre Eigenschaften denken. - Wir wünschen, daß Dr. Selig's Schrift viel gelesen werde. Daß sie ihren Zweck erreichte, geht aus den liebenswürdigen Zuschriften hervor, die Dr. Selig aus dem antisemitischen Lager bereits erhalten hat. „Es gibt eine Zeit zum Schweigen, aber auch eine solche zum Rede n", und schweigen darf man nicht, wenn Männer wie Rathenau reden. Worms. S.Rothschild. . ZerkmgsrrachrrchLe« und Gorresporrderrzerr« Deutschland. Berlin, 27. Ok. (Zum Besuch der Burenführer in Berlin.) Ein Pariser Blatt hat in diesen Tagen von Burenfreunden gesprochen, die in den Buren eine ausbeutungsfähige Quelle der Popularität erblicken. Daß es auch in Berlin solche Burenfreunde gibt, hat sich soeben gezeigt. Wenn bei irgend einer Gelegenheit, so mußten bei dem Besuch der Buren ausgesprochene Parteimänner in den Hintergrund treten; das erforderte die selbstverständliche Rücksicht auf die Thatsache, daß unter den Zehntausenden, welche die Burengenerale umjubelten, Angehörige aller Parteirichtungen vertreten waren. Anstatt aber diesen. Sachverhalt zur Richtschnur zu nehmen, haben sich sowohl Liebermann von Sonnenberg, wie Stöcker auf das geflissentlichste in den Vordergrund gedrängt. Herr von Liebermann in einem Wagen mit General Dewet, Stöcker, ein Gebet sprechend, vor dem Bankett — beiden gegenüber drängt sich der Verdacht auf, daß sie die eigene Popularität mit Hülfe der Popularität der Burengenerale erhöhen wollten. Gleich Stöcker und Herrn von Liebermann hat die „Staatsbürgerzeitung" die Burengenerale als eine ausbeutungsfähige Quelle der Popularität benützt. Denn sicherlich ist es kein Zufall, wenn gerade während der Anwesenheit der Bärenführer von der „Staatsbürger-Ztg." ein Ausruf zu finanzieller Unterstützung des Verlegers und des Redakteurs der „Staatsb.-Ztg." wegen ihrer Verurteilung in dem bekannten Prozeß erschien, und wenn in jenem Aufruf wörtlich, gesagt wird: „Wir wollen eine Sammlung veranstalten für die >,Staatsb.-Zeitung", die in unserem Vaterland so burentapfer kämpft gegen die Uebermacht des Judenthums? .

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